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Südkreis Das Comeback des Baumweißling
Landkreis Südkreis Das Comeback des Baumweißling
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11:00 31.07.2022
Martin Kraft konnte es kaum fassen, was er dieser Tage vor die Kameralinse bekam. Seine letzte Begegnung mit einem Baumweißling liegt schon lange zurück: 54 Jahre.
Martin Kraft konnte es kaum fassen, was er dieser Tage vor die Kameralinse bekam. Seine letzte Begegnung mit einem Baumweißling liegt schon lange zurück: 54 Jahre. Quelle: Martin Kraft
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Niederwalgern

Die Butterfliegen mit ihren herrlichen Mustern und Farben auf den Flügeln verschönern immer wieder unseren Sommer. Und sie sind .... Moment, was schreibst du da? Butterfliegen? Du meinst wohl eher Schmetterlinge. – Ja richtig, die Butterfliegen, also so heißen die doch im Englischen: Butterfly. Aber okay, ich nenne sie ab hier jetzt auch Schmetterlinge, den Rest mit der Butter und so erklären wir im Servicekasten.

So, wo waren wir? Sie, also die Schmetterlinge, verschönern unseren Sommer. Und sie sind richtig wichtige Pflanzenbestäuber. Doch wo keine Blumen und Blüten, da auch keine Schmetterlinge. „Einfach mehr Blumen zum Blühen bringen und auch wild wachsende Blumen einfach mal stehen lassen, statt frühzeitig zu entfernen“, rät Professor Martin Kraft. Das Vorstandsmitglied beim Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie ist in erster Linie ein ausgewiesener Vogel-Kenner. Aber Kraft hat auch ein Herz und Blick für andere Flieger in der Luft. „In diesem Jahr gibt es viele Schmetterlinge zu sehen. Darunter einige, die in Hessen und damit auch hier im Landkreis sehr selten zu sehen sind“, sagt Kraft. Das könnte schon mit den zuletzt sehr warmen Jahren zusammenhängen. Andererseits, schränkt er ein, könne man manchmal nur staunen, aber nicht wirklich erklären, warum plötzlich das eine oder andere seltene Insekt wieder da ist, während andere plötzlich einen Existenznachweis schuldig bleiben.

Mit dem Schleckerrüssel in Milchprodukte

Schmetterlinge haben weder was mit Schmetterbällen beim Volleyball noch beim Tischtennis am Hut. Sie haben ihren Namen offensichtlich von neugierigen Exemplaren, die im Mittelalter vermehrt die Nähe der Menschen suchten, wenn diese am Buttern waren. So erklärt sich die englische Bezeichnung Butterfly. Im deutschen Sprachraum wurden die Tierchen mit den bunten Flügeln mit dem Ausruck für Rahm und Schmand in Verbindung gebracht: Schmetten. Es war wohl generell so, dass sich einige Schmetterlingsarten sehr von den Milchprodukten angezogen fühlten. Wenn es ihnen gelang, ihren Rüssel in die Milchprodukte zu tunken, wurden sie mitunter als Hexen bezeichnet, die in schöner Verwandlung dem arbeitenden Volk Essen stahlen. Schriftlich belegt ist der Ausdruck Schmetterling seit 1501. In Deutschland wurden bisher um die 3 700 Arten nachgewiesen.

Natürlich gibt es einige Gartenpflanzen, die Schmetterlinge magisch anziehen, aber es sind dann doch eher die Wildblumen an abgelegenen Orten oder an Orten, die nicht mit dem Rasenmäher gepflegt werden, die für das Erscheinen seltener Schmetterlinge sorgen. In der Nähe des Sportplatzes von Runzhausen hat Kraft zuletzt schon einige interessante Entdeckungen gemacht und das in der größten Mittagshitze: Baumweißlinge. Nicht zu verwechseln mit Kohlweißlingen. Kraft nennt jetzt eine Jahreszahl, die die Besonderheit hervorhebt: Wann hat er einen Baumweißling zuletzt hier im Landkreis gesehen? 1968.

Die Pflanze Natternkopf ist schön anzuschauen mit ihren zahlreichen Blüten und so ist sie auch ein hochwertiger Nektarlieferant, kommt in Gärten vor, aber auch in der Wildnis an kargen Plätzen, die besonders warm und trocken sind. Dort gibt es dann ein Stell-Dich-Ein von seltenen Schmetterlingen. Na ja, sagen wir besser von Schmetterlingen, die hier sogar „extrem selten“ sind, wie Kraft sagt.

Schmetterlinge im Neuen Botanische Garten

Der Nachtkerzenschwärmer beispielsweise ist mehr in südlichen Ländern zu Hause, Hannover und erst recht Hamburg ist ihm schon zu nördlich. In Hessen ist er kaum zu sehen, obwohl er, je weiter man Richtung Osten geht, auch nördlicher zu finden ist, sogar noch in Litauen und Lettland. Das soll man jetzt verstehen. „Das liegt an den kontinental heißen Sommern“, erläutert Martin Kraft. Die Ströme von warmer Luft lassen wärmeliebende Insekten eben im Osten auch nördlicher vorkommen.

Auch die eigentlich am Mittelmeer lebenden Taubenschwänzchen haben unsere Breitengrade erobert und erfahren immer eine große Aufmerksamkeit, denn die kleinen Racker schaffen unglaubliche 80 Flügelschläge in der Sekunde und werden gerne für Mini-Kolibris gehalten, obwohl sie Schmetterlinge sind. Mitunter kann man die im Neuen Botanischen Garten in Marburg sehen.

Dann nennt Kraft noch den Ameisenbläuling als seltenen Gast, bevor er zu anderen Insekten abdriftet. Die Blauflügelige Ödlandschrecke beispielsweise ist auch ein Nutznießer der warmen Tage und über den Martinsweiher bei Niederwalgern kreuzen dieser Tage außergewöhnlich viele verschiedene Libellen. PS: Kann ein nervenaufreibendes Hobby sein, bis man mal diese Zickzack-Flieger richtig gut vor die Linse bekommt.

Von Götz Schaub