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Südkreis Kirche will kein Glyphosat
Landkreis Südkreis Kirche will kein Glyphosat
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18:00 02.12.2019
Ein Traktor fährt über ein Feld und bringt Glyphosat aus. Die Landessynode der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck appelliert an die Pächter, bei der Bewirtschaftung  ihrer Flächen auf  das Herbizid zu verzichten. Quelle: Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft
Marburg

Mitten in der anhaltenden Protestwelle der Landwirte, die sich seit Wochen mit bundesweiten Aktionen gegen das Klimapaket der Bundesregierung auflehnen, sendet die Landessynode eine klare Botschaft in Richtung Bauern.

Wie die Kirche berichtet, beschloss die Landessynode – sozusagen das Kirchenparlament – am Donnerstag, 28. November, „mit großer Mehrheit“, einen Appell an ­ihre Pächter zu richten: Diese werden aufgerufen, „schon vor ­einem gesetzlichen Verbot auf den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat zu verzichten“.

Die Synode sieht das als Aufruf, nicht als Verbot. Sich selber lege die Kirche dagegen eine Selbstverpflichtung auf, will „auf selbst bewirtschafteten Flächen künftig kein Glyphosat einzusetzen“, heißt es weiterhin im Beschluss. Dies gelte zum Beispiel für Kirchengelände, Friedhöfe oder Kindertagesstätten.

Von einem Verbot will die Kirche nicht sprechen

Für Bauern, die landwirtschaftliche Flächen im Besitz­ der Kirche bewirtschaften, gilt die Verpflichtung demnach nicht. Von einem Verbot will die Kirche auch gar nicht sprechen, scheinbar vielmehr den Frieden bewahren.

In dem Beschluss betont die Landessynode ausdrücklich „ihren Respekt gegenüber den Pächtern und deren Verantwortung für die ­Bewirtschaftung der Böden“. Im Rahmen der Zusammenarbeit werde auch der begonnene „innerkirchliche Dialog sowie der ­Dialog mit den Betroffenen“ fortgesetzt werden.

Gemeinsam sollen jedoch Themen rund um das Klima, zur Bewahrung der Schöpfung oder des Handels angegangen werden. Die Kirche habe diesbezüglich vor, „geeignete Verfahren zu entwickeln, wie diese künftig bearbeitet werden können“.

Kreissynode fordert Glyphosat-Verbot

Damit lässt sich die Landessynode Verhandlungswege offen, für ein klares Verbot hatte sich dagegen im vergangenen Jahr die Kreissynode Witzenhausen ausgesprochen, die Landesebene per Antrag aufgefordert, in künftigen Pachtverträgen auf Kirchenland den Einsatz von Glyphosat zu verbieten.

Im Zuge dessen forderte dann die Landessynode für ihre Entscheidung weitere Informationen „für eine Erörterung und Abstimmung des Themas“. Daraufhin hatte der Rat der Landeskirche das Dezernat „Bau und Liegenschaften“ und die Fachstelle „Kirche im ländlichen Raum“ mit einer Expertise beauftragt.

Wie die Kirche mitteilt, folgten daraufhin im Rahmen einer „gründlichen Analyse“ eine Reihe an Fachgesprächen und Austausch zwischen Landwirten, Pächtern und Kirchenoberen. „Der Kirchenleitung war es wichtig, mit den unmittelbar von der Entscheidung betroffenen Menschen ins Gespräch zu kommen.“

Gehe um "existenzielle wirtschaftliche Folgen"

Also setzten sich Kirche und Landwirte an einen Tisch. Das Ergebnis: Die Kirche wählt sozusagen den Weg des Friedens. In der Debatte sei deutlich geworden, „dass die Frage eines möglichen Verbots von Glyphosat auf kirchlichen Pachtflächen komplexe Antworten erfordere“ und „das Thema die Beziehung von Landwirtschaft und Kirche grundsätzlich berührt“.

Es gehe sowohl um „existenzielle wirtschaftliche Folgen“ wie um „Fragen der wechselseitigen Wertschätzung und des dörflichen Friedens“. Im heimischen Landkreis berührt das einige Hundert Pächter. Wie das Kirchenkreisamt Kirchhain-Marburg auf Nachfrage mitteilt, bewirtschaften etwa 600 Pächter Land, das sich im Bereich der Kirchenkreise Kirchhain und Marburg in Kirchenbesitz befindet.

Insgesamt rund 717 Hektar. Mit der Entscheidung gegen ein Verbot, steht es den Landwirten weiterhin frei, ob sie das Herbizid verwenden. Den bestehenden Verträgen wurde von Kirchenseite her Rechtssicherheit zugesagt.

Kreisbauern: Kirche setzt Zeichen für Landwirte

Die Entscheidung kommt beim Kreisbauernverband Marburg-Biedenkopf erwartungsgemäß gut an: Verbandsvorsitzende Karin Lölkes spricht „von einer guten Entscheidung, es bleibt also jedem überlassen, ob er Glyphosat nutzt oder nicht“.

Damit würde keine Seite benachteiligt, jene Bauern, die auf tierische Dünger setzten sowieso nicht und auch nicht jene, die Glyphosat nutzen. „Es ist gut, dass die Kirche nicht ausschließlich zwischen den ­Bewirtschaftungsformen unterscheidet“, sagt Lölkes.

Dabei hatte sie nach den Debatten am Verhandlungstisch, an denen sie auch persönlich teilnahm, schon fast mit einem Verbot gerechnet. Aber: „Man hat anscheinend die Argumente, die vorgebracht wurden, gut abgewogen“, freut sich die Verbandschefin.

Große Bedenken hätte sie in dem Fall, dass die Kirche auf Landesebene dem Antrag der Kreissynode nachgekommen wäre, jedoch nicht gehabt, „mit einem Glyphosat-Verbot hätte sich die Mehrzahl der Landwirte wohl auch arrangiert – aber es ging hierbei auch um eine Zeichensetzung. Es ist richtig, dass sich die Kirche aus fachlichen Dingen, die die Landwirtschaft betreffen, heraushält“.

von Ina Tannert