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Südkreis Schweigen und Erinnerungslücken
Landkreis Südkreis Schweigen und Erinnerungslücken
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09:58 10.02.2021
Der Angeklagte (links) mit seinem Strafverteidiger Stefan Adler
Der Angeklagte (links) mit seinem Strafverteidiger Stefan Adler Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Ein Beschuldigter, der zur Sache schweigt, Zeugen, die sich an wenig bis nichts erinnern – als Vertreter der Anklage ist es mitunter schwierig, in einer solchen Gemengelage die Contenance zu wahren. Staatsanwalt Frederik Buß platzte gestern spätestens in dem Moment der Kragen, als der jüngere Bruder des Angeklagten im Zeugenstand vorgab, gar nicht so recht zu wissen, warum der Ältere auf der Anklagebank sitze. Als er dann auch noch in Abrede stellte, einen zuvor gehörten Zeugen zu kennen, der selbst zu den Opfern der angeklagten Taten zählt, wurde der Staatsanwalt überdeutlich: „Einer von Ihnen lügt!“, sagte Buß. Denn genau jener Zeuge hatte beschrieben, wie der jüngere Bruder des Angeklagten ihn in einem Lebensmittelmarkt angesprochen und gesagt haben solle: „Na, hast du von meinem Bruder aufs Maul bekommen?“ Vorgeworfen wird dem heute 30-Jährigen schwerer Raub. Er soll vor vier Jahren gemeinsam mit einem weiteren, bereits verurteilten Täter in einem Jugendclub in einer Südkreisgemeinde vier Jugendliche und junge Erwachsene bedroht, ihnen Geld und Mobiltelefone weggenommen und schließlich noch eine Autoscheibe eingeschlagen haben. Hintergrund war offenbar der Ärger des Angeklagten darüber, dass seiner Meinung nach einer der Überfallenen dem jüngeren Bruder Marihuana verkauft haben sollte. Schon am ersten Prozesstag vor der 1. Strafkammer des Marburger Landgerichts hatte sich abgezeichnet, dass die Beweisaufnahme ein schwerer Gang werden würde.

Auch gestern trugen die Zeuginnen und Zeugen nicht gerade viel zur Wahrheitsfindung bei und ergingen sich in Floskeln wie „Ich habe leider gar keine Ahnung mehr“. Vorgeführt wurde gestern ebenfalls der bereits verurteilte Täter – ein türkischer Staatsbürger, der bisher in der Vollzugsanstalt Schwalmstadt einsaß und heute Abend in sein Herkunftsland abgeschoben wird. Die Vorsitzende Richterin Dr. Heike Schneider wollte von dem Mann wissen, wer damals mit ihm die Taten begangen habe und ob er den Mann kenne, der aktuell auf der Anklagebank sitze. „Ich möchte nichts sagen, ich habe meine Strafe kassiert“, erwiderte der Zeuge auf alle Fragen der Verfahrensbeteiligten und Vorhaltungen aus dem Urteil gegen ihn aus dem Jahr 2018. Auch das Druckmittel, das der Staatsanwalt anwenden wollte – ein Ordnungsgeld beziehungsweise Ordnungshaft – beeindruckte den unmittelbar vor der Abschiebung stehenden 29-Jährigen nicht: Er schwieg sich aus und würdigte den Angeklagten keines Blickes. Für den geht es um nicht wenig: Im Fall einer Verurteilung droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe – keine guten Startvoraussetzungen für eine Familiengründung. Seine Ehefrau erwartet im Mai ihr erstes gemeinsames Kind.

Ein ebenfalls als Zeuge gehörter Kollege des in der Türkei aufgewachsenen und als Kind mit seiner Familie nach Deutschland gekommenen Angeklagten beschrieb den Beschuldigten als „offenen, warmherzigen, pünktlichen und netten“ Menschen. Eine Charakterisierung, die auf den ersten Blick ebenso wenig zum Tatvorwurf passen mag wie zum laut Anklage während der Tat im Jugendclub gefallenen Satz: „Welcher von euch Pissern hat meinem kleinen Bruder Gras verkauft?“ Der Angeklagte selbst beantwortete ruhig und zurückhaltend Fragen der Richterin zu seinen persönlichen Verhältnissen. Er habe „die Frau meines Lebens“ geheiratet, sagte der seit mehreren Jahren in einem Handwerksbetrieb im Marburger Raum arbeitende Mann. Familie, Job und Sport – das scheinen die Dinge zu sein, die dem Angeklagten wichtig sind. Eine allem Augenschein nach bürgerliche Existenz also, die da auf dem Spiel zu stehen droht.

Von Carsten Beckmann