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Südkreis Revitalisierungskur für alte Ortskerne
Landkreis Südkreis Revitalisierungskur für alte Ortskerne
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17:22 23.08.2021
Moderne Wohn-Ideen für Weimar: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (von links) überreichte den Landespreis an Leo Morena, Ronni Weise und Michael Gerke von der Hofgemeinschaft.
Moderne Wohn-Ideen für Weimar: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (von links) überreichte den Landespreis an Leo Morena, Ronni Weise und Michael Gerke von der Hofgemeinschaft. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Kehna

Eine funktionierende Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf dem Dorf – die hat das Team der Hofgemeinschaft in Kehna in den letzten Jahrzehnten aufgebaut. Die drei Hofreiten mitten in dem denkmalgeschützten Ort verwandelte die „Hofgemeinschaft für heilendes Arbeiten“ in Wohn- und Arbeitsbereiche, eine Grundlage für ein inklusives Zusammenleben von Bewohnern mit Handicap, Familien und Betreuern. Diesen reichen Erfahrungsschatz will die Gemeinschaft nun nutzen, um neue Wohn-Projekte in anderen Ortsteilen anzugehen.

Über ein gemeinsames Konzept zusammen mit der Gemeinde Weimar und weiteren Akteuren sollen neue inklusive wie altersgerechte Wohnformen aufgebaut, Leerstand vorgebeugt und Dorfkerne Demographie-gerecht umgestaltet werden. Das gemeinsame Projekt „Gut Wohnen im Alter in Weimar“ wurde nun mit dem Hessischen Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau ausgezeichnet. Am vergangenen Freitag überbrachte Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir das Zertifikat, mit dem die moderne Weiterentwicklung dörflicher Strukturen prämiert wird.

Ganz im Sinne des Mottos „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“, um die Ortskerne zu stärken – dazu diene die Prämierung, „weil wir sicher sind, dass es nicht nur um das sprichwörtliche Dach geht“, betonte Al-Wazir. Es gehe nicht nur ums Wohnen, sondern auch um eine Gemeinschaft der Generationen, darum, die Ortskerne zu „revitalisieren“.

Die Gemeinde hat große Pläne, will über ein Verbundnetz zusammen mit privaten Trägern, Eigentümern und Akteuren vor Ort an drei Standorten Projekte etablieren – vom Mehrgenerationenwohnen, Tagespflege und Nachbarschaftshilfen bis zu Coworking-Büros und Gastronomie.

Land-Belebung entlastet Ballungsräume

Das ist unter anderem geplant: Im Ortskern von Niederweimar soll das aus den 1960er-Jahren stammende Bürgerhaus zu einem modernen und mehrfunktionalen Zentrum mit Wohnungen ausgebaut werden. Ziel sei es, Bürgerengagement zu bündeln, Nachbarschaftshilfe effektiver zu gestalten und einen Ort für Begegnungen zu bieten. In Niederwalgern könnten außerdem Teile einer Hofreite als Raum für gemeinschaftliches Wohnen für Senioren entstehen, darin integriert wären Pflege- und Betreuungsangebote.

In Wenkbach liegt das Herzstück des Gesamtkonzepts: Dort möchte die Hofgemeinschaft Kehna auf zwei ebenfalls leer stehenden Hofanlagen klimafreundlich gebaute Wohnungen für Menschen verschiedener Altersstufen errichten lassen, parallel dazu Räume für Hilfsangebote und Dienstleistungen im sozialen, hauswirtschaftlichen und Pflege-Bereich. So soll ein Ort für nachbarschaftliche Begegnungen geschaffen werden, das Ziel ist ein inklusives Gesamtangebot für Menschen mit und ohne Behinderung, das auch Alltagsversorgung für den Ort umfasst: „Wir wollen einen Ort schaffen, der offen und einladend ist, der ein Treffpunkt werden kann“, sagte Michael Gerke von der Hofgemeinschaft.

Als ersten Schritt sind auf einem Hof vier neue Wohnungen geplant, drei davon für Bewohner mit Behinderung. Es ist ein großes Projekt für die Gemeinschaft, das noch viel Arbeit bedeute, „aber wir fühlen uns hier sehr unterstützt und haben so den Mut, das anzupacken“, betont Gerke.

Die Erfahrungen der Familie Gerke und vieler Unterstützer beim Aufbau der Hofgemeinschaft kommen nun dem neuen Ziel zugute, „das kann deshalb ja nur gut werden in Wenkbach“, lobte die Erste Beigeordnete von Weimar, Martina Klein, die in Vertretung von Bürgermeister Peter Eidam zur Preisverleihung gekommen war.

Noch steht vorerst nur das Konzept, die Planungen für die Quartiersentwicklung unter Beachtung der Belange ganz verschiedener Bewohner laufen. „Wir haben hier eine Idee ausgezeichnet“, bei der Umsetzung solle der Preis verbunden mit einem Preisgeld von 20000 Euro helfen, weiter am Ball zu bleiben, sagte Al-Wazir. Von einer Stärkung der ländlichen Regionen wie dieser profitierten dabei nicht nur Dörfer und Gemeinden, sondern am Ende auch die Ballungsräume, die Großstädte mit wachsender Platznot, die durch neue attraktive Wohnformen auf dem Land entlastet werden.

Mit seinem Besuch in Weimar beendete der Minister zugleich seine diesjährige Sommertour, auf der er Projekte der „Allianz für Wohnen in Hessen“ besuchte. In der Allianz haben sich rund 20 Verbände und Institutionen zusammengeschlossen, um neue Strategien für bezahlbaren, klimafreundlichen Wohnungsbau und die Umgestaltung von Wohnquartieren zu entwickeln.

Der Hessische Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau wurde zum zweiten Mal vom Land Hessen ausgelobt, dieses Mal mit einem Preisgeld von insgesamt 75000 Euro und unter dem Motto „Miteinander der Generationen im Quartier“. Der Preis zeichnet innovative Quartiersentwicklungen aus, die erschwinglichen, bedarfsgerechten und attraktiven Wohnraum bieten sollen. Miteinander, Nachbarschaft und ein entsprechend gestaltetes Wohnumfeld spielen dabei eine tragende Rolle.

Von Ina Tannert

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