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Südkreis Was tun bei Ärztepfusch?
Landkreis Südkreis Was tun bei Ärztepfusch?
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12:58 11.01.2020
Mutter Selina und Vater Dennis Schimmer sind froh, dass es Emil nach der Antibiotika-Überdosis weiter gut geht. Quelle: Ina Tannert
Fronhausen

Als die Eltern des kleinen Emil aus Fronhausen von einer Überdosis bei ihrem neugeborenen Sohn erfuhren, suchten sie umgehend das Gespräch mit den behandelnden Ärzten.

Erst einen Tag alt musste Emil gegen eine Neugeboreneninfektion mit einem Antibiotikum behandelt werden und erhielt durch einen Fehler eine Überdosierung (die OP berichtete).

Ein Schock für die Eltern, die sich ebenfalls mit einer möglichen Klage auseinandersetzten, sich vorerst aber dagegen entschieden. „Wenn es bei Emil doch zu Spätfolgen kommen sollte, werden wir auf jeden Fall klagen, alleine schon damit er die beste Behandlung erhält“, sagt Vater Dennis Schimmer. Er hofft dennoch, dass es nie so weit kommen muss.

UKGM: Mitglieder soll Fehlerquellen benennen

Wie geht nun das Klinikum mit der Sache um und wie können Behandlungsfehler überhaupt verhindert werden? Im Fall von Baby Emil gibt das UKGM weiterhin keine Stellungnahme ab, teilt aber auf Nachfrage mit, dass mit Fehlern intern „sehr offen“ umgegangen werde: „Hierfür haben wir unser zentrales und dezentrales Risikomanagement“, erklärt die Pressestelle.

Wie es im Referenzbericht des UKGM heißt, fallen darunter etwa das Einhalten von Standards, regelmäßige Fortbildungs- und Schulungsmaßnahmen oder die Anwendung von OP-Checklisten. Zudem zähle es zum „Selbstverständnis“ des Konzerns, dass auch die Mitarbeiter mögliche Fehlerquellen klar benennen.

Tipps der Verbraucherzentrale

Die Verbraucherzentrale rät Patienten, die nach einer ärztlichen Behandlung Zweifel haben, ob der Eingriff wirklich einwandfrei war, sich bei ihrer Krankenkasse Unterstützung zu holen.

  • Als erster Schritt sollten die vollständigen Krankenunterlagen von allen behandelnden Ärzten angefordert und überprüft werden. Patienten haben das Recht, jederzeit ihre Akte einzusehen.

  • Damit ein Behandlungsfehler nachgewiesen werden kann, muss in der Regel ein medizinisches Sachverständigengutachten eingeholt werden.

  • Bei einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler unterstützen die gesetzlichen Krankenkassen ihre Versicherten. Die Kasse hilft, wenn der Schaden im Rahmen einer Kassenleistung entstanden und noch nicht verjährt ist (die Verjährungszeit beträgt in der Regel drei Jahre).

  • Die Krankenkasse kann den Medizinischen Dienst mit einem Gutachten beauftragen.

  • Bei einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler können sich Betroffene auch an die Gutachterkommissionen für Behandlungsfehler der Landesärztekammern wenden.     

Was eigene Behandlungsfehler angeht, spricht das Klinikum von Einzelfällen, auch am Standort Marburg: „Bei rund 230.000 ambulanten und stationären Fällen in Marburg pro Jahr sind es nur wenige Einzelfälle, bei denen es leider zu Fehlern in der Behandlung kommt.“

Tritt ein solcher Fall auf, wird die Versicherung des UKGM aktiv – bei einem Versicherungsfall versuche diese, den jeweiligen Fall „entweder außergerichtlich oder gegebenenfalls auf gerichtlichem Wege“ zu regeln.

Wie es mit der konkreten Fehlerquote am UKGM aussieht oder wie viele Verfahren derzeit laufen, darüber spricht die Klinik nicht. Dass es generell zu Fehlern kommen kann, darüber wird schon auf der Homepage informiert:

„In weiten Teilen der Gesellschaft wird, gerade auf dem Gebiet der Medizin, die Unfehlbarkeit gefordert. Dies ist ein Ideal, das in allen Bereichen, in denen Menschen arbeiten, nicht erreicht werden kann – Fehler passieren.“

Meldesystem soll Risiko 
für Fehler mindern

Wichtiger sei, wie aus diesen Fehlern am besten gelernt werden könne. Dazu nutze das Klinikum ein Meldesystem, bei dem sogenannte „Beinahe-Zwischenfälle“ mit Namen oder auch anonym gemeldet werden können – das sogenannte Critical Incident Reporting System (CIRS), ein Teil des internen Risikomeldesystems.

Als Zwischenfall (Critical Incident) wird alles angesehen, was einem Patienten schadet oder hätte schaden können. Unabhängig davon ob es tatsächlich zu einem Vorfall kam oder dieser verhindert hätte werden können. Das Ziel: Das Risiko für Fehler zu mindern und echte Zwischenfälle verhindern.

Anwalt bearbeitet 150 Klagen gegen UKGM

Das funktioniert nicht immer, wie aktuelle Fälle zeigen. Mit Prozessen von Patienten, die aufgrund von Behandlungsfehlern klagen, hatte das UKGM bereits zu kämpfen: Zuletzt klagte ein nach einer missglückten Nasen-OP hirngeschädigter Patient erfolgreich – ihm wurde laut der Entscheidung des Landgerichts Gießen ein Anspruch auf insgesamt 800.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen (die OP berichtete). Die Summe soll zu den höchsten gehören, die Richter in ähnlichen Fällen für angemessen hielten.

Das überrascht Rechtsanwalt Dr. Hans-Berndt Ziegler nicht – der Fachanwalt für Medizinrecht hat eine Vielzahl an Fällen zu Arzthaftungssachen auf dem Tisch – alleine in 2019 kamen gut 300 neue Fälle aus ganz Deutschland dazu, berichtet Ziegler auf Nachfrage. Nicht bei allen ist indes das UKGM betroffen, doch aktuell lägen ihm 150 Fälle mit Forderungen gegen das Klinikum vor.

Medizinrechtler sieht Überlastung des Personals

Und es würden immer mehr: „Es ist eine Katastrophe – in den letzten Wochen und Monaten ist es klar zu einer Häufung von Fällen gegen das UKGM gekommen“, betont der Anwalt. Er will dabei ­eine steigende Fehlerquote erkennen, möglicherweise ausgelöst durch die aktuelle Personalsituation: „Die steigenden Fälle sind klar auf Überlastung zurückzuführen“, meint Ziegler.

Auch die Eltern von Emil hatten den Eindruck, dass das Pflegepersonal auf der Geburtsstation überlastet wirkte, „vielleicht kam es durch die Hektik zu dem Fehler“, vermutet Dennis Schimmer. Statistisch weist auch der medizinische Dienst der Krankenkassen für 2018 bundesweit mehr Behandlungsfehler aus.

Patienten sind kritischer geworden

Für Marburg kann das UKGM-Patientenfürsprecherin Cornelia Opitz nicht eindeutig bestätigen. Sie ist ehrenamtlich als unabhängige Anlaufstelle für Probleme aller Art tätig. „Die Leute kommen mit den verschiedensten Themen zu uns – von der Qualität des Essens bis zu Behandlungsfehlern“, berichtet Opitz.

Die Anzahl der Anfragen sei dabei bei ihr „nicht gestiegen, aber auch nicht gesunken“. Dennoch wenden sich Betroffene heute generell häufiger mit Verdachtsfällen an Beratungsstellen als das früher der Fall war. „Das liegt aber auch daran, dass Patienten heute mündiger sind als noch vor 15 oder 20 Jahren, sie glauben nicht alles, was Ärzte ihnen sagen, und das ist gut so“. Ihr Rat: „Wenn wirklich ein konkreter Verdacht vorliegt, sollte man zweigleisig fahren, sich Rat beim Anwalt holen und auch seinen Verdacht über die Versicherung prüfen lassen“.

von Ina Tannert 
und unserer Agentur

Behandlungsfehler in der Medizin

Laut Bundesgesundheitsministerium liegt ein Behandlungsfehler vor, „wenn die medizinische Maßnahme nicht dem allgemein anerkannten Standard entspricht, der im Zeitpunkt ihrer Durchführung besteht. Auch wenn nicht ausreichend qualifiziertes Personal eine Behandlung durchführt oder Abläufe im Krankenhaus schlecht aufeinander abgestimmt sind, kann ein Fehler vorliegen, ein sogenannter Organisationsfehler“.

Wie viele Behandlungsfehler oder Behandlungsfehlervorwürfe es gibt, ist unbekannt. Laut Ministerium sei die aussagekräftigste Statistik die des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen und den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft.

Die Gutachter der Krankenkassen haben 2018 mehr Behandlungsfehler festgestellt: Laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen wurden bei 14.133 Gutachten nach Patientenbeschwerden 3.497 Fehler aufgedeckt. Im Jahr zuvor waren es 3.337 Fehler.

In jedem fünften Fall (2.799) verursachten die Fehler den Schaden beim Patienten, der Anlass für die Überprüfung durch die Kassen war. In fast jedem dritten Fall davon handelte es sich um einen Dauerschaden. In 107 Fällen führte ein Fehler zum Tod oder trug dazu bei. Die Dunkelziffer ist hoch: Auf jeden unentdeckten Behandlungsfehler kämen laut Studien rund 30 unentdeckte Fälle.

Mit 9.433 Fällen betrafen rund zwei Drittel der Vorwürfe Behandlungen in Krankenhäusern. 31 Prozent aller gemeldeten Fälle beziehen sich auf Orthopädie und Unfallchirurgie, 13 Prozent auf Innere und Allgemeinmedizin und jeweils 9 Prozent auf allgemeine Chirurgie und Frauenheilkunde.