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Südkreis MPU-Beraterin bringt Verkehrssünder wieder in die Spur
Landkreis Südkreis MPU-Beraterin bringt Verkehrssünder wieder in die Spur
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15:00 10.04.2022
Alkohol und Autofahren passen nicht zusammen: MPU-Beraterin Alia Schilling begleitet Menschen, denen der Führerschein entzogen wurde, auf dem Weg zurück hinters Steuer.
Alkohol und Autofahren passen nicht zusammen: MPU-Beraterin Alia Schilling begleitet Menschen, denen der Führerschein entzogen wurde, auf dem Weg zurück hinters Steuer. Quelle: Ina Tannert
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Ein weißer Raum mit weißem Tisch, schwarzen Sesseln, hellen Wänden, an denen auffallend wenige Bilder hängen – nichts soll von diesem Gespräch ablenken, an dem ganze Existenzen hängen können. Am Tisch sitzt lächelnd Alia Schilling, eine taffe Frau, die Verkehrssünder wieder auf den richtigen Weg bringt.

Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und zugleich MPU-Beraterin, betreut Fahrerinnen und Fahrer, die etwa bei einer Drogenfahrt erwischt wurden und sich auf die medizinisch-psychologische Untersuchung vorbereiten. Im Volksmund auch „Idiotentest“ genannt, was täuschen kann, denn das Gutachten zur Verkehrstauglichkeit hat es in sich.

Die MPU

Eine medizinisch-psychologische Untersuchung wird von einer Behörde oder einem Gericht angeordnet. Der dreiteilige Test besteht aus der medizinischen Untersuchung, einem Leistungstest und einem psychologischen Gespräch. Die Begutachtung der Fahreignung soll die Verkehrstauglichkeit der Betroffenen sicherstellen. Bei der MPU liegt die Durchfallquote je nach Grund der Untersuchung bei etwa 35 Prozent. Jährlich werden bundesweit rund 100 000 MPU durchgeführt, vor allem wegen Alkohol- und Drogenmissbrauch. Etwa nach einer Trunkenheitsfahrt mit mindestens 1,6 Promille, bei Verdacht auf ein Alkoholproblem oder wenn man wiederholt beim Fahren unter Alkoholeinfluss erwischt wurde.

Eigentlich hilft Schilling ihren Klienten nicht einfach dabei, den eingezogenen Führerschein wieder zu bekommen, sondern mit ihrem Leben klar zu kommen. Das eine bedingt durchaus das andere. Denn oft stecke hinter einer Rauschfahrt ein viel tiefer sitzendes Problem.

Ihr gehe es nicht darum, das Thema zu verharmlosen oder anderen beim Tricksen zu helfen, einfach schnell wieder hinters Steuer zu kommen. Das funktioniere auch gar nicht, „die MPU-Psychologen wissen, was sie tun“. Sie will vielmehr den eigentlichen Grund für eine Rauschfahrt finden, ist für viele ihrer Klienten Lehrerin und Therapeutin in einem.

Vermittlerin von klein auf

Das ist eigentlich schon ihr ganzes Leben so, sie ist von klein auf quasi der Typ Vermittlerin: „Ich fand Menschen schon immer toll und wollte ihnen helfen – schon auf dem Spielplatz habe ich Nachhilfe gegeben“, verrät die 42-Jährige lachend. Diese Eigenschaft hat sie sich auch durch diverse Berufe hindurch bewahrt: erst Flugbegleiterin, dann Lehrerin, dann Palliativ-Begleiterin oder Persönlichkeitstrainerin.

Sie kennt die Probleme, die einen Menschen aus der Bahn werfen können. Sei es der als „nicht unterrichtbar“ eingestufte Schüler aus der Problemfamilie oder schwere Schicksalsschläge, die sie selber erfahren musste. Vor knapp sechs Jahren starb ihr Ehemann an einem Hirntumor, sie pflegte ihn bis zum Schluss und stürzte danach in ein tiefes Loch. „Als er starb, war mein Leben bis dahin vorbei, es war wie ein Reset“, erinnert sie sich. Um ihrer Tochter willen kehrte sie zurück in den Alltag, schrieb ein Buch über ihr Leben und gründete die Hirntumor-Selbsthilfegruppe. Und als Verhaltens- und Gesprächstherapeutin ordnete sie sich auch beruflich neu.

Kosten der Beratung müssen Klienten selber zahlen

Auf die Idee, sich außerdem der MPU-Beratung zu verschreiben und weiterbilden zu lassen, kam sie tatsächlich durch wiederkehrende Meldungen in der OP, wo die Polizei regelmäßig über durchgeführte Verkehrskontrollen und ertappte Fahrer berichtet. Sie weiß, dass dahinter nicht einfach nur Dummheit stehen muss: „Wer sich mit 1,6 Promille ans Steuer setzt, der hat tiefergehende Probleme“. Für sie ist ihre Arbeit daher weniger eine einfache Beratung als vielmehr eine MPU-Therapie. Am Ende dieses Wegs winkt der Führerschein, der für viele existenzsichernd ist.

Ihre Klienten nehmen die Sache daher ernst, zugleich ist das der größte Motivator für eine Therapie. Die Kosten der Beratung müssen sie zudem selber zahlen. Die meisten öffnen sich der Expertin, gehen tiefer, „die Leute erzählen mir ihr Leben und da drin sind die eigentlichen Probleme versteckt“, sagt Schilling.

Das könne vieles sein, von der Frau, die nach einer unglücklichen Beziehung mit dem Trinken anfängt, bis zum überforderten jungen Mann aus gutem Hause, der mit der Verantwortung eines Erwachsenen nicht zurechtkommt und sich mit Drogen betäubt. „Viele haben keine Charakterschwäche, ihnen fehlt eine Bewältigungsressource – diese Lücke sollen Alkohol oder Drogen füllen und das funktioniert nicht.“

Sie will die eher mit Kraft und Selbstvertrauen füllen, „ich kann keine Garantien geben, aber wenn die Leute verstehen, woher ihre Probleme kommen, dann erst kann man sie lösen“. Den Weg dahin zu ebnen, das liegt der 42-Jährigen sichtlich, sie sieht jeden Schritt positiv: „Es geht hier einfach um mehr als den Führerschein – wenn das das Leben der Menschen besser macht, dann freue ich mich einfach mit“.

Weitere Informationen unter www.alia-schilling.de

Von Ina Tannert