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Südkreis Jede „Stange“ ist Teil einer Lebensgeschichte
Landkreis Südkreis Jede „Stange“ ist Teil einer Lebensgeschichte
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16:00 01.07.2022
Harald Voll erläutert bei der öffentlichen Stangenschau Wissenswertes über die Rothirsch-Population im Krofdorfer Forst.
Harald Voll erläutert bei der öffentlichen Stangenschau Wissenswertes über die Rothirsch-Population im Krofdorfer Forst. Quelle: Privatfoto
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Südkreis

Im Wald lassen sich schon einige interessante Dinge finden. Mitunter auch Sachen, die man mit etwas Stolz gerne mit nach Hause nimmt, um sie dort aufzuhängen oder irgendwo dekorativ hinzulegen. Dazu gehören sicher auch Abwurfstangen. Wie jetzt, Abwurfstangen? Stangen aus Metall, die abgeworfen beziehungsweise weggeworfen wurden? Nein, nichts mit Metall und Umweltfrevel. Unter einer Abwurfstange ist hier ein Teil des Geweihes eines Rothirschs zu verstehen, klärt Jörn Bodenbender, stellvertretender Vorsitzender der Rotwildhegegemeinschaft „Krofdorfer Forst“ auf. Je älter das Tier, umso prächtiger die Abwurfstange. Aber Halt. Jede Stange bringt der Rotwildhegegemeinschaft wichtige Informationen. Deshalb bittet Bodenbender jede Person, die im Krofdorfer Forst eine Abwurfstange findet, darum, sie zunächst der Hegegemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Nach Ende diverser Untersuchungen können die Stangen dann gerne an den Finder zurückgegeben werden.

Rotwildgebiet „Krofdorfer Forst“ umfasst 17 142 Hektar

Was wird untersucht? Da die Geweihbildung zu großen Teilen genetisch festgelegt ist, ist der Geweihaufbau eines bestimmten Hirsches von Jahr zu Jahr sehr ähnlich. Dadurch kann man optisch die Stangen eines Hirsches aus verschiedenen Abwurfjahren zusammenführen und sogenannte Abwurfreihen mit den Stangen eines Hirsches bilden. Die Summe der Stangenreihen erlaubt Rückschlüsse auf die Altersstruktur der Hirschpopulation. Das Rotwildgebiet „Krofdorfer Forst“ umfasst eine Fläche von 17 142 Hektar mit einer bejagbaren Fläche von etwa mehr als 16 000 Hektar und gehört damit tatsächlich zu den kleinsten hessischen Gebieten. Die in diesem Rotwildgebiet liegenden Jagdbezirke haben sich gemäß Jagdgesetz freiwillig auf privatrechtlicher Basis zur Rotwildhegegemeinschaft „Krofdorfer Forst“ zusammengeschlossen. Die Hegegemeinschaft besitzt keinen öffentlich-rechtlichen Status und ist auch kein eingetragener Verein. Eine dazugehörige Reviergruppe, die „Marburg“ genannt wird, umfasst die gemeinschaftlichen Jagdbezirke im Landkreis Marburg-Biedenkopf, unter anderem Altenvers-Reimershausen, Kirchvers, Rodenhausen, Rollshausen, Seelbach, Weipoltshausen und Oberwalgern.

Fragen an Jörn Bodenbender

Was sind die drei wichtigsten Informationen, die eine einzelne Abwurfstange liefern kann?
• Stärke und damit Gesundheitszustand des Hirsches
• Alter (in Verbindung mit weiteren Abwurfstangen/Abwurfreihen des gleichen Hirsches)
• Genetische Ausstattung des Hirsches (zum Beispiel Inzuchtgrad, Herkunft aus einem anderen Rotwildgebiet, Beitrag des Hirsches zur genetischen Vielfalt im hiesigen Rotwildgebiet)
 
Wie viele Rothirsche können beziehungsweise dürfen im Krofdorfer Forst gleichzeitig leben?
Die Lebensraumkapazität liegt bei zirka 200 Stück Rotwild ohne die jährlichen Kälber, davon 50 Prozent Hirsche. Aktuell dürfte etwas weniger Wild da sein. Diese Bestandsgröße führt zu für Land- und Forstwirtschaft tragbaren Wildschäden.

Wie viele Abwurfstangen im Verhältnis zu den Hirschen werden pro Abwurf-Saison gefunden und ausgewertet?
Zwischen 20 und 50 Prozent. Die Zahl ist in den letzten Jahren stark rückläufig. Im letzten Jahr wurden lediglich 21 Stangen bei uns vorgeführt. Anfang des Jahrtausends lagen wir bei 70 Stangen.
 
Erhalten die Tiere irgendwelche menschlichen Hilfen wie Futterplätze oder bleiben sie 365 Tage im Jahr sich selbst überlassen?
Nein, Futter erhält das Rotwild hier nicht. Die Jäger dürfen nur in gesetzlich definierten Notzeiten füttern, die in unseren Regionen praktisch nicht eintreten.

Nach zweijähriger coronabedingter Zwangspause veranstaltet die Rotwildhegegemeinschaft „Krofdorfer Forst“ am Sonntag 3. Juli, von 10 bis 15 Uhr ihre nunmehr schon 26. Stangenschau im Hof des Forstamts Wettenberg in der Burgstraße 7 in Krofdorf-Gleiberg. Bei freiem Eintritt ist die Öffentlichkeit herzlich eingeladen, während dieser Veranstaltung mehr über die größte heimische Wildtierart zu erfahren. Vorgeführt werden die Abwurfstangen der letzten drei Jahre der Rothirsche aus dem Rotwildgebiet Krofdorfer Forst.

Der Rotwildsachkundige der Rotwildhegegemeinschaft und Forstamtsleiter a. D., Harald Voll, erläutert ab 10.15 Uhr die Ausstellung. Danach erfolgen zu jeder vollen Stunde weitere Informationen zum Rotwild. Für das leibliche Wohl der Besucher wird gesorgt sein.

Kontakt

Wer Hirschabwurfstangen in den Jagdbezirken des Rotwildgebietes findet, nimmt bitte Kontakt zu einer der zwei nachstehend aufgeführten Personen auf: Klaus Osan, Lollar-Salzböden unter 01 73 / 8 99 27 38, oder Harald Voll, Wettenberg-Krofdorf-Gleiberg, 01 60 / 2 82 63 03.

Von Götz Schaub