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Südkreis Über 40 Jahre später wird es wahr
Landkreis Südkreis Über 40 Jahre später wird es wahr
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00:18 29.04.2019
Die Baken werden beseitigt, die neue Fahrbahn gesäubert, dann steht die neue Straße dem Verkehr zur Verfügung.  Quelle: D. Heitz
Heskem

Der erste Schriftverkehr in der Angelegenheit Ortsumgehung findet sich in den Gemeindearchiven unter dem Datum 1. Juni 1976. Fast ein halbes Jahrhundert hat es dann aber doch noch gedauert, bis die Straße endlich fertig wurde. So mancher, der damals hoffte, dass er selbst noch ruhigere Zeiten in dem Dorf erleben könne, mag heute schon gar nicht mehr leben.

Für eine kleine Gemeinde wie Ebsdorfergrund ist der Bau einer solchen Straße ein Mammutprojekt. „Das größte, das ich begleitet habe“, sagt Bürgermeister Andreas Schulz. Gemeinsam hatten Anwohner, Gemeindevertreter und Verwaltungsmitarbeiter für die Realisierung gekämpft.

Dazu griff die Gemeinde auch hier und dort mal in die Trickkiste. Als im Oktober 2012 die Ortsumgehung Weimar vom damaligen Staatsminister Florian Rentsch eröffnet wurde, hatte Ebsdorfergrund Helfer in den nahen Feldern verborgen.

Auf den Pfiff des Bürgermeisters hin kamen sie aus ihrem Versteck und entrollten ein Banner. „Jetzt ist die Ortsumgehung Heskem dran“, stand darauf, und Rentsch ahnte wohl, dass es den Heskemern ernst war mit ihrem Anliegen.

Ein vom Verkehr
 geteiltes Dorf

Wer durch Heskem fährt, sieht schnell, was der Verkehr für die Anwohner bedeuten muss. Bis heute war die Ortsdurchfahrt eine wichtige Verkehrsader für alle, die aus Marburg in Richtung Südosten wollten oder in die umgekehrte Richtung unterwegs waren.

Um die Belastung durch Lärm und Abgase sowie die allgegenwärtige Unfallgefahr abzumildern, hatte die Gemeinde in den 90er-Jahren die Straße an zwei Stellen verengt – dort muss man bis heute bei Gegenverkehr warten. Zudem wurde ein durchgehender Bürgersteig angelegt.

Das mag zwar geholfen haben, doch waren diese Maßnahmen lediglich Provisorien für die Lösung eines Problems, das letztlich nur durch die Verbannung des Durchgangsverkehrs aus dem Ort aus der Welt geschafft werden konnte.
Dass der Ort eine Umgehung braucht, war also schon in den 70er-Jahren klar.

Nur, wo sollte die Trasse laufen? Im Norden oder im Süden Heskems? Die Diskussion dauerte fast zehn Jahre, bis 1987 schließlich der Plan gefasst wurde: Die Ortsumgehung soll im Süden, zwischen Heskem und Mölln entlangführen. „Die Pläne dazu waren schon ziemlich ausgereift“, erinnert sich Schulz.

Dann ein Nackenschlag: Mit einem Schreiben vom 30. Juli 
 1991 teilte das Hessische Straßenbauamt der Gemeinde mit, dass die Ortsumgehung im Rahmen eines zehnjährigen Planes bis 1999 nicht finanzierbar sein werde. Mit anderen Worten: Die Heskemer sollten mindestens noch zehn Jahre warten, bis das Land den Bau in Angriff nehmen werde.

Im Laufe der Zeit regte sich Widerstand unter den Heskemern und Möllnern wegen der geplanten Trasse. Während eines Gespräches zwischen Mitarbeitern des Hessischen Wirtschaftsministeriums und Gemeindevertretern wurde es 2001 dann ausgesprochen: Die geplante Trasse sei so nicht mehr haltbar. Eine wesentliche Rolle für diese Wertung spielte die Anbindung des Baugebietes „Auf dem Brunkel“.

Zehn Jahre
 Planung für die Katz

Also blieb nur noch der Norden. Zwar hatte das Land Hessen die Ortsumgehung 2000 dann als „dringliche Maßnahme“ im Landesentwicklungsplan aufgenommen. Der Gemeinde ging aber langsam die Geduld aus. 2004 bot Ebsdorfergrund dem Land an, die Hälfte der Planungskosten zu übernehmen. Andreas Schulz stellt dies als den eigentlichen Startschuss für das Projekt dar. „Ohne die Mitfinanzierung hätte es keinen Fortschritt gegeben.“

Als 2012 dann in Weimar die Männer aus den Feldern sprangen, um ihr Plakat zu präsentieren, unterbreitete Ebsdorfergrund dem Land Hessen einen weiteren Vorschlag: Die Gemeinde bezahlt die Straße erst mal, das Land zahlt später dann häppchenweise zurück.

Es sind doch eher große Happen, die Hessen dem Kämmerer zwischen 2020 und 2030 zurücküberweisen muss. Insgesamt hat Ebsdorfergrund 6 588 000 Euro für ein Projekt vorfinanziert, das eigentlich dem Land obliegt. Am Ende wird es die Bürger im Grund aber vor allem Zeit gekostet haben: Jahre, in denen sie darauf warten mussten, dass es endlich ruhiger wird in ihrem Dorf.

Die neue Straße ist aber weit mehr als eine Beruhigungspille. Zwischen Heskem und Wittelsberg soll eine ganz neue Gemeindemitte entstehen. Edeka und Sparkasse kommen, ein interkommunales Gewerbegebiet soll Arbeitsplätze bringen, ein Generationenpark am Heskemer Nordrand angelegt werden.

Wenn dann auch noch der neue Busbahnhof gebaut wurde, kaum noch Busse durch das Dorf fahren und schließlich Ortsdurchfahrt und Dorfplatz erneuert werden, wird sich das Gesicht Heskems und der gesamten Gemeinde verändert 
haben. „Auf die Bewohner wartet ein ganz neues Lebensgefühl“, sagt Andreas Schulz. Grundlage für all dies ist die neue Straße.

Einen „Freudentag“ nennt die Gemeinde den 26. April, weil um 17 Uhr die Umgehungsstraße am neuen Kreisverkehrsplatz zwischen Heskem und Wittelsberg offiziell eingeweiht werden soll.

Genügend
 Scheren für alle

Hierzu hat die Gemeinde alle Bürger, Freunde und Interessierte eingeladen, um gemeinsam zu feiern – und das Band durchzuschneiden, um die Straße ihrer Bestimmung zu übergeben. „Wir haben genügend Scheren da“, sagt Schulz. Die Feuerwehren der Gemeinde wollen dem Akt den passenden optischen Rahmen bieten. Alle 25 Fahrzeuge aus den Einsatzabteilungen der Ortsteile werden bei der Eröffnung Spalier stehen.

Ab 18 Uhr dann steigt am Schwimmbad eine große Fete. Der Musikverein Dreihausen spielt, und der Bürgermeister hat Freibier für alle versprochen. Wer dann später am Abend vom Fest zu Fuß durchs Dorf nach Hause geht, wird sie vielleicht schon hören, die neu gewonnene Ruhe.

von Dominic Heitz