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Südkreis Von der Zwester-Ohm bis an die Spree
Landkreis Südkreis Von der Zwester-Ohm bis an die Spree
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15:58 08.10.2020
Michel Descombes hat es per Fahrrad von Ebsdorf nach Berlin geschafft. Quelle: Privatfoto
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Marburg

79 Jahre alt, zehn Tage Zeit, 500 Kilometer Strecke – Michel Descombes hat es geschafft, er ist von Ebsdorf nach Berlin geradelt. Im Supermann-Clownskostüm in den französischen Nationalfarben ist er als „Super Michel“ durchs halbe Land getourt. Der Zweck: Spenden für kranke Kinder und Bedürftige sammeln, Menschen auf seinem Weg zum Lächeln bringen. Und nicht zuletzt Corona ein Schnippchen schlagen: Denn die Fahrt war seine persönliche „Tour der Hoffnung“ – da das große Benefiz-Event dieses Jahr ausgefallen war, hatte er es kurzerhand zur persönlichen Solo-Aktion umgemünzt, ohne Ansteckungsrisiko und dennoch irgendwie auch der Pandemie zum Trotz. Bestückt mit Transparenten mit fröhlichen Parolen am sowieso schon bunt behängten, klimpernden Fahrrad zog er los, wollte allen, denen er begegnete, Mut machen.

Der Fahrrad-Akku hält nur vier Stunden

Mitte September hatte er sich, begleitet von einem alten Freund, der im Auto als Rückendeckung hinterher fuhr, aufs Fahrrad geschwungen. Das hat er mittlerweile zwar mit einem kleinen E-Motor aufgerüstet, der Akku hält aber nur vier Stunden. Auch mit 79 Jahren musste Descombes für die Tour einiges an Muskelschmalz aufbringen. Dafür trainierte der Sportler, bundesweit bekannt als Marathon-Legende, die bei jedem Lauf nicht nur bunte Kostüme, sondern auch stets ein Lachen im Gesicht trägt. Seit mehr als 30 Jahren nimmt er an Benefizläufen und Rad-Events teil, will durch sein Auftreten „Spaß in die Sache rein bringen, das hält mich einfach jung“, erzählt er.

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Bundesweit hat der gebürtige Franzose in all den Jahren mehr als 200 000 Euro an Spenden für Hilfsorganisationen gesammelt. Auf seiner Berlin-Fahrt kamen nun weitere 5 240 Euro für die Tour der Hoffnung hinzu, er unterstützt damit krebskranke Kinder. Das Geld sammelte er auf dem Weg, machte in zahllosen Städten und Örtchen Station, klapperte die Rathäuser ab, nahm Geld von Kommunen, Unternehmen oder Privatleuten entgegen.

„Es hat alles sehr gut geklappt, ich habe mehr gesammelt, als ich erwartet hatte“, berichtet Descombes. Gerade in den ersten Tagen sei er fröhlich begrüßt worden, „die Leute haben mich teilweise spontan angehalten, um Geld zu spenden, das war große Klasse“.

Kurz vor dem 30. Einheitstag kehrte er zurück von einer Route, die er bereits gut kennt. Schon 1989 machte er sich noch vor dem Mauerfall „als Revolutionär“ nach Berlin auf, da noch zu Fuß, ein Jahr später dann zu Rad.

Ernüchterung im Osten

Nun war er wieder in der Hauptstadt, aus manchen Orten, durch die er fuhr, kehrt er nicht nur mit positiven Eindrücken nach Hause zurück: „Diesmal konnte ich dort feststellen, welche Unterschiede und Veränderungen es seit der Wiedervereinigung gegeben hat“, berichtet er.

Seine persönliche Bilanz falle dabei „leider negativ-ernüchternd“ aus. „Gebäude und Häuser verfallen immer mehr oder sind jetzt ohne Bewohner, man sieht kaum Leute dort, offensichtlich relativ viele arbeitslos und mit zum Teil negativer Stimmung“, so sein Eindruck.

Das wirkte sich dort auch auf die Spendenbereitschaft aus, „die war in den letzten fünf Rad-Tagen praktisch gleich null“. Selbst in Städten wie Potsdam, Wernigerode oder Magdeburg. „Es fehlen Jobs, dort ist noch viel zu tun, damit da wieder mehr Leben einkehrt, soweit das denn möglich ist.“ Nichtsdestotrotz sei die zehntägige Radtour gefüllt „mit super Momenten, oft mit unerwarteten, schönen Überraschungen und vielen netten Begegnungen“, zieht er ein positives Fazit.

Als krönender Abschluss fuhr er die rund 40 Kilometer lange Strecke vom Berlin-Marathon ab, kreuz und quer durch die Hauptstadt und mehrfach über die Spree. Dort traf er sogar eine Gruppe von 20 Radlern, „wir haben uns einfach angeschlossen und sind zusammen gefahren, die Stimmung war super“. Das war dann noch ein „ganz persönlicher Marathon, alles in allem ein echtes Abenteuer“, freut sich Descombes.

Von Ina Tannert

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