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Südkreis Lina will Finns Leben retten
Landkreis Südkreis Lina will Finns Leben retten
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08:00 04.11.2019
Familie Hedderich bangt um das Leben von Finn. Der Siebenjährige leidet an einer seltenen Krankheit, seine Schwester Lina kann ihn hoffentlich retten. Quelle: Tobias Hirsch
Roßberg

Es war die mit ­Abstand niederschmetterndste Nachricht ihres Lebens, die ­Melanie und Jens Hedderich erst vor wenigen Wochen erreichte.­ Sohn Finn leidet an einer ­lebensbedrohlichen Blutkrankheit. Er ist erst sieben Jahre alt und doch droht sein Knochenmark den Dienst zu versagen, die Produktion lebenswichtiger Blutzellen einzustellen. Schon jetzt ist sein Immunsystem kaum noch funktionstüchtig, jederzeit kann der nächste­ Notfall eintreten. Die gesamte Familie hat sich darauf eingestellt, Besuchern werden keine Hände geschüttelt, Krankheitskeime müssen vermieden werden, Finn darf nicht mehr zur Schule, wird zu Hause unterrichtet und bleibt nie unbeaufsichtigt. „Man kann nicht beschreiben, was das für ein Schock war, wir versuchen trotzdem, unser Leben so normal wie möglich zu gestalten und gehen offen mit dem Thema um“, berichtet Mutter Melanie im Gespräch mit der OP.

Die Zeit, den Schock zu verdauen, hatte die Familie noch immer nicht. Alles begann am 17. September. An den Tag erinnern sich alle, auch die achtjährige Lina weiß noch genau, wie sie mit ihrem kleinen Bruder an der Bushaltestelle stand, kurz bevor der Rettungswagen kam: „Der Finn hatte plötzlich Nasenbluten, immer wieder, das hörte gar nicht mehr auf“, erzählt das Mädchen offen.

Seit diesem Tag ist nichts mehr wie vorher. Finn musste in die Kinder-Onkologie. „Wir sind im Krankenwagen gefahren, das war total spannend“, ergänzt der Siebenjährige unbeschwert vom ersten Tag. Er ist ein sichtbar fröhlicher Junge, lacht viel, erzählt ohne Scheu aus seinem Leben, ärgert seine Schwester und tobt gerne herum. Nur ist er sehr blass, kommt schnell aus der Puste. Als der begeisterte Fußball-Fan, der auch selber schon kickt, einmal vor Erschöpfung auf dem Sportplatz einschlief, war dies das erste Alarmzeichen. „Das war ganz ungewöhnlich, da fingen wir an, uns Sorgen zu machen“, erzählt Vater Jens. Danach begannen die Blutungen, die Eltern handelten umgehend. Schon der erste Bluttest ergab katas­trophale Werte. „Selbst die Ärzte haben sich gewundert, dass Finn überhaupt noch laufen kann“, erinnert sich Mutter ­Melanie mit Schrecken.

Der erste erschütternde Verdacht noch vor den ersten Tests: Leukämie. Eine Hiobsbotschaft, die sich schlussendlich als falsch herausstellte. Die Werte passten nicht, Finn hat zumindest keinen Krebs. Es begann eine nervenaufreibende Spurensuche, ein Marathon an medizinischen Untersuchungen, die der Junge durchmachen musste. Viele Tage harrte die ganze Familie in Ungewissheit aus. Dann kam die erschütternde Diagnose Knochenmarksversagen. Ohne­ Stammzellspende kann Finn nicht überleben.

Schwester passt zu 100 Prozent

Die gesamte Familie ließ prüfen, ob einer von ihnen als Spender infrage kommt. Erst vor einer Woche erreichte sie die frohe Nachricht, das bestmögliche Ergebnis von Linas Bluttest. „Freitag, Viertel vor drei kam der Anruf, es war unfassbar“, erzählt Melanie Hedderich, die diesen Tag wohl nie vergessen wird. Die Achtjährige ist als Spenderin für ihren Bruder mehr als geeignet. Das ist eine Seltenheit, normalerweise stehe die Chance, dass Geschwister als Spender infrage kommen, bei 25 Prozent. Das Mädchen erreicht ganze 100 Prozent. „Das ist wie ein Sechser im Lotto, einfach unfassbar, dass Lina als perfekte Spenderin infrage kommt“, sagt Jens Hedderich.

Die Krankheit

Das Versagen des Knochenmarks wird auch als aplastische Anämie bezeichnet, eine seltene Erkrankung des blutbildenden Systems. Wenn die Knochenmarkzellen – die sich normalerweise zu reifen Blutzellen und Blutplättchen (Stammzellen) entwickeln – beschädigt oder in ihrer Funktion gehemmt sind, kann sich das Knochenmark abschalten. Es entsteht ein Mangel an roten Blutkörperchen (Anämie), zu wenigen weißen Blutkörperchen (Leukopenie) und zu wenigen Blutplättchen (Thrombozytopenie), die im Knochenmark gebildet werden.

Die Anämie verursacht Schwäche, Erschöpfung und Blässe. Die Leukopenie verursacht eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen. Die Thrombozytopenie verursacht blaue Flecken und Blutungen. Eine schwere unbehandelte aplastische Anämie kann tödlich verlaufen. Behandelt wird die Erkrankung über eine Stammzelltransplantation durch einen passenden Spender. Stammzellen sind nicht-spezialisierte (undifferenzierte) Zellen, aus denen sich eine Vielzahl anderer, spezialisierter Zellen des Körpers entwickeln. Stammzellen können aus Blut oder Knochenmark gewonnen werden.

Die Chance, dass Finn durch die Spende wieder gesund wird, steht bei 90 Prozent. „Ich kann meinem Bruder das Leben retten“, erklärt Lina hoffnungsvoll. Das schweißt die beiden zusammen, dafür nimmt die Achtjährige einiges auf sich. Jede Menge Vorbereitung, viele Untersuchungen und Aufenthalte­ im Krankenhaus stehen den Geschwistern bevor. Die eigentliche Transplantation findet wohl erst im Dezember statt. Auch danach muss Finn noch wochenlang in der Klinik bleiben.

Immunsystem wird komplett heruntergefahren

Damit die Spende funktioniert wird sein gesamtes Immunsystem heruntergefahren, alle aufgebauten Resistenzen werden zerstört, jede Impfung muss wiederholt werden. „Er fängt wieder bei null an – der Tag der Transplantation ist sein neuer Geburtstag“, sagt Mutter Melanie voller Hoffnung.

Finns Schicksal hat hohe Wellen geschlagen, das Leid der ganzen Familie machte schnell die Runde, von allen Seiten ­kamen Hilfsangebote. Freunde, Nachbarn, Institutionen, Vereine, „alle wollen helfen, das wurde zum Selbstläufer und ist nicht selbstverständlich“, sagt die Mutter dankbar. Auch die DKMS (Deutsche Knochenmarksspenderdatei) schaltete sich ein und initiierte einen Spender-Aufruf, der im Internet viral ging. Die gemeinnützige GmbH setzt sich für den Kampf gegen Blutkrebs und andere Bluterkrankungen ein, unterhält eine von bundesweit 30 Datenbanken für Stammzellspender.

Termin

Am Samstag, 16. November, zwischen 13 und 17 Uhr findet der DKMS-Aktionstag im Bürgerzentrum Dreihausen statt. Dort kann jeder schnell und einfach eine Typisierung der Stammzellen vornehmen und sich registrieren lassen. Das läuft über einen einfachen Wattestäbchentest für den Abstrich von der Wangenschleimhaut. Grundsätzlich kann jeder gesunde Mensch zwischen 17 und 55 Jahren Stammzellspender werden. 

Ausführliche Informationen sind auf der DKMS-Homepage www.dkms.de zu finden.

Schnell bildete sich eine Aktionsgruppe aus freiwilligen Helfern in der Gemeinde, auch unter Mitwirkung des VfL 1909 Dreihausen, der in Zusammenarbeit mit der Familie, zahllosen Freunden, der Gemeinde und den Kirchen in zwei Wochen eine Registrierungsaktion für Stammzellspender organisiert. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, wurden auch nach der erlösenden Nachricht nicht einfach abgeblasen. Denn auch wenn Finn mit seiner Schwester durch einen Riesenglücksfall eine sehr gute Chance hat – andere Betroffene haben die nicht. Laut DKMS erkrankt alle 15 Minuten ein Mensch an Blutkrebs, die einzige Chance auf Heilung ist die Stammzellspende. Doch jeder zehnte Patient findet keinen Spender. „Diese Aktion muss einfach stattfinden, es sind so viele Kinder betroffen“, sagt Melanie Hedderich fest entschlossen, noch die Eindrücke aus der Kinder-Krebsstation vor Augen. So wie ihr Sohn: „Es gibt andere Menschen, die nicht so viel Glück haben wie ich, die brauchen Hilfe“, findet Finn.

von Ina Tannert