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Südkreis „Ein Rollstuhl ist absoluter Luxus“
Landkreis Südkreis „Ein Rollstuhl ist absoluter Luxus“
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12:00 04.06.2021
Rollstühle und andere Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung in Uganda – das gehört zur gemeinsamen Projektarbeit des Vereins "Eikos" und der Lebenshilfe Gießen.
Rollstühle und andere Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung in Uganda – das gehört zur gemeinsamen Projektarbeit des Vereins "Eikos" und der Lebenshilfe Gießen. Quelle: UAMH/IU
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Ebsdorfergrund

Die prekäre Lage der ländlichen Bevölkerung in Uganda hat sich durch die Pandemie noch weiter verschlechtert, ebenso die Situation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Behinderung, die in dem ostafrikanischen Staat als minderwertig gelten, praktisch als Außenstehende leben müssen. „Menschen mit Behinderung haben in Uganda null Chancen, das ist mit Deutschland überhaupt nicht zu vergleichen“, sagt Harald Kolmar, Vorsitzender des heimischen Vereins „Eikos“ mit Sitz in Ebsdorfergrund.

Der „Verein für Entwicklung, Inklusion und Kommunikation mit Ost und Süd“, kurz Eikos, besteht aus Mitgliedern aus ganz Deutschland und setzt sich seit 2013 unter anderem für eine Verbesserung der Lage behinderter Menschen in verschiedenen Staaten ein. Uganda gilt als eines der am wenigsten entwickelten und ärmsten Länder der Erde, der Umgang mit Behinderten sei katastrophal.

Es komme immer wieder vor, dass behinderte Kinder ausgesetzt, zum Sterben zurückgelassen werden. Überleben sie, werden sie oft versteckt, ausgeschlossen, ignoriert, „es geht so weit, dass diese Menschen teils immer noch angebunden oder verjagt werden“, berichtet Kolmar, der regelmäßig nach Uganda reist, die Hilfsaktivitäten vor Ort verfolgt.

Körperliche oder geistige Einschränkungen werde nicht toleriert, ein Verständnis für besondere Bedürfnisse der Betroffenen gebe es nicht. Es fehle an allem, von einer angemessenen Umgebung, Therapien bis zu Hilfsmitteln, „es gibt keine staatlichen Strukturen, keine Nachsorge, ein Rollstuhl ist absoluter Luxus, das können wir uns hier gar nicht vorstellen“.

Arbeitsplätze und Beratungen

Die Pandemie erschwert die Lage vor Ort weiter, um dennoch dringend benötigte Hilfe leisten zu können, haben der Verein und die Lebenshilfe Gießen zum zweiten Mal ein gemeinsames Hilfsprojekt für lokale, nachhaltige Projekte gestartet. Schon im Oktober begann Eikos damit, verschiedene Aktionen vor Ort zu initiieren, darunter ein einjähriges Projekt mit dem Ziel, das Selbsthilfepotenzial junger Menschen und ihrer Familien in den ländlichen Gebieten zu fördern.

Das Projekt wird vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziell gefördert. Im Grundsatz gehe es dabei um die sogenannte „gemeindenahe Rehabilitation“ (CBR, Community Based Rehabilitation): Bis Ende 2021 werden in Zusammenarbeit mit einer ugandischen Partnerorganisation in drei verschiedenen ländlichen Regionen Ugandas unterschiedliche Aktionen durchgeführt.

Mit einem mehrteiligen Entwicklungsziel: Die prekären Lebensbedingungen, die medizinische Versorgung und die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen und deren Familien zu verbessern, erklärt Kolmar.

Impulse setzen, Verständnis erhöhen

Mit ortsansässigen Projektpartnern entstehen derzeit Gebäude in der Region Kagumu (Ost-Uganda), die als Beratungs- und Schulungszentren dienen sollen. Es gehe um Hilfen vor Ort, um Infrastruktur, darum, Impulse zu setzen und das Verständnis wie das Zusammenleben mit behinderten Menschen zu fördern. Dabei helfen Gemeindefreiwillige, die Familien vor Ort betreuen und helfen, rund 60 Selbsthilfegruppen aufzubauen.

Zudem werden neue Arbeitsplätze geschaffen, im Reisanbau, der Tierhaltung, kleine Handwerksbetriebe bis zum Kiosk auf dem Land.

Das erste Zwischenfazit fällt positiv aus: „Es sind bereits über 25 Selbsthilfegruppen entstanden, auch die Beratung und die Hilfe vieler Familien schreitet gut voran. Wir hoffen, dass wir mit Hilfe unseres Projektpartners, aber auch der zuverlässigen Unterstützung der Lebenshilfe Gießen bis Jahresende rund 300 Menschen mit Behinderung und ihre Familien in ihrem unmittelbaren Lebens- und Wohnumfeld unterstützen können“, berichtet Kolmar. Wenn das ein Jahr lang andauernde Projekt für die CBR weiterhin Erfolg hat, bestehe die Chance auf ein Folgeprojekt mit höheren Fördersummen und einer längeren Laufzeit. Allerdings müsse dann ein höherer Eigenanteil aufgebracht werden, was für einen recht kleinen Verein mit einem geringen Spendenaufkommen sehr schwierig sei, so Kolmar.

Weitere Informationen und Kontakt zum Verein unter https://eikos.global

Behinderte Menschen in Uganda

Uganda gehört mit zu den ärmsten Ländern weltweit. In den sogenannten Entwicklungsländern oder Ländern des Südens lebt der größte Anteil der Menschen mit Behinderungen weltweit – nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 80 Prozent. Dabei werden nur sehr wenige Prozent der weltweiten Hilfen und Förderung für Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen in diesen Ländern realisiert – laut WHO etwa lediglich bis zu vier Prozent.

Von Ina Tannert

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