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Südkreis Auf den Spuren der Sudetendeutschen
Landkreis Südkreis Auf den Spuren der Sudetendeutschen
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13:56 30.09.2021
Geschichtsstudentin Xenia Gärtner begibt sich für ihre Bachelor-Arbeit auf die Spuren von Heimatvertriebenen in Weimar. Dem Bahnhof Niederwalgern fällt dabei eine besondere Bedeutung zu.
Geschichtsstudentin Xenia Gärtner begibt sich für ihre Bachelor-Arbeit auf die Spuren von Heimatvertriebenen in Weimar. Dem Bahnhof Niederwalgern fällt dabei eine besondere Bedeutung zu. Quelle: Ina Tannert
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Niederwalgern

Ausgewiesen, aus dem Zuhause verjagt und als zusätzliche Esser in der Fremde nicht willkommen. Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen Gebieten des Deutschen Reiches vertrieben wurden, hatten in Nachkriegsdeutschland ein schweres Los in ihrer neuen Heimat, die doch keine war.

Rund zwölf Millionen Deutsche aus den einstigen Gebieten, die zu Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion, Ungarn oder Rumänien gehören, kamen in die Bundesrepublik und die DDR. Sie stammten aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Böhmen, aus Czernowitz, Siebenbürgen oder der Gottschee.

Bis heute prägt die Flucht die Biografien von Betroffenen und deren Nachkommen. Allein etwa drei Millionen Vertriebene kamen als Sudetendeutsche aus der ehemaligen Tschechoslowakei, aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Der Gemeinde Weimar kommt dabei in der Region eine besondere Bedeutung zu, der Bahnhof Niederwalgern war einst Umschlagplatz für zahlreiche Menschen, die von dort aus im ganzen Land verteilt wurden.

Ihrer Geschichte in Weimar auf der Spur ist Xenia Gärtner. Die gebürtige Marburgerin wuchs in Niederwalgern auf und studiert Geschichte an der Gießener Justus-Liebig-Universität. Sie forscht im Rahmen ihrer Bachelor-Thesis zur Integration von Heimatvertriebenen, speziell Sudetendeutschen. „Es ist ein wichtiges und spannendes Thema, die osteuropäische Geschichte fand ich schon immer interessant“, erzählt die 25-Jährige im OP-Gespräch. So entstand auch der Schwerpunkt ihrer Abschlussarbeit, womit sie zugleich den Bogen zur eigenen Heimatgeschichte schlägt.

In der Arbeit blickt sie gezielt auf den ländlichen Raum, wo in vielen Orten nach dem Krieg Betroffene ankamen, „in den Städten war der Wohnraum knapp, viele Vertriebene wurden damals auf den Dörfern untergebracht“. Der Bahnhof in Niederwalgern, damals deutlich größer, bildete einen Knotenpunkt – ankommende Vertriebene wurden von dort aus auf die umliegenden Ortschaften verteilt oder reisten weiter.

Der Bahnhof Niederwalgern. Quelle: Ina Tannert

Für ihre Recherche untersucht sie offizielle Dokumente und Aufzeichnungen, möchte unter anderem herausfinden, wie viele Menschen aus dem Sudetenland in Niederwalgern ankamen und wo sie untergebracht wurden.

Sie ist außerdem auf der Suche nach weiteren Informationen. Zeitzeugen oder Hinterbliebene sind die wohl wertvollste Quelle, nach mehr als sieben Jahrzehnten jedoch kaum noch zu finden. Die Studentin sucht ihr Erbe, Hinterlassenschaften, Zeitdokumente, etwa Vertriebenen- und Flüchtlingsausweise oder Anträge auf finanzielle Unterstützung. Oder auch private Aufzeichnungen, „der Traum wären natürlich Briefe, wo Menschen über ihre Ankunft und ihr Leben erzählen“, hofft Xenia Gärtner.

Sie ist sich bewusst, dass es hierbei für viele Menschen um ein sehr sensibles Thema geht, die Vertreibung war für Betroffene ein traumatischer, katastrophaler Einschnitt im Leben. Sie mussten den Neuanfang in der Fremde stemmen, auch wenn bis heute viele Familien weiter Kontakt pflegen, waren sie als zusätzliche Esser in Nachkriegsdeutschland nicht willkommen. „Viele waren völlig mittellos, sie wurden da untergebracht, wo eben Platz war und mussten sich ein komplett neues Leben aufbauen.“

Bis Dezember möchte sie ihre Arbeit abschließen, noch läuft die Recherche. Die Gemeinde, ebenfalls die Geschichtsvereine aus Weimar und Lohra unterstützen sie dabei. Xenia Gärtner würde sich freuen, wenn sie weitere Ansprechpartner erreichen würde. Sie hofft auf neue Erkenntnisse rund um das Leben von und mit vertriebenen Sudetendeutschen in Weimar, speziell Niederwalgern, die es noch nicht in ein Archiv geschafft haben. Dieses wertvolle Wissen soll nicht verloren gehen, sie möchte es bewahren und mit in ihre Arbeit einfließen lassen.

Vielleicht finden sich noch Betroffene mit sudetendeutschen Hintergrund, die sich bereit erklären, über ihre Erinnerungen zu sprechen. Oder ihre Nachkommen, die historische Unterlagen und Briefe aufbewahrt haben und diese als Quellen zur Verfügung stellen möchten. Interessierte können sich bei der Studentin melden.

Kontakt zu Xenia Gärtner unter xenia.gaertner@arcor.de oder unter 0178/8830319.

Von Ina Tannert