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Südkreis Waldkindergarten: Das Tipi bleibt kalt
Landkreis Südkreis Waldkindergarten: Das Tipi bleibt kalt
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07:51 27.02.2020
Naturnah ist anders: Mit Gasflasche und Generator sorgt das Team vom Waldkindergarten bei Roßberg derzeit für Wärme. Quelle: Ina Tannert
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Roßberg

Der Trägerverein des Waldkindergartens „Die Waldbienen“ hat nach dem Umzug einen wahren Bürokratie-Marathon hinter sich. Im Sommer mussten Kinder und Betreuer ihren alten Standort verlassen – der Grund war der Eichenprozessionsspinner, der sich im alten Waldstück südöstlich von Roßberg breitmachte. Die Sicherheit der Kinder führte zum Umzug auf ein neues Pachtgrundstück im Norden des Ortes. Dort steht nun das Tipi des Kindergartens, in dem es seitdem kalt bleibt. Der Grund: Ebenfalls die Sicherheit der Kinder.

Denn das Kreisbauamt hat dem Verein als Betreiber untersagt, in dem Tipi Feuer zu machen. Früher nutzten die Betreuer eine Feuerstelle, um die Kinder nach einem langen Ausflug im Wald im Tipi aufzuwärmen. Das hätten sie aber nicht gedurft, wie nun umzugsbedingt durch diverse Neuanmeldungen und Anträge und weitere Vorgaben herauskam.

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Die Feuerschale des Waldkindergartens bleibt ab sofort also­ kalt – oder darf höchstens, wenn überhaupt, noch draußen benutzt werden. Doch das ist am neuen Standort gar nicht so einfach. Denn da pfeift der Wind besonders stark über die freie, leicht erhöhte Fläche. Gemütlich draußen am Lagerfeuer sitzen ist im Moment nicht möglich.

Die Feuerschale im Tipi bleibt leer: Vorsitzende Cornelia Klahn mit ihrer kleinen Tochter und Nicole Hausner vom Verein. Quelle: Ina Tannert

Dass sie kein Feuer mehr machen können, hat den Verein doch ziemlich geschockt, „wir dachten immer, das wäre kein Problem, da wir ja auch aufpassen – nun müssen die Kinder frieren“, berichtet Cornelia Klahn von der Geschäftsführung des Vereins. Eine strenge Regelung für Kindergärten mache Sinn, diese aber sei für sie aber nicht nachvollziehbar, auch weil es sich bei dem Zelt um ein Tipi handelt, das so gebaut sei, dass es nach oben weg einen natürlichen Kamineffekt gebe.

Auf Nachfrage spricht der Landkreis in dem Fall von Sicherheitsbedenken und einer „konkreten Gefährdung“ für die Kinder, woraufhin das sofortige Nutzungsverbot der Bauaufsicht erfolgte – dies auf Grundlage des Hessischen Gesetzes über Sicherheit und Ordnung und der Bauordnung.

Bauaufsicht sieht mehrere Gefahrenstellen

Eine Feuerschale mit Glutresten in dem Zelt stelle ein zu großes Risiko dar: „Bei einem solchen Glutfeuer muss immer noch von Temperaturen über 800 Grad Celsius ausgegangen werden. Ein solches Feuer in einer Feuerschale wäre selbst im Freien nur unter der Einhaltung verschiedener Sicherheitsmaßnahmen gestattet“, teilt die Kreis-Pressestelle mit.

Darüber hinaus sei bei einer Kontrolle die Feuerstelle nicht beaufsichtigt gewesen und es lagen leicht entflammbare Gegenstände in der Nähe. Außerdem sei das Abziehen von Rauchgasen in dem Tipi nicht gewährleistet, „eine weitere Gefährdung“, so der Kreis.

Um das Wärmeproblem bis zum Frühling auszuhalten, greift der Verein zwischenzeitlich auf eine mit Propangas betriebene Heizung zurück, „das wollten wir eigentlich nicht, das widerspricht doch dem ganzen Natur-Konzept eines Waldkindergartens“, sagt Klahn. Nun bot die Gemeinde in Absprache mit dem Kreis eine Übergangslösung an – die Kinder könnten vorerst im nahen Bürgerhaus unterkommen.

Neuer Bauwagen soll Abhilfe schaffen

Aber auch dafür brauche es weitere Unterlagen und eine Sicherheitsüberprüfung des Raums, „es hört einfach nicht auf, dabei geht es doch nur um eine kurzfristige Lösung bis Mai“, ärgert sich Klahn. Langfristig Abhilfe schaffen soll ein neuer Bauwagen als Unterschlupf für die Kinder, der bei schlechtem Wetter oder zum Frühstücken genutzt werden könnte. Stolze 100.000 Euro soll der eigens an die Bedürfnisse der Einrichtung angepasste Wagen kosten, die Hälfte würde die Gemeinde übernehmen, den Rest müsse der Verein stemmen, der dafür nun zu Spenden aufruft. Bürgermeister Andreas Schulz übernahm die Schirmherrschaft über die Spendenaktion.

Drei mal zehn Meter soll der Wagen groß sein, diene als Aufenthaltsraum und zugleich als Materiallager. Die Kosten seien entsprechend hoch, weil der Wagen nicht nur mehrere Funktionen sondern auch Sicherheitsaspekte erfüllen muss, damit Kinder ihn überhaupt nutzen dürfen: „Er wird extra für Kindergärten gebaut, alle was sicherheitsrelevant ist, muss beachtet und vom TÜV abgenommen werden“, erklärt Klahn.

Sie hofft nun auf die nötige Baugenehmigung, ohne die könne der Wagen nicht bestellt werden. Bis zur nächsten Kälteperiode ab Herbst könnte der neue Unterschlupf bezugsfertig sein.

Scharfe Regeln für Waldkitas in der Kritik

Auch bei anderen Einrichtungen gibt es Kritik: „Wir würden gerne Feuer im Tipi machen, dürfen es aber nicht und das ist furchtbar – das hat nichts mehr mit Naturnähe zu tun“, berichtet etwa Christiane Firnkes vom Leitungsteam des Waldkindergartens „Laubfrösche“ aus Kirchvers. „Ganze Kulturen haben ihr Leben sicher in Tipis verbracht, ich verstehe das Problem nicht.“ Viele Waldkitas fühlten sich missverstanden, man verbringe zwar viel Zeit in der Natur, aber sei dennoch auf Wärme angewiesen, idealerweise naturnahe Wärme. „Gefühlt wird uns da nicht vertraut“. Das zeige etwa auch die Regel, dass Kinder ohne entsprechende Genehmigung nicht einmal den Kita-eigenen Bauwagen nutzen dürften.

von Ina Tannert

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