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Südkreis Straßenmeisterei fällt Fichte mit Turmfalken
Landkreis Südkreis Straßenmeisterei fällt Fichte mit Turmfalken
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14:00 04.07.2021
Günter Krantz vom Verein für Vogel- und Naturschutz Lohra am Stumpf der gefällten, kahlen Fichte. Er geht davon aus, dass das Nest in drei bis vier Wochen von den jungen Turmfalken verlassen worden wäre.
Günter Krantz vom Verein für Vogel- und Naturschutz Lohra am Stumpf der gefällten, kahlen Fichte. Er geht davon aus, dass das Nest in drei bis vier Wochen von den jungen Turmfalken verlassen worden wäre. Quelle: Götz Schaub
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Kehna

Am vergangenen Dienstag wurde an der Kreisstraße 102 wenige Meter vor der Ortschaft Kehna von der Straßenmeisterei Steffenberg eine kahle Fichte gefällt. Als der ausführende Trupp mit den Vorbereitungen begann, wurden einige Menschen in Kehna darauf aufmerksam und suchten nach eigener Aussage den sofortigen Kontakt zu den Baumfällern, um ihnen mitzuteilen, dass sich in der Krone des Baumes ein Nest befindet, das von einem Turmfalkenpaar angeflogen wird, sprich, sich Jungtiere dort befinden müssen.

Der Baum wurde kurze Zeit später gefällt. Das Nest knallte auf die Straße und drumherum lagen fünf kleine, noch nackte Turmfalken, alle tot. Für Julia Kehm, die in unmittelbarer Nähe arbeitet, ist es nicht nachvollziehbar, warum man auf ihren Hinweis, der von weiteren Menschen aus Kehna gestützt wurde, nicht reagierte. „Der Baum war kahl, das Nest war unübersehbar“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Jungtiere im Nest waren offensichtlich schon so groß, dass das Elternpaar gleichzeitig auf Futtersuche gehen konnte. „Das Nest wurde auch an diesem Tag angeflogen“, sagt Kehm.

Günter Krantz vom Verein für Vogel- und Naturschutz Lohra war kein unmittelbarer Zeuge, doch schaute er sich den Ort einen Tag später an. Der mächtige Baumstumpf mache auf ihn nicht den Eindruck, dass der Baum unmittelbar, also ohne jegliche Verzögerung, hätte gefällt werden müssen. „Wahrscheinlich wäre das Nest in drei bis vier Wochen leer gewesen“, schätzt er. Wenn tatsächlich Gefahr im Verzug gewesen wäre, wäre die Straße sicher auch vorher abgesperrt worden, doch fuhren bis zur Fällung dort Autos und Lastwagen sowie Radfahrer vorbei.

„Als wir bemerkten, dass die Arbeiten fortgesetzt wurden, dachten wir zuerst daran, die Polizei zu rufen, doch wäre die auch nicht mehr rechtzeitig gekommen. Es gab keine Möglichkeit für uns, die Arbeiten zu stoppen“, sagt Julia Kehm. Sie setzte sich aber dann mit der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises in Verbindung, um die Sache dort zur Kenntnis zu bringen.

Auf Anfrage dieser Zeitung bestätigt Sascha Hörmann als Sprecher des Landkreises Marburg-Biedenkopf, dass die Untere Naturschutzbehörde in Kenntnis gesetzt worden ist. Er informiert auch darüber, dass „Mitarbeitende der Naturschutzbehörde sich vor Ort ein Bild gemacht und ein Anhörungsverfahren gegenüber Hessen Mobil in Gang gesetzt haben, um den Sachverhalt weiter aufzuklären“. Danach soll über weitere Maßnahmen entschieden werden. Hörmann sagt aber auch, dass die Fichte als „verkehrsgefährdend“ eingestuft wurde.

Warum jetzt ein Anhörungsverfahren gegenüber Hessen Mobil? Weil die Straßenmeisterei Steffenberg der Straßenbaubehörde des Landes angegliedert ist. Hessen Mobil bestätigt, dass ein Anhörungsverfahren eingeleitet wurde. Mehr könne man zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu nicht sagen. Doch wolle man dem ungeachtet schon sein Bedauern in dieser Angelegenheit zum Ausdruck bringen. „Der Artenschutz ist bei Hessen Mobil ein sehr wichtiges Thema und nimmt auch in unserer Arbeit einen hohen Stellenwert ein“, sagt Sonja Lecher, Sachgebietsleiterin und Sprecherin vom Regionalbüro Westhessen von Hessen Mobil. Die Untere Naturschutzbehörde wie auch Hessen Mobil bekräftigen, dass es sich hier um einen „sehr bedauerlichen Einzelfall“ handele.

Derweil berichtet Julia Kehm, dass das Turmfalkenpaar in den zurückliegenden Tagen immer wieder den Ort überflogen hat, wo die Fichte gestanden hatte, um nach seinem Nachwuchs zu suchen.

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz gehören alle Greifvögel zu den streng geschützten Vogelarten in Deutschland. Wild lebende Tiere dürfen nicht gefangen, getötet oder mutwillig gestört werden.

Von Götz Schaub