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Südkreis Letzte Trachtenträgerin im „Grund“ verstorben
Landkreis Südkreis Letzte Trachtenträgerin im „Grund“ verstorben
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13:00 21.11.2021
Christine Kaiser war die letzte Trachtenträgerin in Ebsdorfergrund.
Christine Kaiser war die letzte Trachtenträgerin in Ebsdorfergrund. Quelle: Eric Schütt
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Ebsdorf

Sie war die letzte Frau im Dorf und in der gesamten Gemeinde, die stolz die traditionelle evangelische Tracht trug: Christine Kaiser bewahrte eine nahezu 250 Jahre anhaltende Kleidungstradition in Ebsdorfergrund.

Sie starb am 16. Oktober im stolzen Alter von 93. Im Dorf war sie als „Schreinersch Christine“ bekannt. Die Tracht gehörte ihr Leben lang zu ihrem Alltag, auch an ihrem Lebensabend nahm sie so manche Hürde beim Anlegen und Tragen der mehrteiligen Kleider in Kauf, „sie hat ihre Tracht mit Stolz getragen und sich immer darin wohl gefühlt, gerade an den Feiertagen trug sie gerne viele Farben“, erinnert sich Schwiegertochter Klara Kaiser aus Ebsdorf noch gut.

Gebürtig stammte sie aber aus Kleinseelheim, wo sie als Christine Lauer am 14. Juni 1928 geboren wurde. Der Vater und die Brüder starben früh, so half sie mit der Schwester schon bald im elterlichen Kramladen in Kleinseelheim mit. Ebenso auf dem landwirtschaftlichen Hof der Familie. Zu dem fuhr Christine Kaiser auch nach der Hochzeit 1958 und dem Umzug nach Ebsdorf regelmäßig mit dem Fahrrad.

Sie gehörte früh zu den jüngsten evangelischen Trachtenträgerinnen im Landkreis, die zeitlebens bei der traditionellen Kleidungsweise geblieben sind. Christine Kaiser war eine gesellige Frau, aber keine, die immer im Mittelpunkt stehen wollte. Auch an das große Interesse an ihr als Trachtenträgerin musste sie sich erst einmal gewöhnen, und noch mit 80 Jahren konnte sie sagen: „Ja, Mensch, ich bin die jüngste“, verrät die Schwiegertochter lachend.

Hessische Volkskunstgilde bewahrt Wissen

Die Hessische Volkskunstgilde bewahrt das Wissen rund um die heimische Tracht und hat nachgerechnet, bei wie vielen Menschen diese im Alltag noch eine wichtige Rolle spielt: Wie der Verein berichtet, leben derzeit im gesamten Kreisgebiet noch sechs Frauen mit der Marburger evangelischen Tracht und 21 Frauen mit der Marburger katholischen Tracht. Manche Trägerinnen mussten dabei in den letzten Jahren aus gesundheitlichen Gründen oder wegen eines Umzugs ins Seniorenheim ihre Tracht aufgeben.

Die Marburger evangelische Tracht zählt dabei als moderner und wandlungsfähiger Stil: Sie entwickelte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert im Ebsdorfergrund und kann erstmals nachgewiesen werden durch ein von Ferdinand Justi gemaltes „Stülpchen“ aus Ebsdorf, welches die Jahreszahl 1787 trägt. Somit wäre sie in der Entwicklungsgeschichte der hessischen Trachten eine der jüngsten Kleidungsformen, die sich bis in die Gegenwart erhalten konnte.

Das hatte die Tracht ihrer Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit zu verdanken, denn sie konnte sich durch Aufnahme neuer Facetten immer wieder modernisieren. „Die Trachtenträgerinnen im Marburger Land verstanden sich darauf, ihre Kleidung den entsprechenden Angeboten und Gegebenheiten anzupassen“, berichtet Eckhard Hofmann von der Volkskunstgilde.

Die Tracht wurde immer farbenfroher

Nach den Aufhebungen der Kleidervorschriften durch die Landesherren herrschte zunächst in der gesamten Ober- und mittelhessischen Region eine einheitlich schwarze Tracht, welche an die Hinterländer Trachten erinnert. Die Landbevölkerung des Ebsdorfer Grundes kam durch ihre fruchtbaren Böden im Laufe der Zeit zu entsprechendem Wohlstand und veränderte nach und nach – durch Aufnahme einer bis dahin neuen Farbigkeit – ihre bisherige Kleidungsweise. Die Blütezeit und größte Verbreitung der „Hessentracht“ herrschte vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte beschäftigten sich immer wieder kulturinteressierte Menschen mit der abfallenden Entwicklung der beiden Marburger Trachten. Im Jahr 1999 fand ein Trachtenfrauentreffen in Cölbe statt. Im Vorfeld zählte Trachtenexperte Eckhard Hofmann noch 950 Frauen, von denen 250 zu einem kurzweiligen Nachmittag in die Gemeindehalle in Cölbe kamen. Seit dieser Zeit behielt er gemeinsam mit Jürgen Homberger die Statistik über das Verschwinden der Trachtenkleidung im Auge.

In Ebsdorf hat diese Aufgabe Hans Steitz seit dem Jahr 1980 bis zur Gegenwart übernommen. So lebten in dem Fachwerkdorf zu dieser Zeit noch 70 Trachtenträgerinnen und zehn Jahre später im Jahr 1990 waren es nur noch 45 Frauen. Die Jüngste zu dieser Zeit war bis zur Gegenwart Christine Kaiser. Sie war auch über die Gemeindegrenzen hinaus als Trachtenträgerin bekannt – so entstand etwa das Bild von ihr vor wenigen Jahren im Rahmen einer Fotodokumentation von Eric Schütt mit dem Thema „Village Queens – Dorfköniginnen“.

Von Ina Tannert