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Südkreis Ausflug in die Bronzezeit
Landkreis Südkreis Ausflug in die Bronzezeit
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16:56 30.06.2020
Richtfest für ein neues Gebäude im archäologischen Freilichtmusuem „Zeiteninsel“ in Argenstein, hier während der Rede von Weimars Bürgermeister Peter Eidam (Zweiter von rechts). Quelle: Ina Tannert
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Argenstein

Ein paar Jahre ist es schon her, dass da, wo heute Argenstein steht, die ersten Menschen lebten – läppische 11.000 Jahre, so die Schätzung von Experten. Das haben Ausgrabungen seit den 1990er-Jahren wissenschaftlich nachgewiesen. Und zwar ungefähr da, wo heute die „Zeiteninsel“ als archäologisches Freilichtmuseum heranwächst. Und dort gab es nun einen neuen Grund zu feiern.

Historische Nachbauten, etwa aus der mittleren Jungsteinzeit „Rössener Kultur“ (um 4500 vor Christus) oder ein Gehöft aus der frühen römischen Kaiserzeit vor rund 2000 Jahren, stehen bereits. Am Samstag folgte das Richtfest für ein weiteres Gebäude, dieses Mal an der Bronzezeitstation:

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Am westlichen Rand des Geländes entsteht gerade eine Hofsiedlung der Urnenfelder Kultur (um 1000 vor Christus), das Herz bildet ein Hauptgebäude auf schlüsselförmigem Grundriss, das wohl einst als Wohnhaus mit angeschlossenem Stall diente.

Und die Häuslebauer der heutigen Zeit waren schnell, innerhalb von zwei Wochen stand das Grundgerüst, auf das am Samstag ein Dutzend Zimmerleute kletterten und vor Dutzenden Gästen nach guter alter Tradition das Richtfest zelebrierten. Vorneweg gab es allerdings direkt Ärger – denn der Richtkranz fehlte, der wurde anscheinend in all dem Trubel vergessen.

Historie trifft Moderne

Richtfest ohne Kranz, das geht gar nicht, das machten von oben herab die Zimmerer in einer kreativen „Schimpftirade“ gegen die Verantwortlichen am Boden auch deutlich. Aber es half alles nichts, eine Alternative musste her und dies in Form eines alten Besens, der kurzerhand als Richtkranz zweckentfremdet und auf das Dach gesteckt wurde.

Beim Richtspruch warf Tischlermeister Claus Amarell zwischen vielen gemeinsamen Trinksprüchen einen lyrischen wie humorvollen Blick zurück auf die vergangenen Arbeitsjahre auf der „Zeiteninsel“. Er lobte seine „prima Gold-Handwerker“, die nun ein komplettes Gehöft, Wohnhaus samt Speicher und Bronzegießer-Werkstatt, errichten, sich dabei stets die Frage stellen: „Wie hätte es wohl der Bronzemann gemacht?“

Baumeister der heutigen Zeit haben es da einfacher, mit schwerem Gerät wurden die Eichen- und Eschenstämme für das Haus herangeschafft. Aber allein auf moderne Technik verlässt sich die Truppe nicht: „Wenn die Motorsägen sind ganz leise, bearbeiten wir das Holz auf historische Weise.“

Viel Lob gab es für eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, die sich für das Mammutprojekt einsetzen, auch für den aktuellen Bau: „Viele Leute und Taten ließen dieses Haus gut geraten – wir Zimmerer stehen hier oben wie stolze Hähne auf dem Mist, so gut wie dieses Haus gelungen ist“.

Nach alter Tradition muss dabei auch was zu Bruch gehen, zur Feier des Tages warf Amarell daher einen Tonbecher zu Boden, der unter dem Jubel der Besucher in viele Scherben zersprang. Eine passende Würdigung für das Bauprojekt des Museums, das sich an zahlreichen Funden, Siedlungsresten und Bruchstücken archäologischer Ausgrabungen in Weimar orientiert und deren Geschichte wiedererwecken will.

Viele ehrenamtliche Helfer opfern ihre Freizeit

„Es ist ein besonderer Ort und mit besonderen Menschen, die hier arbeiten – und Arbeit gibt es noch genug“, lobte Bürgermeister Peter Eidam. Das „Zeiteninsel“-Projekt lockt seit Jahren zahlreiche Handwerker an, die „auf einer einzigartigen Baustelle“ tätig sein können.

Aber auch viele ehrenamtliche Helfer, die ihre Freizeit opfern und mitwirken am künftigen Zeitstationen-Ensemble als außerschulischer Lernort, an dem sich Gemeinde, Landkreis und Land beteiligen. „Wir bauen hier etwas auf, das authentisch, das Teil der Geschichte ist“, sagte Landrätin Kirsten Fründt.

Im Herbst soll die neue Station fertig werden und bildet dann ein Gehöft, „das die handwerkliche Arbeit und gleichzeitig das Leben in der Bronzezeit demonstriert“, freute sich auch Archäologe Dr. Andreas Thiedmann vom Vorstand der Kulturgenossenschaft Zeiteninsel.

Geschichte wird lebendig

Weitere Zeitstationen auf dem 3,5 Hektar großen Gelände sind in Arbeit, verschiedene Kulturepochen werden hautnah dargestellt, Zeitgeschichte von der Mittelsteinzeit bis in die frühe Römerzeit soll erlebbar werden. Überall auf dem Gelände wird weitergewerkelt, derzeit entsteht etwa die Inneneinrichtung im Hauptgebäude des germanischen Gehöfts aus der frühen römischen Kaiserzeit.

Dort ackerten auch am Richtfest-Tag unter anderem Mitglieder der AG lebendige Archäologie oder des Fördervereins. In dem langen Wohnstallhaus werden in Handarbeit etwa Werk- und Schlafstätten nach historischem Vorbild erbaut.

Regelbetrieb ab 2022 geplant

Das Land Hessen fördert die „Zeiteninsel“ mit 5,3 Millionen Euro. Kürzlich schaute auch Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich vorbei und informierte sich über den aktuellen Stand. Das Museumsprojekt sei „eine große Chance, unsere eigene Geschichte besser zu begreifen, sei es aus privatem Interesse oder integriert in den Schulunterricht“, lobte Ullrich.

Die Gemeinde Weimar, die Stadt Marburg und der Kreis bringen mehr als 880.000 Euro als Eigenkapital zu der Förderung des Landes ein. Von den drei kommunalen Partnern seien alleine in diesem Jahr insgesamt 49.000 Euro für den laufenden Betrieb aufgebracht worden. 2022 will das Museum eigentlich in den Regelbetrieb starten, ob das realisierbar wird, ist aber fraglich, schätzt Thiedemann. Nicht zuletzt durch Corona.

Von Ina Tannert

30.06.2020
28.06.2020
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