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Südkreis Obduktion soll Klarheit bringen
Landkreis Südkreis Obduktion soll Klarheit bringen
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21:42 18.06.2021
Das Foto zeigt die Einsatzwagen der Polizei, die in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Rauischholzhausen waren.
Das Foto zeigt die Einsatzwagen der Polizei, die in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Rauischholzhausen waren. Quelle: Privatfoto
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Rauischholzhausen

Es gibt Neues zum Polizei- und Rettungsdiensteinsatz in Rauischholzhausen, der sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch am Zimmerplatz in der Flüchtlingseinrichtung zugetragen hatte. Diese Zeitung berichtete am Donnerstag und Freitag.

„Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein, als ich gestern die Zeitung las“, sagt Andreas Preiß. Der Besitzer des Hotels „Zum Stern“ in Rauischholzhausen hatte den Einsatz von Polizei und Rettungskräften als Anwohner hautnah miterlebt. Und er hatte gesehen, dass der mittlerweile verstorbene 27-jährige Mann keinesfalls nur eine leichte Kopfverletzung hatte, wie von der Marburger Staatsanwaltschaft gesagt wurde. „Der Mann wurde, als er aus dem Haus gebracht wurde, mit einer Herzdruckmassage versorgt. Und wohl auch noch eine ganze Weile im Rettungswagen, ehe dieser dann losfuhr.“

Nach Informationen dieser Zeitung war allgemein bekannt, dass der Mann eine schwere Vorerkrankung hatte. Vor Eintreffen des Rettungswagens und des ersten Polizeiwagens hatte Preiß Geräusche aus dem Haus gehört, in dem Flüchtlinge aus unterschiedlichen Nationen zusammen wohnen. „Das hörte sich an, als ob Möbel gerückt worden seien“, so Preiß.

Die Polizei, das betonte Staatsanwalt Timo Ide am Freitag noch einmal, konnte bisher nicht ermitteln, ob es an diesem Abend in dem Haus einen handgreiflichen Streit gegeben hat. So ist auch nicht klar, wie sich der Mann die leichte Platzwunde am Kopf zugezogen hatte.

Da für die Staatsanwaltschaft nur der begründete Verdacht auf eine vorliegende Straftat relevant gewesen wäre, hatte Ide den Gesamtzustand des Mannes nicht weiter beschreiben wollen. Der schlechte gesundheitliche Zustand, und das war noch Stand der aktuellen Ermittlungen von Freitag, konnte keiner möglichen Straftat zugeordnet werden.

Allerdings wurde in der betreffenden Nacht später noch ein zweiter Mann mit leichten Verletzungen aus dem Haus gebracht, der sich wohl in seinem Zimmer befunden hatte, schildert Preiß. Zuvor habe er gesehen, wie ein weiterer Hausbewohner vor dem Haus stand und nach dem Mann im Zimmer gerufen und ihm die Schuld am Tod seines Freundes gegeben habe. Er habe ihn dabei auf Deutsch und Englisch angesprochen. Das wurde dieser Zeitung unabhängig von dritter Seite bestätigt.

Preiß sagte auch, dass er weitere Gespräche und Zurufe gehört habe, zu denen jedoch bisher noch keine Gegenrecherche möglich gewesen ist. Jedenfalls wurde der leichtverletzte Mann in einem weiteren Krankenwagen weggefahren. Am frühem Mittwochmorgen soll dann dieser Mann mit Verband wieder in Rauischholzhausen aufgetaucht sein. Er wurde mit gepacktem Koffer um 7 Uhr an der Bushaltestelle beim Einsteigen in den Bus gesehen. Seither habe er ihn nicht mehr gesehen, sagt Preiß. Dass der Mann seither nicht mehr in der Unterkunft aufgetaucht ist, wurde ebenfalls von dritter Seite bestätigt.

Ide konnte dazu nichts weiter sagen, außer dass die Polizei niemanden vor Ort festgenommen habe, weil niemand im begründeten Verdacht stand, Gewalt gegen den verstorbenen Mann angewendet zu haben. Keinesfalls habe die leichte Verletzung den Tod verursacht, bekräftigt er nochmals. Die genaue Todesursache werde die Obduktion bringen, die erst nächste Woche vorgenommen wird. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen. Derweil haben mehrere Bewohner des Hauses offensichtlich ihre Konsequenzen gezogen und haben es am Donnerstag und Freitag erst einmal verlassen.

Ebsdorfergrunds Bürgermeister Andreas Schulz ging am Freitag in die Offensive mit einer Presseerklärung, in der er die sofortige, aber auch nur „vorübergehende“ Schließung der Einrichtung forderte. Er und die Erste Beigeordnete Elisabeth Newton haben sich unmittelbar nach den Ereignissen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mit dem Landkreis in Verbindung gesetzt.

„Leider werden wir hier immer nur auf Nachfrage vom Kreis informiert, aus der Bevölkerung und aus der Zeitung kam zuerst die Information. Das ist kein proaktives Krisenmanagement“, kritisierte Schulz den Kreis. Wichtig sei ihm, dass, so lange die Vorgänge nicht aufgeklärt sind, „die Bewohner nicht in der jetzigen Zusammensetzung einfach dort weiter wohnen gelassen werden“.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, der als Dezernent für Flüchtlingseinrichtungen zuständig ist, widerspricht: „Wichtig ist, sich an Fakten zu orientieren und keinen Spekulationen Raum zu geben, die dazu geeignet sind, Ressentiments, Stereotype und Vorurteile zu bedienen. Es ist auch ratsam, zunächst den Instrumenten des Rechtsstaates zu vertrauen und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abzuwarten. Die Forderung nach einer sofortigen Schließung der Einrichtung ist hier nicht angemessen.“

Zachow weiter: „Die beschriebene Unterkunft ist für 22 Personen vorgesehen und aktuell mit 13 Personen belegt – dies aus gutem Grund: Die Menschen, die dort wohnen, sollen dort gute Bedingungen und ausreichend Raum vorfinden.“ Hinweise auf frühere Gewalttätigkeiten in dieser Einrichtung liegen dem Kreis nicht vor. Zachow versichert, dass man sicher aktiv geworden wäre, wenn es schwerwiegende Probleme gegeben hätte. Aus der Bevölkerung sei nur eine Beschwerde bekannt, dabei ging es lediglich um die Einhaltung von Ruhezeiten und Hausregeln.

Von Götz Schaub

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