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Südkreis Angeklagter wurde ohne Medikamente aggressiv
Landkreis Südkreis Angeklagter wurde ohne Medikamente aggressiv
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10:52 19.01.2020
Gerichtsakten stapeln sich auf einem Tisch. Quelle: Thorsten Richter/Symbolfoto
Gießen

Dem Angeklagten wurde Nötigung, Amtsanmaßung, unerlaubtes Führen einer Schusswaffe, Trunkenheit im Verkehr, Sachbeschädigung, Bedrohung und Fahrerflucht vorgeworfen. Diese Taten beging der Angeklagte zwischen Februar und Juli 2019, dann wurde er in eine forensische Psychiatrie eingewiesen, wo er bis zum Prozesstermin verblieben war. Der Angeklagte räumte direkt zum Auftakt des Prozesses alle gegen ihn erhobenen Anklagen vollständig ein. 

Seine erste Tat beging er am 18. Februar 2019, er hielt mit seinem Auto neben einem 25-jährigen Mann in Niederweimar an, der an der Straße auf ­einen Freund wartete. Der Angeklagte gab sich als Polizist aus und verlangte mit vorgehaltener Schreckschusspistole, seine Aufenthaltsgenehmigung zu sehen. Als kurz darauf der Freund mit seinem Auto erschien, verfolgte dieser das Auto des Angeklagten. Daraufhin stieg dieser aus und feuerte einen Schuss in Richtung des verfolgenden Autos ab. Es kam dabei glücklicherweise niemand zu Schaden, die beiden Zeugen kamen mit dem Schrecken davon. Und mehr noch: Der Autofahrer, der die Familie des Angeklagten kennt, verzeiht ihm: „Fehler passieren im Leben“, meinte er. 

Ehemaligen Partner mit Golfschläger bedroht

Nur zwei Tage nach diesem Vorfall fuhr der Angeklagte zum Büro seines ehemaligen Geschäftspartners nach Frankfurt. Beide hatten zusammen eine­ Möbelverkaufs-Webseite betrieben, doch zu dem Tatzeitpunkt war der 38-Jährige nicht mehr beteiligt an dem Unternehmen. „Er kam mit einem Golfschläger in mein Büro gestolpert, er war total betrunken und hat mich bedroht“, erinnert sich der Zeuge.

Er kenne den Angeklagten seit fast 20 Jahren, sie hätten schon häufig zusammengearbeitet. In all der Zeit habe er nie Probleme mit ihm gehabt, doch Anfang des Jahres 2019 sei er wie ein ­anderer Mensch gewesen, nachdem er sich längere Zeit in Thailand aufgehalten habe. Der ehemalige Geschäftspartner legte großen Wert darauf, mitzuteilen, dass er den Angeklagten ansonsten in sehr guter Erinnerung habe und kein schlechtes Wort über ihn berichten könne.

Die bei dem Prozess anwesende psychologische Gutachterin Birgit von Hecker kannte auch den Grund für den plötzlichen Verhaltenswandel des Angeklagten: „Der Angeklagte leidet schon seit langem an einer bipolaren Störung mit manischen Phasen“, sagte sie. Eskaliert sei das Ganze, als er nicht mehr seine Medikamente genommen habe, dies habe ihn in eine Manie versetzt, die ihn zum Teil auch aggressiv werden ließ. Im Zusammenhang mit Alkohol und Kokain sei er zunehmend unkontrollierbarer geworden.

Von Hecker zeichnete dabei­ das Bild eines sehr talentierten Mannes, der sich schon früh selbstständig gemacht habe in der Möbelbranche, diverse Unternehmen und Webseiten gründete und auch sehr erfolgreich damit war. Um mehr arbeiten zu können, habe er zunehmend Kokain konsumiert, später wurde es zu einer Regel­mäßigkeit, genauso wie der ­Alkohol. 

Alkoholisiert in drei parkende Pkw gefahren

Die Gutachterin bescheinigte dem Angeklagten während seiner Taten zwar eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit aufgrund seiner Krankheit, den Drogen und dem Alkohol, dennoch hätte er seine Handlungen bis zu einem gewissen Maße durchaus noch steuern können.

Sein unkontrolliertes Verhalten zeigte sich auch bei einer Tat, die er im Mai 2019 beging: mit mehr als zwei Promille Alkohol im Blut sowie unter Einfluss von Kokain fuhr er zu ­einem Lager seines ehemaligen Unternehmens. Dort rammte er mehrmals absichtlich einen Lkw mit zwei Mitarbeitern darin und forderte diese zum Aussteigen auf. Wieder zu Hause angelangt, erschien die Polizei in seinem Haus. Seine damalige Lebensgefährtin erinnert sich an den Abend: „Als die Polizisten vor der Tür standen, ging er mit einem Messer an das Hausfenster, welches ihm dann aber entwendet wurde.“ Auch sie habe bemerkt, dass er zu Anfang des Jahres 2019 plötzlich anders wurde, weshalb sie sich auch von ihm getrennt habe. 

Seine letzte Straftat beging der Angeklagte im Juli 2019, als er schwer alkoholisiert und unter Drogeneinfluss von der Fahrbahn abkam und mit drei parkenden Autos kollidierte. Es entstand dabei ein Sachschaden von mehr als 30.000 Euro, verletzt wurde wieder niemand. Nach diesem Vorfall wurde er in die forensische Psychiatrie in Bad Emstal eingewiesen. Richterin Knauf wertete positiv, dass der Angeklagte alle Vorwürfe gestand und sich bei den Geschädigten entschuldigt hatte.

Gutachterin von Hecker war sich sicher, dass er keine weiteren Straftaten begehen werde, solange er seine Medikamente nehme und die Finger von Drogen und Alkohol lasse. Daher setzte die Richterin die vom Staatsanwalt geforderte Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten zur Bewährung aus. „Allerdings unter der Auflage, dass sich der Angeklagte fünf Jahre lang strengen Drogen- und Alkoholkontrollen zu unterziehen hat sowie regelmäßige Gespräche mit der ambulanten forensischen Psychiatrie führen muss“, sagte die Richterin. Des Weiteren habe er 600 Euro an die Eingliederungshilfe in Marburg zu spenden.

von Tim Goldau