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Südkreis Bauern tragen Protest nach Wiesbaden
Landkreis Südkreis Bauern tragen Protest nach Wiesbaden
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18:00 09.12.2019
Geschlossener Protest: Die Landwirte Christian Damm (von links), Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, FDP-Bundestagsabgeordnete Carina Konrad, Stefan Lölkes und Kreislandwirt Frank Staubitz während der Diskussionsveranstaltung. Quelle: Ina Tannert
Roth

Schärfere Düngeregeln, die derzeitige Umweltpolitik, das Gefühl, für viele der „Buhmann“ in der Klimadebatte zu sein – Bauern im ganzen Land fühlen sich von der Bundesregierung gegängelt und organisieren weiterhin Proteste. Die angestoßene Gesetzesinitiative­ rund um das Agrarpaket löste eine Debatte um den eigentlichen Stellenwert, die generelle Zukunft der Landwirtschaft aus. Auch im Landkreis regt sich weiterhin Unmut über neue Regeln auf den Feldern.

So einigen Dampf ablassen konnten die Bauern während einer Debatte­ im Bürgerhaus Roth mit dem Kreisbauernverband Marburg-Kirchhain-Biedenkopf und der FDP-Bundestagsabgeordneten Carina Konrad, Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Die Referentin, selber Landwirtin, bekam einiges ab vom politischen Verdruss im Saal, äußerte jedoch Verständnis für die Sorgen ihrer Berufskollegen.

Landwirte sehen sich durch neue Gesetze gegängelt

Sie wertete das Klimapaket als realitätsfern, forderte ein Ende der „Wohlfühldebatten“ auf Bundesebene, die nur dazu führten, „dass die Landwirte auf die Straßen getrieben werden“, betonte Konrad vor rund 30 merklich frustrierten Bauern im Raum. Tragende Forderungen dabei: Mehr Freiheiten für die Bauern, keine „Gängelung“ durch eine Gesetzesverschärfung, eine Aufwertung des – von den Bauern als zu Unrecht stigmatisierten – Bildes der Landwirtschaft.

Neben der Bundesregierung bekam auch der Verbraucher sein Fett weg: Sowohl das Image der Erzeuger, wie der generelle Stellenwert von Nahrungsmitteln sinke seit Jahren, „der Verbraucher gibt lieber viel Geld für Kreuzfahrten und Handy aus – für Dinge, denen mehr Ansehen und Wertigkeit zugeschrieben wird, als der Landwirtschaft“, bemängelte Konrad.

Mit einer einfachen Preissteigerung komme man aus diesem Dilemma auch nicht heraus, dafür sei die Konkurrenz im Ausland „viel zu hoch, da herrschen ganz andere Bedingungen als hier“, meinte einer der Zuhörer. Ein Konsens im Saal: Man wolle eine „vernünftige Politik“, die den Bauern „auch noch in zehn Jahren, Luft zum Atmen lässt“, fasste Konrad zusammen.

Verbesserungspotenzial und "offene Baustellen"

Trotz allem gebe es auch in ihrem Berufsstand Verbesserungspotenzial und „offene Baustellen“. Dass die Landwirtschaft jedoch in der Kritik stünde, sich nicht zu bewegen, in alten Strukturen zu verharren, sei schlicht falsch: „Wir beharren nicht auf den Erhalt, die Landwirtschaft hat sich immer verändert“, so Konrad. Bestes Beispiel sei der aktuelle Bauernprotest.

Und der wird nach den vergangenen Fahrten nach Bonn und Berlin am Dienstag erneut auf die Straße getragen. Die bundesweite Netzbewegung der Bauern unter dem Motto „Land schafft Verbindungen – wir ­rufen zu Tisch“ hat den nächsten Treck organisiert, der dieses Mal nach Wiesbaden führt. Hierzulande organisiert vom heimischen Landwirt Christian Damm.

Er zeichnete während der Debatte ein erschreckendes Zukunftsbild für die Landwirte, das nicht nur in der Klimadebatte, auch in neuen Lebensmittelskandalen fußen soll: So könne alleine der Wilke-Wurst-Skandal zu weiteren Einschnitten für die Erzeuger führen.

Auch das Handwerk von "Strukturbruch" betroffen

„Auch für die Metzger wird sich etwas ändern, das Misstrauen wächst überall – das wird der nächste Strukturbruch, der kommen wird“, prophezeite Damm. Um im befürchteten Wandel mitreden zu können, gehen die Bauern an die Öffentlichkeit, wollen auch die Bevölkerung auf ihrer Seite wissen. Mit zahlreichen Menschen kamen sie zuletzt bei mehreren Mahnfeuern im Kreis ins 
Gespräch.

Nach den vergangenen Protesten in Bonn und Berlin fahren die Bauern am Dienstag nach Wiesbaden. Dort findet ab 11 Uhr eine Demo vor dem Landwirtschaftsministerium statt. Einige wollen von Marburg-Biedenkopf aus auch per Schlepper in die Landeshauptstadt ziehen, laut Damm rund 100 Trecker. Zentraler Sammelpunkt soll im Südkreis sein, wo genau wird von der Netzbewegung spontan über die sozialen Medien bekannt gegeben.

In der Nacht auf Dienstag soll der Konvoi starten, um pünktlich mitsamt Vorlaufzeit sein Ziel zu erreichen. Wer ohne Trecker dabei sein will, kann sich über den Kreisbauernverband für eine Busfahrt anmelden. Kontakt unter 
www.kreisbauernverband
-marburg.de. 

von Ina Tannert