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Südkreis Auf den Spuren einer historischen Flutkatastrophe
Landkreis Südkreis Auf den Spuren einer historischen Flutkatastrophe
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16:57 21.08.2021
Tourguide Manfred Gerhardt erläutert den Zuhörern die Entstehung der Erosionsschluchten am Herchenberg.
Tourguide Manfred Gerhardt erläutert den Zuhörern die Entstehung der Erosionsschluchten am Herchenberg. Quelle: Niklas Göpel
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Stedebach

Starkregen, Überschwemmungen, Geländeabbrüche – bei diesen Begriffen ziehen die Bilder des schweren Hochwassers, das erst vor wenigen Wochen seine massive Zerstörungskraft im Westen Deutschlands entwickelte, am inneren Auge vorbei. Die Unwetterkatastrophe lenkt dabei auch den Blick zurück auf Jahrhundertfluten der Vergangenheit.

Denn auch im heimischen Raum finden sich die Zeugnisse solcher historischen Starkregenereignisse, die maßgeblich das Landschaftsbild prägen und dennoch kaum bekannt sind.

Etwa am südöstlich des Weimarer Ortsteils Stedebach gelegenen Herchenberg. Dorthin brachen am vergangenen Samstag die Teilnehmer einer von den Geschichtsvereinen aus Lohra und Weimar gemeinsam organisierte Begehung auf, um sich aus gegebenen Anlass ein Bild der historischen Überschwemmung zu machen. Ausgehend vom ehemaligen Stedebacher Burgteich erkundeten etwa 40 Geschichtsinteressierte unter der Leitung von Manfred Gerhardt (Lohra-Damm) imposante Schluchten, die vermutlich im Zuge des verheerenden Magdalenenhochwassers von 1342 entstanden sind.

Wie Niklas Göpel vom Geschichtsverein Lohra berichtet, war diese eine besonders einschneidende Flutkatastrophe des 14. Jahrhunderts: Zwischen dem 19. und dem 22. Juli 1342 gingen erhebliche Regenmengen über Mitteleuropa nieder, die von den Böden nicht mehr aufgenommen werden konnten. In Frankfurt soll der Pegel des Mains in diesen Tagen gar 7,85 m betragen haben – im Jahresschnitt liegt dieser bei etwa 1,52 Meter.

Im Kaiserdom stand das Wasser zwei Fuß hoch, etwa 60 Zentimeter. Ein Teil der alten Steinbrücke über den Main wurde von der Strömung weggerissen. Der zeitgenössische Geschichtsschreiber Johannes von Viktring berichtet eindrücklich, dass „die Überschwemmung […] Ortschaften, Menschen, Bäume, Äcker, Wiesen von Grund aus“ vernichtet habe.

Schluchten durchschneiden Ackerterrassen

In die Lößäcker am Herchenberg wurden im Zuge des Magdalenenhochwassers tiefe Schluchten gerissen, die dem Betrachter noch heute einen starken Eindruck des Ausmaßes der Katastrophe von 1342 vermitteln. Der weggeschwemmte fruchtbare Ackerboden habe sich östlich im Bereich zwischen der heutigen Landesstraße sowie der Eisenbahnstrecke Niederwalgern-Fronhausen abgelagert, wo noch immer der Schwemmkegel zu erkennen sei, so Manfred Gerhardt.

Darauf, dass die Erosionsschluchten am Stedebacher Herchenberg tatsächlich in Verbindung mit dem Magdalenenhochwasser stehen, deuten laut Tourguide Gerhardt auch Ackerterrassen hin, die sich unmittelbar südlich der Erosionsschluchten befinden und teilweise von diesen durchschnitten werden. Die Ackerterrassen wurden weitgehend im 12. und 13. Jahrhundert angelegt, um das hangparallele Pflügen zu erleichtern, sie sollten gleichzeitig auch die Bodenerosion verhindern.

Den hohen Niederschlagsmengen im Juli 1342 hatten aber auch die Ackerterrassen nichts entgegenzusetzen, sie wurden im Nachgang von den heimischen Bauern nicht mehr instandgesetzt und nur noch extensiv genutzt.

Über die darauf folgenden Jahrhunderte hinweg ist mit dem Herchenberg bei Stedebach „ein sehenswertes Landschaftsdenkmal entstanden, das dem Menschen die unbeherrschbaren Kräfte der Natur und die Grenzen des eigenen Handelns eindringlich vor Augen führt“, betont Niklas Göpel im Nachgang einer eindrucksvollen Wanderung.

Von Ina Tannert

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