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Südkreis Schüler werden zu Experten im Internet
Landkreis Südkreis Schüler werden zu Experten im Internet
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22:32 11.12.2019
Der hessische Rundfunk filmt in der Gesamtschule Niederwalgern. Quelle: Ina Tannert
Niederwalgern

Erlebt haben sie es alle schon mal. Fast jeder der Schüler der ­Gesamtschule Niederwalgern (GSN) bekam schon Hassmails zugeschickt, wurde Opfer von Cybermobbing. Besonders schlimm ist es, wenn diese Anfeindungen nicht von einzelnen Personen, sondern von ganzen Gruppen kommen. „Wenn sich immer mehr Leute einer Gruppe anschließen, wird sie immer stärker“, stellte eine Schülerin fest.

Die Beleidigungen kamen in diesem Fall von Lehrerin Madeleine Müller und Schulsozialarbeiter Thomas Wolf. In einem Social-Media-Experiment nahmen sie die Rolle von „Hatern“ ein und verschickten feindselige Kommentare zu einem zuvor angesehenen Video. Die Schüler zogen Zettel, die ihnen zuwiesen, ob sie sich mittels Gegenrede den Anfeindungen entgegenstellen oder als Mitläufer der Seite ihrer Wahl folgen sollten.

Im Anschluss führten die Kinder ein Gespräch mit Dirk Hintermeier, Cybercrime-Experte des Hessischen Landeskriminalamtes. Mit ihm redeten sie über das Experiment, Hassrede und Kriminalität im Internet. „Die wurden immer krasser“, erzählte eine Schülerin. Die Kinder waren erschüttert, wie schnell aus unangebrachten Kommentaren hasserfüllte Beleidigungen wurden.

Die Mitläufer schlossen sich in dem Experiment eher den Hatern und damit der breiten Masse an. Die Schüler, die sich in dem Experiment den Anfeindungen entgegenstellten, berichteten, wie entmutigend sie die Situation erlebten. „Ich hätte im echten Leben zu viel Angst, mich an die Front zu begeben“, erklärte ein Junge.

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In diesem Fall sei es am sinnvollsten, Nutzer zu blockieren, riet Hintermeier. In der Gesprächsrunde kam auch das Dilemma auf, festzulegen, ab wann Kommentare im Internet strafbar sind. Hintermeier stellte klar: „Die Meinungsfreiheit ist sehr wichtig. Aber Hass ist keine Meinung.“ Straftaten: Beleidigung 
und Verleumdung Bei Beleidigung, Verleumdung und Anstiftung handle es sich eindeutig um Straftaten.

Er erklärte, wie wichtig es sei, Beiträge und Kommentare, die zu weit gehen, zu melden. Bei Beleidigungen im Internet sei die Dunkelziffer sehr hoch, da die Opfer meist wenig Hoffnung hätten, mit einer Anzeige erfolgreich zu sein.

Um die Chance zu erhöhen, empfiehlt Hintermeier, Kommentarspalten und Chatverläufe zu fotografieren und der 
Polizei als Beweis vorzulegen. Er nannte den Jugendliche zudem Anlaufstellen zum Melden von Beiträgen wie etwa www.hassmelden.de. Die Schüler ­berichteten auch von eigenen Erfahrungen mit Hass im Internet.

Auf Plattformen wie Insta­gram oder Whatsapp seien einige von ihnen schon mit Beleidigungen konfrontiert worden. „Im Netz trauen die Leute sich mehr, weil man nicht von Angesicht zu Angesicht redet“, ­stellte ein Schüler fest. Auf ­Nachfrage gab die Mehrheit der Schüler an, bei sozialen Netzwerken angemeldet zu sein.

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Der Vormittag war Teil der von Birgit von Bargen von der Schulleitung der GSN geleiteten Projektgruppe „Make IT safe“. In der bereits 2012 gegründeten Gruppe werden Schüler zu sogenannten „Mediascouts“ ausgebildet, die dann Fünftklässlern den richtigen Umgang mit Smartphones und dem Internet erklären.

„Die Schüler können das auf gleicher Augenhöhe besser vermitteln als Lehrkräfte“, stellte von Bargen fest. Auch Gefahren wie Betrug im Internet und „Cyber Grooming“ (sexuelle Belästigung im Internet) wurden thematisiert. Die Schüler berichteten von ihren eigenen Erfahrungen mit falschen Gewinnspielen oder vermeintlichen Viren auf ihren Computern und Handys.

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„Wenn man sein Handy neu hat, ist man eher unvorsichtig, wenn die Eltern keine Einführung 
geben“, fasste eine Schülerin zusammen. Am Ende des Gesprächs waren sich alle einig: Die Jugendlichen wollen gegen Hassrede aktiv werden und wissen jetzt, welche Gefahren sich im Internet verbergen.

Und das bringt sie ins Fernsehen – denn das Thema Cybercrime ist Teil einer neuen Krimiserie des Hessischen Rundfunks (HR), die Ende Januar startet. Die Projektgruppe der GSN ist mit dabei und soll in ­einem Serienteil zum Thema „Cybercrime“ auftauchen. Einen Tag lang wurden die Schüler daher von einem Filmteam des HR 
begleitet.

Straftaten

2018 gab es in Hessen 372 798 Strafanzeigen. 33 334 der angezeigten Taten wurden mit dem Tatmittel Internet begangen. Mehr als die Hälfte waren Betrügereien und 1 258 Fälle Beleidigungen, von denen 1 030 aufgeklärt wurden. Von Juli bis September 2019 hat Facebook nach eigenen Angaben 1,7 Milliarden Fake-
Accounts und rund 7 Millionen Beiträge mit Hassrede ­gelöscht.

Zum Schutz vor ­Internetkriminalität rät die Verbraucherzentrale, online möglichst sparsam mit den eigenen Daten umzugehen, veröffentlichte Angaben regelmäßig zu prüfen und ­alte Beiträge, an denen kein ­öffentliches Interesse besteht, zu löschen.

von Noa Pötter