Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis Schulwald Ebsdorf wird 60
Landkreis Südkreis Schulwald Ebsdorf wird 60
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:59 02.10.2020
Zum 60. Jubiläum trafen sich neue und alte Pflanzkinder mit den Mitgliedern des Heimat- und Verschönerungsvereins. Quelle: Ina Tannert
Anzeige
Ebsdorf

Ganze 60 Jahre ist es her, dass die ersten Grundschulkinder aus Ebsdorf ihren eigenen kleinen Wald bekamen und tatkräftig bei der Aufforstung mithalfen – Jahrzehnte später ist aus dem Grundstück eine Art Natur-Katalog heimischer Baumarten entstanden.

Zahlreiche davon gedeihen auf der Fläche östlich des Ortsteils, von Flatterulme und Lärche über Weißtanne und Eibe bis zum Riesenbärenklau. Vor sechs Jahrzehnten sah das noch anders aus. Wie, das weiß Ebsdorferin Anita Vogl – sie war eines der ersten „Pflanzkinder“, die den praxisnahen Lernort mitten in der Natur als Mädchen erleben konnte.

Anzeige

Ein Bild aus dem Jahr 1960 zeigt die damals 11-Jährige beim Einpflanzen eines kleinen Setzlings. Eine bleibende Erinnerung, denn sie weiß heute noch mit 71 Jahren, wie das Ganze angefangen hat:

„Ich weiß noch, wie ich damals auf den Knien auf dem Boden saß und gebuddelt habe“, erzählt die Seniorin lachend. Ihrem damaligen Lehrer Heinrich Lölkes ist es zu verdanken, dass die Kinder überhaupt ein eigenes Waldstück erhielten.

Viel Arbeit für „Gießkinder“

Er setzte sich dafür ein, nutzte den außerschulischen Lernort für die Naturkunde unter freiem Himmel. Die Ausflüge habe sie immer geliebt, „das war ein Highlight für uns, weil wir dann keinen normalen Unterricht hatten“, erzählt Anita Vogl grinsend.

Dafür hatten die Schüler in den 60ern auch einiges zu leisten: Sie waren für die Pflege und Wässerung der kleinen Bäumchen zuständig, die sogenannten „Gießkinder“ mussten literweise Wasser aus der Zwester-Ohm den langen Weg und steilen Berg hinauf bringen. Heute undenkbar, damals üblich.

„Das war richtig anstrengend, wir haben im Bollerwagen das Wasserfass da rauf geschafft“, erinnert sich auch Kurt Büttner noch. Übernommen haben die Jungen die Aufgabe dennoch gerne, denn jeder Marsch war eine willkommene Pause vom normalen Schulalltag, „das kam uns immer sehr gelegen und wir haben uns meist ein bisschen mehr Zeit gelassen“, gibt er grinsend zu.

„Der Wald ist cool“

Nachdem Lehrer Lölkes in den Ruhestand ging, geriet der Schulwald nach und nach in Vergessenheit, wurde erst 2011 während der Archivarbeit des Heimat- und Verschönerungsvereins Ebsdorf (HVV) wiederentdeckt. Die Pflanzungen von einst hatten sich gut entwickelt – die Rotbuche als erster von Kinderhand gepflanzter Baum steht noch immer und gedeiht.

Das rund 3.300 Quadratmeter große Grundstück erwarb der Verein von der Gemeinde für einen symbolischen Euro, um es wieder herzurichten und zum „Abenteuerspielplatz“ weiterzuentwickeln. Heute betreuen und pflegen die Mitglieder das Gelände gemeinsam mit der Regenbogenschule Ebsdorf-Leidenhofen. Somit gibt es wieder neue Pflanzkinder – und auch jene von damals nehmen weiter Anteil an der Entwicklung des Schulwaldes, trafen sich nun bei der Jubiläumsfeier im Wald wieder.

Die entwickelte sich so zum Fest der Generationen, gemeinsam gingen Senioren und Kinder auf Erkundungstour durch „einen Wald, den so lange keiner mehr kannte“, freute sich HVV-Vorsitzender Wolfgang Richardt. Auch die Kinder von heute genießen wieder Ausflüge in ihren eigenen Wald, rund 20 Grundschüler tollten beim Treffen durch das Gehölz. Darauf sind sie schon ein bisschen stolz: „Der Wald ist cool, ein prima Spielplatz und einfach schön“, erzählen die Kinder. Und der wächst wortwörtlich weiter, denn es kommen immer wieder Bäume hinzu, neuester Vertreter ist eine junge Elsbeere, die alte und neue Pflanzkinder zusammen eingraben konnten.

Von Ina Tannert