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Südkreis Schwein gehabt?
Landkreis Südkreis Schwein gehabt?
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18:59 21.07.2022
Ein Blick in den Schweinestall von Andreas Fritz-Emmerich im Ebsdorfergrund.
Ein Blick in den Schweinestall von Andreas Fritz-Emmerich im Ebsdorfergrund. Quelle: Thorsten Richter
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Leidenhofen

Die Gesellschaft diskutiert über bewussteren Fleischkonsum, mehr Tierwohl, eine bessere Haltung fürs Nutzvieh. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat mit den Plänen um eine verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung die Debatte befeuert.

Der neue Anlauf um ein Tierwohl-Label bezieht sich vorerst nur auf Schweinefleisch. Das setzt Schweinehalter unter Druck, mehr ins Tierwohl zu investieren. In der Realität umsetzbar ist das aus Sicht vieler Landwirte derzeit nicht. Bauern ächzen in der Krise unter massiv gestiegenen Futter-, Dünger- und Energiekosten, der Schweinepreis kommt da bei Weitem nicht hinterher.

Der Preisdruck bremst das Tierwohl

Auch die hohen Baukosten schrecken ab. Da rücken Investitionspläne, Umbauten oder der neue Stall in weite Ferne, ob nun bei Bio oder konventioneller Haltung.

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Einer, der den Schritt zum Umbau und zugleich zur Öko-Schweinehaltung gewagt hat, ist Andreas Fritz-Emmerich aus Leidenhofen, der den Familienhof vor zwei Jahren übernahm und von konventionell auf Bio umstellte. In dem nun unter dem Naturland-Biosiegel laufenden Betrieb wurde der Schweinestall um eine Auslauffläche erweitert, die Zahl an Masttieren um 100 auf 500 reduziert, die Tiere stehen auf Stroh statt auf Spaltenböden. Kostenfaktor: rund 900 000 Euro.

Heute wäre das kaum denkbar. Würde er sich heute wieder dafür entscheiden? „Ja, ich würde es wieder machen“, sagt der 24-Jährige. Er hat praktisch kurz vor knapp umgestellt, bevor Corona kam und als es noch „humane Baupreise gab, wir hatten Glück, derzeit macht es keinen Sinn mehr, zu investieren, man holt die Bausumme gar nicht mehr rein“, sagt er.

Tierwohl-Label 2.0

Bei der staatlichen Tierhaltungskennzeichnung für Fleisch und Wurst peilt Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) ein fünfstufiges Modell an, das sich vor allem darum dreht, wie viel Platz die Tiere haben und wie komfortabel die Ställe ausgestattet sind. Die verbindliche Kennzeichnung soll im Verlauf des kommenden Jahres starten, zunächst nur beim Schweinefleisch.

Als Anschubfinanzierung für den Stallumbau ist bis zum Jahr 2026 im Bundeshaushalt eine Summe von einer Milliarde Euro vorgesehen. Über eine weitergehende Finanzierung diskutiert die Ampel-Koalition. Die Pläne für ein staatliches Tierhaltungskennzeichen gehen vielen nicht weit genug. Unter anderem sieht der Deutsche Tierschutzbund Verbesserungsbedarf bei der staatlichen Förderung oder dass bislang nur eine Kennzeichnung von Schweinefleisch vorgesehen ist, die Gastronomie außen vor bleibt. Auch die Bereiche Transport und Schlachtung sollen nicht Teil des Labels sein.

Den Preisdruck merkt er wie alle Bauern, „auch die Bio-Getreide ist teurer, dann haben sich die Kosten für Diesel verdoppelt – und der Verbraucher gibt weniger aus für Bio-Lebensmittel, das spüren wir schon“.

Langsam rutsche der Betrieb „in ein Loch rein“, Kosten und Abtrag kann er gerade noch so decken, das liege auch am teureren Bio-Fleisch, konventionelle Schweinemäster hätten es da deutlich schwerer.

Für ihn als Bio-Betrieb würde eine Tierhaltungskennzeichnung keine Veränderung bringen, er trägt bereits die höchste Haltungsstufe, Bio ist im Gesetzesentwurf des Ministers außen vor. Fritz-Emmerich sieht sich aber nicht als Insel im Meer der Unsicherheit, er verstehe wenn landwirtschaftliche Betriebe nicht Hunderttausende Euro für einen neuen Stall ausgeben, wenn sie keine Sicherheit sehen, die Schulden wieder loszuwerden.

Bauernverband bleibt skeptisch

Das bedeute nicht, dass ihnen das Wohlergehen der Tiere nicht wichtig sei, „alle Betriebe wollen ihre Tiere halten so gut es geht und für Tierwohl sorgen, die Frage ist: Können wir das?“. Derzeit nicht, dazu sei die Unsicherheit zu groß, „da stehen ja Existenzen auf dem Spiel“.

Landwirte, die etwas verändern möchten, brauchen Geld, Planungssicherheit und am Ende auch immer den Verbraucher, der bereit ist, mehr fürs Schnitzel zu zahlen.

Wenn besser produziertes Fleisch nachgefragt wird, dann würden sich die Bauern auch danach richten, „das anders und teurer erzeugte Fleisch muss aber auch gekauft werden, es muss sicher gestellt sein, dass der Bauer mehr Geld kriegt”, sagt auch Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf.

Ein Tierwohl-Label und damit verbundene Umbauten im Stall und im Betrieb müsse sich für die Tierhalter lohnen, da brauche es mehr Zuschüsse vom Staat, verlässliche Zusagen, dass diese auch über die nächsten ein, zwei Jahrzehnte Bestand haben und auch der Handel mitzieht.

„Das Spannende für uns als Landwirte ist, wie wir alle das mal vergütet bekommen”. Denn die Erzeuger stünden immer „am Ende der Kette.

Von Ina Tannert

20.07.2022
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