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Südkreis Die Kitas laufen, aber normal ist nur wenig
Landkreis Südkreis Die Kitas laufen, aber normal ist nur wenig
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17:57 26.11.2020
Arbeit auf Distanz: Bettina Witt-Weber (links) und Elke Schwing sind Leiterinnen von evangelischen Kindertagesstätten. Zusammen machen sie auf die Situation der Erzieherinnen in Corona-Zeiten aufmerksam.
Arbeit auf Distanz: Bettina Witt-Weber (links) und Elke Schwing sind Leiterinnen von evangelischen Kindertagesstätten. Zusammen machen sie auf die Situation der Erzieherinnen in Corona-Zeiten aufmerksam. Quelle: Götz Schaub
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Niederweimar

Seit August sind nicht nur die Schulen trotz Corona wieder offen, sondern auch die Kindergärten. Doch während Schulen medial große Aufmerksamkeit erfahren, sind die Kindergärten irgendwie in Vergessenheit geraten.

„Man könnte meinen, da wäre alles wieder wie immer“, sagt Elke Schwing, Leiterin des evangelischen Kindergartens „Kinderland“ in Fronhausen-Bellnhausen.

Sie ist nach Niederweimar gekommen, um zusammen mit Bettina Witt-Weber, Leiterin der Kindertagesstätte „Abenteuerland“ in Niederweimar, auf die Situation in den Kindergärten aufmerksam zu machen. Denn ganz viel ist eben nicht wie immer in den Kindergärten – und das bereits seit März.

Das, was tatsächlich wie immer sein muss, ist für Erzieher wie Kinder immer mit einem gewissen Risiko behaftet: Trotz vieler neuen Regeln, die auf Abstand abzielen, bleiben einige Aufgaben an den Erzieherinnen und Erziehern hängen: „Wir helfen den jungen Kindern beim Toilettengang, helfen beim Nase putzen, und trösten Kinder, die sich weh getan haben“, sagt Schwing.

Arbeiten praktisch am zeitlichen Limit

In den Krippengruppen mit den Kindern unter drei Jahren lasse sich Körperkontakt kaum vermeiden, etwa beim Wickeln. Man lasse schon aus Sicherheitsgründen das Zähneputzen nach dem Mittagessen ausfallen, was durchaus auch von Eltern moniert werde. Aber man könne nicht auch noch dort Dienste abstellen, die kontrollieren, ob alle zu ihrer eigenen Zahnbürste greifen und kein Unfug gemacht wird.

Die altersdurchmischten Ü-3-Gruppen, in Bellnhausen wie auch Niederweimar sind das jeweils vier, sind seit August voneinander getrennt, damit im Falle eines Falles nur eine Gruppe betroffen ist und die anderen weiter im Kindergarten betreut werden können. Diese Organisation fordert die Erzieherinnen.

„Wir arbeiten praktisch immer am zeitlichen Limit, weil wir wesentlich mehr Personalstunden dafür benötigen. So müssen die Kinder ja schon ab den frühen Bringzeiten nach ihren Gruppen getrennt beaufsichtigt werden, was vorher nicht der Fall war“, sagt Elke Schwing.

Besuchsverbote für Kinder schwer zu verstehen

Für die Kinder ist es schwer zu verstehen, warum sie sich nicht wie sonst in den Gruppen gegenseitig besuchen können, vor allem wenn dort gute Freunde drin sind. „Wenn da nur eine Person ausfällt, mal krank ist, wird es um so schwerer“ sagt Bettina Witt-Weber. Sie bringe sich schon so viel es geht selbst mit ein, hat die ihr zustehenden und auch benötigten Leiterinnen-Stunden wie auch Elke Schwing auf ein Minimum zurückgefahren.

„Es kommt auch vor, dass wir Gruppenzeiten um zwei Stunden kürzen müssen, weil einfach kein Personal mehr vorhanden ist. Das verstehen dann wiederum einige Eltern nicht. Die schlagen dann vor, die Kita solle sich Vertretungskräfte organisieren“, so Schwing. „Es sind aber keine auf dem Markt“, sagt Witt-Weber.

Die Kraft der Erzieherinnen sei auch endlich, Überstunden an der Tagesordnung, doch auch die müssten ja auch irgendwie wieder abgefeiert werden. „Wir müssen aber funktionieren, unsere ganze Aufmerksamkeit den Kindern schenken“, so die Leiterin aus Niederweimar weiter.

Gespräche mit den Eltern fehlen

Der größte der Teil der Eltern wisse um die Situation und zeige auch Verständnis, das sei schon viel wert. Gold wert sei auch das Verhalten der Kinder, die die Änderungen sehr gut mitmachen würden.

„Dadurch, dass Eltern ihre Kinder an der Tür abgeben müssen und nicht mehr reinkommen dürfen, gibt es auch weniger Austausch zwischen uns, was sehr schade ist. Es gibt immer Situationen, die mal besprochen werden müssen, etwa wenn uns eine Wesensänderung an einem Kind auffällt. Da wäre es gut zu wissen, was die Gründe sind, vielleicht ein Trauerfall, oder gar eine anstehende Scheidung oder aber auch die Ankündigung, das ein Geschwisterchen im Anflug ist“, führt Elke Schwing aus.

Deshalb habe sie in Bellnhausen „Terrassengespräche“ zwischen 15.30 und 19 Uhr mit den Eltern eingeführt, die zwar auch Zeit kosten, aber unendlich wichtig seien, was auch die Resonanz der Eltern bestätige. In Niederweimar läuft viel über Zettelpost, auf dem gegenseitig Anrufbitten mitgeteilt werden.

Toll finden es die beiden Leiterinnen auch, dass Alexander Bartsch, Vorsitzender des Zweckverbandes evangelischer Kindertagesstätten im Kirchenkreis Kirchhain, als Ansprechpartner des Trägers immer bereitstehe. Aber in Sachen Personalstärke sei eben so gut wie nichts zu machen. „Alle Kolleginnen reduzieren privat ihre sozialen Kontakte auf ein absolutes Minimum, damit sie ja nicht beruflich ausfallen“, sagt Schwing.

Arbeit am Kind muss zurückgenommen werden

Der Druck sei immens, kein Tag laufe wie der andere ab, Routine gebe es derzeit keine. Dafür müsse man auf jede neue Meldung eine Antwort finden, planen, organisieren, reagieren. Was die Erzieherinnen darüber hinaus sehr bedauern, ist die Tatsache, dass sie ihre Arbeit am Kind zurücknehmen müssen. Viele Aktionen mit den Vorschulkindern müssen wegen Corona ausfallen.

„Vor allem die Kinder, die im August gekommen sind und zu denen wir ein Vertrauensverhältnis aufbauen müssen, erleben uns fast ausschließlich auf Abstand. Wir verzichten schon auf die Maske innerhalb der Gruppen, denn Kinder brauchen eine deutlich erkennbare Mimik und deutliche Ansprache“, sagt Bettina Witt-Weber.

Damit ihre Trennungs-Arbeit im Kindergarten einen Sinn mache, äußern die beiden noch eine Bitte an die Eltern, auch wenn sie wissen, dass diese aufgrund von Freundschaften schwerfallen wird. Es wäre aber einfach sicherer für die Gruppenbetreuung, wenn sich die Kinder privat nicht mit Kindern aus anderen Gruppen treffen würden.

Von Götz Schaub

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