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Südkreis Schicksale, die für immer mahnen
Landkreis Südkreis Schicksale, die für immer mahnen
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09:00 10.12.2021
Pfarrer Wolfgang Gerhardt spielte während der Gedenkveranstaltung für 128 jüdische Mitbürger, die 1941 deportiert wurden, mit seiner Klarinette jüdische Lieder und sang sie auch.
Pfarrer Wolfgang Gerhardt spielte während der Gedenkveranstaltung für 128 jüdische Mitbürger, die 1941 deportiert wurden, mit seiner Klarinette jüdische Lieder und sang sie auch. Quelle: Foto: Götz Schaub
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Fronhausen

Mitten in die Vorweihnachtszeit fällt die Erinnerung an ein Ereignis, das jegliche Vorweihnachtsstimmung spielend einfriert. Es ist die Erinnerung an einen gnadenlosen Akt der Unmenschlichkeit, der 120 Menschen, die friedlich hier im Landkreis wohnten, nach unerträglichen Strapazen und Herabwürdigungen schließlich das Leben kostete. Nur acht weitere überlebten die Gräueltaten. Die Rede ist vom 80. Jahrestag, an dem jüdische Mitbürger aus Fronhausen, Roth und Neustadt vom Fronhäuser Bahnhof aus per Zug über Kassel in das Ghetto Riga verfrachtet wurden. „Verfrachtet“ trifft es dabei richtig, denn es war keine normale Zugfahrt. Wer zur Fracht gehörte, war in den Augen der Nazis kein Mensch, der es verdient hatte, unter ihnen, also mit ihnen im Deutschen Reich zu leben. So wurde ihnen alles Hab und Gut, selbst persönliche Dinge wie Eheringe abgenommen. Die Fahrt zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern startete für 128 Mitmenschen jüdischen Glaubens am 8. Dezember 1941.

Viele jüngere Menschen nehmen teil

Nun, 80 Jahre später, versammelten sich um 17 Uhr gut 100 Menschen neben dem Bahnhof, um diesen Menschen zu gedenken, um sich an ihr Schicksal zu erinnern, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen, dass so etwas nie vergessen werden darf und sich niemals wiederholen darf. Dafür standen unter anderen Bürgermeisterin Claudia Schnabel aus Fronhausen und ihr Kollege Thomas Groll aus Neustadt sowie die Pfarrer Martin Hahn und Wolfgang Gerhardt, Pfarrerin Anna Scholz und Thorsten Schmermundt von der jüdischen Gemeinde Marburg ein. Anna Scholz stellte die Frage, wie Menschen, die ihre jüdischen Mitbürger gut kannten, mit ihnen redeten und gute Beziehungen pflegten, es zulassen konnten, dass ihnen so viel Leid widerfuhr.

Es war und ist wohl auch mit dem Druck zu erklären, den die Nazis aktiv auf alle Menschen ausübten. Wer sich gegen sie stellte, war selbst schnell von der Bildfläche verschwunden, verlor seine Stellung, seinen Besitz, landete im Gefängnis, im Straflager oder wurde umgebracht. Und so ist es an uns allen, rechtes Gedankengut frühzeitig zu erkennen und dagegen einzustehen, bevor es noch einmal seine ganze Kraft wie im Dritten Reich entfalten kann. Initiator war der Arbeitskreis Landsynagoge Roth, der alle fünf Jahre zu einer Gedenkveranstaltung an den Fronhäuser Bahnhof lädt.

Unter den fast 100 erschienenen Menschen waren keineswegs nur ältere Menschen, sondern viele Menschen jüngeren und mittleren Alters, die das Nazi-Regime selbst als Kind nicht mehr miterlebt haben, aber Sorge tragen wollen, dass dieser Teil der Geschichte nicht verblasst oder zunehmend von neuen Rechten verharmlost wird, sondern alle Nachkommen mahnen soll, so etwas nicht mehr zuzulassen. Konfirmandinnen verlasen schließlich die Familiennamen der Opfer, um sie aus der anonymen Masse der vielen Opfer zu holen und wieder als Mitmenschen zu ehren. Auch wurde der acht Überlebenden gedacht, von denen bis heute noch welche leben. Zu diesen gehört Trude Löwenstein, die in San Francisco lebt und einst der Fronhäuserin Annemarie Schlag in einem Brief schilderte, was sie im Konzentrationslager erlebt hat, wie die Deportation zuvor aus Fronhausen vonstattenging, wie Familienmitglieder von den Nazis auseinandergerissen wurden und sich nie mehr wiedersahen. Auszüge aus diesem Brief wurden von Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth, verlesen. Thorsten Schmermundt und Pfarrer Gerhardt brachten auch jüdische Lieder, die an diese Zeit erinnern, in die würdevolle öffentliche Gedenkveranstaltung mit ein.

Von Götz Schaub