Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis So geht Nahversorgung heute
Landkreis Südkreis So geht Nahversorgung heute
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:58 24.10.2020
Katharina und Carsten Marin in der Marktscheune – das Paar hat ein wachsendes Netzwerk an Erzeugern regionaler Lebensmittel im Landkreis aufgebaut. Quelle: Ina Tannert
Anzeige
Wittelsberg

Eigentlich ist die Marktscheune in Wittelsberg als regulärer Laden noch gar nicht wirklich geöffnet – doch das noch junge Geschäft boomt schon jetzt.

Und das liegt nicht nur am Standort, sondern am Konzept der jungen Unternehmer, die mit einer Plattform für regionale Direktvermarktung gleich mehrere Lücken füllen. Sowohl für die Nahversorgung im ländlichen Raum wie als Anlaufstelle für hiesige Erzeuger für regionale, nachhaltige Produkte.

Anzeige

Beides geht Hand in Hand, mit der Marktscheune haben Katharina Marin und Carsten Marin gemeinsam mit zwei Mitstreitern vor gut zwei Jahren ein wachsendes Netzwerk für heimische, ökologische Lebensmittel gesponnen, das es in dem Umfang vorher so nicht gab.

In der alten Scheune auf dem Hof soll einmal ein reguläres Geschäft mit angeschlossener Veranstaltungsfläche entstehen, zuvor der Hof etwas umgestaltet werden. Die Baugenehmigung kam Anfang des Jahres an und dann folgte die Pandemie. Schlechter hätte der Zeitpunkt für die Gründung eines Ladens nicht sein können.

Versorgung auf dem Land hat Lücken

Doch wirklich Zeit findet das Paar, beide gebürtig aus Wittelsberg, dafür auch gerade nicht: Denn deutlich mehr Aufmerksamkeit erfährt im Pandemiejahr ihr zweites Standbein, die Verkaufsautomaten. Die stehen unter dem Motto „Grundnahrungsmittel“ dezentral an verschiedenen Standorten in Ebsdorfergrund, Fronhausen und Marburg, und damit hat das Paar nicht nur im Sinne eines veränderten Einkaufsverhaltens voll den Zeitgeist getroffen.

Dorfläden sind fast überall ausgestorben, die Versorgung der Bevölkerung weist gerade im ländlichen Raum Lücken auf. Daraus entstand auch die Idee für die Marktscheune, „uns fehlte hier einfach die Nahversorgung“, sagt Katharina Marin. Also sorgten sie eben dafür, „bevor man immer nur darüber schimpft, kann man es ja selber machen“, ergänzt ihr Mann.

Einkaufen in Pandemie-Zeiten

Im Pandemiejahr füllten sie zudem eine weitere Lücke: Das kontaktlose Einkaufen rund um die Uhr, ohne dabei unbedingt auf andere Menschen treffen zu müssen. „Corona fing an und die Automaten gingen rauf, der Bedarf ist direkt um etwa 30 Prozent gestiegen“, berichtet Carsten Marin, der hauptberuflich ein Pflegeheim leitet, abends regelmäßig herumfährt und mittlerweile sechs Automaten auffüllt.

„Es macht einfach so viel Spaß, man trifft dabei immer wieder Leute und die freuen sich, ich denke, sie sehen, was dahintersteckt und wissen das zu schätzen“, schwärmt er. Weitere Regiomaten sind geplant und die melden leere Regale automatisch per App, Kunden können über die Homepage zudem sehen, welche Produkte gerade an welchem Standort zum Verkauf stehen.

Auch immer mehr Anbieter kommen dazu, mittlerweile sind es rund 20, vor allem heimische Erzeuger. Darunter vieles in Bio-Qualität, „wir schauen schon genau, wo was herkommt und versuchen, vor allem die kleinen Hersteller zu unterstützen“, sagt Katharina Marin.

Raum für kleine Events

Der Regiomaten-Boom beschäftigte das Paar den ganzen Sommer hindurch, „wir waren schon überrascht und mussten im Hintergrund erst einmal mitwachsen“, erzählt das Paar lachend. Ihr Unternehmen betreiben die Art-Direktorin und der Manager nebenberuflich, alleine leben können sie nicht davon, doch es soll weitergehen. Auch die Marktscheune soll einmal als Laden eröffnen, zudem Raum für kleine Events bieten, etwa einen Adventsmarkt, das sei aber abhängig von der Pandemie-Entwicklung, „wir sind da noch vorsichtig“.

Bislang gab es immer mal wieder vereinzelte Öffnungstage als Testlauf, dort habe sich der lokale Bedarf an Nahversorgung durchaus gezeigt, „es wurde sehr gut angenommen, jetzt sind wir in der Zwickmühle“, sagt Carsten Marin. Denn eigentlich hat die Marktscheune mittlerweile an die 100 Produkte, etwa 80 Prozent davon kommen direkt aus dem Landkreis, die aber natürlich nicht alle in die Automaten passen. Das Angebot aus knapp 30 verschiedenen Lebensmitteln in den Regiomaten – von regionaler Wurst und Käse bis zu Kartoffeln und Suppen – wechselt dabei regelmäßig.

Kultur- und Kreativpiloten

Jedes Jahr werden im Namen der Bundesregierung 32 Unternehmen – Selbstständige, Gründer und Projekte aus der Kultur- und Kreativwirtschaft – als Kultur- und Kreativpiloten Deutschland ausgezeichnet. Die von einer Jury ausgewählten Gewinner nehmen an einem einjährigen Mentoring-Programm teil.

Organisator der Auszeichnung im Rahmen des Projektauftrags durch die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung ist das „u-institut für unternehmerisches Denken und Handeln“.

In diesem Jahr gingen bundesweit 1 .170 Bewerbungen ein, 104 schafften es ins Finale, darunter auch die Marktscheune. Eine Auszeichnung erhielt ihre Idee nicht, aber es als lokale Akteure alleine schon ins Finale geschafft zu haben, „das ehrt uns sehr und macht uns stolz“, freut sich Katharina Marin.

Von Ina Tannert

19.10.2020