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Südkreis Moderne Technik rettet Kitze vor dem Mähtod
Landkreis Südkreis Moderne Technik rettet Kitze vor dem Mähtod
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20:00 24.05.2020
Mähschutz für Rehkitze – Landwirt Niklas Schäfer (oben links) mäht eine Wiese bei Hachborn, Sophie Schneider untersucht die Wiese mit Hund Pepe (oben rechts), Kreislandwirt Frank Staubitz installiert ein Schallwarnsystem (Schallkanone) auf dem Mähwerk am Traktor, Carol Grieger steuert eine Drohne über die Wiese, Staubitz stellt einen Raschelsack auf (unten von links).  Quelle: Thorsten Richter
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Hachborn

Kreislandwirt Frank Staubitz mäht keine Wiese mehr, seit er dabei einmal ein Kitz tödlich verletzte. Das habe ihn sehr zugesetzt. Das Bild der suchenden Mutter am Feldrand hat ihn bis heute nicht mehr losgelassen. So etwas möchte er nicht noch einmal erleben.

Wenn das Gras hoch genug ist, um die erste Basis für den Wintervorrat an Viehfutter zu bilden, kommt auch die Zeit, in der die Kitze geboren werden. Das weiß so ziemlich jeder. Aber die Ricken nicht. Sie glauben, ihrem Nachwuchs im hohen Gras die beste Sicherheit vor allen möglichen Gefahren zu geben, während sie selbst auf Nahrungssuche gehen. Und so spielen sich seit Jahrhunderten Dramen auf den Feldern ab. Ja, selbst als die Landwirte noch mit der Sense gemäht haben, erlitten die gut versteckten Kitze gefährliche Verletzungen, die oftmals zum Tod führten.

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Landwirten ist es nicht egal, wenn Kitze zu Schaden kommen

Mit dem technischen Fortschritt stieg aber sicher auch die Zahl der tödlich verletzten Kitze während der Mäharbeiten. Mittlerweile haben die Mäher eine Schnittbreite bis zu zwölf Metern. Und das nicht gerade bei Schritttempo. Wer soll da noch reagieren können, wenn plötzlich ein Kitz im Sichtfeld auftaucht? Zeit ist Geld, nicht nur am Fließband, auch auf der Wiese. Und so sterben immer wieder Kitze bei Mäharbeiten. Seit Jahren werden aber vielerorts die Anstrengungen verstärkt, möglichst kein Kitz zu verletzen oder gar zu töten. Dazu wurden verschiedene Methoden und Techniken erprobt. In verschiedenen Bundesländern wurden einige Ergebnisse sogar als bindend für die Landwirte festgeschrieben. Bei Nichteinhaltung drohen dort Bußgelder. „Uns Landwirten ist es nicht egal, dass bei Mäharbeiten Wildtiere, insbesondere Kitze zu Schaden kommen“, sagt Staubitz.

Niklas Schäfer, Landwirt im Nebenerwerb aus Hachborn, würde es im Traum nicht einfallen, einfach mal so mit dem Mähen loszulegen.

Auch er weiß, dass Zeit Geld ist. Doch das darf nicht über allem stehen, sagt er. Mit dieser Einstellung ist er wahrlich nicht alleine. Zusammen mit Staubitz und der Vorsitzenden des Kreisbauerverbandes Marburg-Biedenkopf, Karin Lölkes, wirbt er dafür, dass vor jeder Mahd alles unternommen wird, Kitze im Feld ausschließen zu können.

„Neben ethischen und juristischen Gründen haben Landwirte aber auch ein eigenes wirtschaftliches Interesse an der Vermeidung des Mähtods. Denn von Tierkadavern, die in Futtersilage gelangen, geht ein hohes Gefahrenpotenzial für die Vergiftung von Rindern aus“, heißt es im Praxis-Ratgeber „Mähtod“ zum Schutz von Jungwild und Wiesenvögeln, den die Deutsche Wildtierstiftung im vergangenen Jahr herausgebracht hat und der allen Interessierten im Internet als Download zur Verfügung gestellt wird.

Dabei wird auf eine Methode Bezug genommen, die auch die heimischen Landwirte sehr empfehlen: die Absuche des zu mähenden Feldes per Drohne. Wie das aussehen kann, demonstriert Carol Grieger aus Großseelheim. Er lässt seine Drohne über eine Wiese aufsteigen, die Niklas Schäfer mähen möchte. Er weist darauf hin, dass die Drohne mit einer Wärmebildkamera ausgerüstet sein sollte. Kitze haben mit 39 Grad eine deutlich höhere Temperatur als ihre Umgebung.

„Die Drohne hilft am besten in den kühlen Morgenstunden von 4.30 bis 8.30 Uhr“, sagt Heinrich Breitstadt, Vorsitzender der Kreisgruppe Marburg des hessischen Waldbesitzerverbandes. Wer keine Drohne zur Hand hat, kann auch mit Infrarot-Wildrettern durch die Wiese gehen.

Generell sucht Schäfer in Sachen „Wiese durchgehen“ auch die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jagdpächter beziehungsweise Jäger. Optimal ist eine Absprache zwei bis drei Tage im Voraus. Norbert Schneider ist Jagdpächter im Jagdgebiet Hachborn zusammen mit Mitpächter Albert Bender. Aber auch Schneider weiß, dass man trotz großen Einsatzes nie zu einer Hundert-Prozent-Quote kommen wird.

Landwirte und Jäger arbeiten zusammen

Eine echt gute Sache ist es, wenn man jemanden hat, der mit seinem Hund die Wiese abgehen kann. Das kann wahrlich nicht jeder übernehmen, denn der Hund muss darauf geschult sein und darf einem Kitz nicht zu nahe kommen, damit es am Ende nicht von seiner eigenen Mutter abgewiesen wird. Sophie Schneider verfügt über so einen Hund. Pepe heißt er, und bei seinem Auftritt in der Wiese zeigt er seine ganze Professionalität. Wer einen entsprechenden Hund hat und helfen will, kann sich über den jeweiligen Ortslandwirt ins Gespräch bringen lassen, meint Staubitz.

Nun startet Schäfer seinen Traktor. Der macht etwas Lärm. Das könnte Rehe schon verscheuchen. Doch am Mähgerät selbst ist noch ein akustischer Wildvergrämer. Der Ton, das ist wissenschaftlich belegt, regt das Wild an, wegzulaufen. Könnte auch beim Kitz funktionieren, es sei denn, es ist noch zu jung. Doch es gibt noch eine weitere Technik für den Mäher. Über Sensoren wird die Umgebung abgetastet, sodass Tiere rechtzeitig erkannt werden können. Dann hebt sich der Mäher an.

Das alles in Kombination mit den klassischen Vergrämungsmethoden wie dem Aufstellen von Stöcken mit im Wind raschelnden Tüten oder Luftballons kann sehr vielen Tieren das Leben retten. Dazu kommt dann noch die richtige Vorgehensweise, nämlich das Mähen von innen nach außen. So können Tiere, etwa auch Hasen und Rebhühner, nach außen flüchten, statt immer enger eingekreist zu werden. Die ersten Erfahrungen mit den technischen Hilfen sind sehr positiv. Staubitz berichtet, dass seit vier Jahren sein Mitarbeiter kein Kitz mehr übersehen hat, und Karin Lölkes hat sich den akustischen Warner, nachdem sie eine entsprechende Vorführung gesehen hatte, auch schon angeschafft.

Rainer Hellwig, Vorsitzender des Jagdvereins Lahn-Ohm, freut sich, dass die Landwirte die Zusammenarbeit mit den Jägern suchen. Generell sei die Zusammenarbeit immer wünschenswert, etwa auch beim Anlegen von Jagdschneisen zwischen den Feldern. Nur der Jäger wisse, wo es sich lohnt und wie die Schneise erstellt werden muss, um das Mondlicht nutzen zu können.

von Götz Schaub

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