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Südkreis Das beste Brot ist selbstgemacht
Landkreis Südkreis Das beste Brot ist selbstgemacht
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11:00 05.12.2021
Backtag im Backhaus Sichertshausen mit der Volkstanz- und Brauchtumsgruppe „Die Marburger“ (von links): Bruni Weber, Christel Combé, Brigitte Engelhardt, Ellen Müller und Karin Michel kneten kiloweise frischen Sauerteig.
Backtag im Backhaus Sichertshausen mit der Volkstanz- und Brauchtumsgruppe „Die Marburger“ (von links): Bruni Weber, Christel Combé, Brigitte Engelhardt, Ellen Müller und Karin Michel kneten kiloweise frischen Sauerteig. Quelle: Fotos: Ina Tannert
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Sichertshausen

Weißer Rauch steigt auf über Sichertshausen. Schon von weitem sind die Schwaden über den Dächern zu erkennen. Weiße Wölkchen wehen aus dem Schornstein des Backhauses und entschwinden in der kalten Novemberluft, vom Nieselregen regelrecht weggewaschen. Die Nässe hält sich hartnäckig, da kommt die Flucht an den warmen Ofen an diesem kalten Samstag gerade recht.

Es ist Backtag. Seit Tagen laufen die Vorbereitungen von gut einem Dutzend Bäckerinnen und Bäckern rund um das historische Backhaus von Sichertshausen. Heute geht die Volkstanz- und Brauchtumsgruppe Die Marburger frisch ans Werk, die nicht nur die Back-Tradition pflegt, sondern auch die Tracht – beides wird hier gerade miteinander verknüpft. Die Mitglieder Peter Kelch und Achim Michel haben sich in ihre Arbeitstracht geworfen, „das gehört eben mit dazu, das ist Brauchtumspflege“, verrät Kelch schmunzelnd. Seit acht Uhr am Morgen schleppen sie schon Buchenholz herbei. Das wandert in das tiefe Gewölbe und heizt die Steine des Ofens ordentlich auf. Das Backhaus, das dort schon seit dem 17. Jahrhundert steht, wurde gerade erst umfangreich saniert – Zeit, das frisch renovierte Häuschen passend einzuweihen. Die Anheizer machen das gerne und freiwillig, „früher wurde noch ausgelost, wer anheizen musste“, erzählt Peter Kelch. Denn wenn damals am Backtag schon der Ofen angeheizt wurde, dann nutzten das mehrere Familien. Der Fairness halber entschied das Los, welche davon das Holz besorgte. Das ist heute kein Thema, es geht um die gelebte Tradition.

Auch im Nachbarhaus

geht es heiß her

Achim Michel heizt den Ofen an. Quelle: Foto: Ina Tannert

Während immer mehr Holzreste und trockener Baumschnitt im Ofen verschwinden, geht es auch im Nachbarhaus heiß her. Im ersten Stock der Familie Kelch legen sich die Frauen der Backgemeinschaft seit dem Morgen mit ganzem Körpereinsatz ins Zeug. Fünf erfahrene Bäckerinnen stehen um einen alten Backtrog herum und kneten, was die Armmuskeln hergeben.

Eine schweißtreibende Arbeit in der sowieso schon sehr warmen Küche. Am heißen Herd steht Andrea Kelch, bereitet den Schmandkuchen vor und koordiniert die ganze Küchenmannschaft. Sie hat schon Tage vorher den mit Roggenmehl und Wasser angesetzten Sauerteig mit frischem Mehl vermengt, „so kann der Teig schonmal vorgehen“, erzählt sie. Das Gemisch ergibt zusammen mit dem restlichen Mehl – auf 25 Kilo Roggenmehl 997 kommt ein Kilo Dinkelmehl 630 – Salz, Trockenhefe und Wasser 50 Kilogramm Teig, der zurechtgemacht werden will.

Und das bedeutet gute zwei Stunden Knetarbeit, bis die widerspenstige Masse geschmeidig wird und alle Luftblasen weichen. Der zähe Teig wird immer wieder zu Bällchen geformt und platt gedrückt, wandert von einer Seite des Trogs zur anderen und durch viele Hände. „Von oben zu drücken ist am besten, so hat man mehr Kraft“, verrät Karin Michel, während sie dem nächsten Stück zu Leibe rückt. Schon bald schmerzen ihnen die Hände, die Frauen machen dennoch tapfer weiter. „Natürlich ist das anstrengend. Die Leute früher wussten schon, warum sie nur alle vier Wochen gebacken haben“, sagt Bruni Weber lachend. Aber es lohnt sich; „es macht Spaß und das Brot schmeckt am Ende doppelt so gut“, verrät sie. Nach und nach formen die Bäckerinnen dutzende Teigkugeln, die für zwei Stunden in Ruhe gehen können.

Bruni Weber beim Teigkneten. Quelle: Foto: Ina Tannert

Einschießen

will gelernt sein

Am Mittag dann steht ein erster großer Moment des Backtags an, das Einschießen. Eine wichtige Aufgabe, die viel Geschick erfordert. Das hat Jürgen Gilbert, der das seit fast 40 Jahren schon macht. Mit dem langen hölzernen Schießer schiebt er jeden Teigling mit Schwung hinein in das dunkle, von Asche befreite und gut 250 Grad heiße Ofenloch. Es muss schnell gehen, zu viel Wärme darf nicht entweichen.

Backtag im Backhaus Sichertshausen mit der Volkstanz- und Brauchtumsgruppe Die Marburger. Quelle: Foto: Ina Tannert

Routiniert wird Laib um Laib eingeschossen, genau sieben Minuten dauert es, bis 54 Brotlaibe und zwei Kuchenbleche ihren Platz finden. Perfektes Timing. Dann heißt es wieder warten, gute eineinhalb Stunden werden die Brote gebacken.

Doch dann ist er da, der große Moment. Ganz langsam weht der Duft nach frisch gebackenem Bauernbrot aus den Lüftungsluken hervor. Das weckt bei vielen der Wartenden so manche Kindheitserinnerung und führt erst recht zur Vorfreude. Die Brote erhalten noch einen Überguss aus Salzwasser – für die krosse Kruste – und dürfen dann nach ein paar letzten Minuten endgültig zurück ans Tageslicht.

Der Backtag ist gelungen, die Freude in der wachsenden Runde der Sichertshäuser Backgemeinschaft wie der Brauchtumsgruppe groß. Sie und ihre Familien werden noch die ganze Woche über das köstliche Ergebnis genießen. Kein Supermarkt-Brot „von der Stange“ kann da mithalten.

Peter Kelch präsentiert die frisch gebackenen Brote. Quelle: Foto: Ina Tannert

Die stundenlange harte Arbeit hat sich gelohnt und ist zu Recht der krönende Abschluss der Backhaus-Renovierung, die über EU-Fördermittel der Region Marburger Land und Zuschüsse der Gemeinde ermöglicht wurde. Den Einsatz hat der neue Anstrich unbeschadet überstanden, viele weitere heiße Backtage werden wohl folgen.

Von Ina Tannert