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Südkreis „Wenn man das Schlechte weglässt, geht’s gut“
Landkreis Südkreis „Wenn man das Schlechte weglässt, geht’s gut“
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07:59 29.07.2020
Ein Bild aus besseren Tagen: Karoline Stowasser mit ihrer Enkelin Melanie im Jahr 2018. Heute wird Karoline Stowasser 107 Jahre alt, aber solch eine Umarmung ist aufgrund der Corona-Pandemie dann nicht möglich. Quelle: Nadine Weigel
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Lohra

Es wird ein einsamer Geburtstag werden. Mit Mundschutz. Auf Abstand. Ohne Umarmung. „Es wird schlimm“, sagt Melanie Stowasser und seufzt, „aber so ist es jetzt eben nun einmal.“

Melanie Stowassers Oma Karoline wird an diesem Mittwoch 107 Jahre alt. Damit zählt sie mit zwei weiteren Personen zu den drei ältesten Menschen im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

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Als im Jahre 1918 die Spanische Grippe ausbricht, ist Karoline Stowasser fünf Jahre alt. 102 Jahre später feiert sie ihren außergewöhnlichen Geburtstag nun wieder unter den Bedingungen einer weltweiten Pandemie.

Geboren am 29. Juli 1913 im kleinen Örtchen Fellingshausen im Nachbarkreis Gießen, lebt Karoline Stowasser nun seit einigen Jahren im Awo-Altenzentrum in Lohra. Aufgrund der Corona-Beschränkungen ist das Leben der alten Dame noch einsamer geworden. Enkelin Melanie ist ihre Hauptbezugsperson.

Im Pflegeheim in guten Händen

Sie besucht ihr „Ömchen“, wie sie sie liebevoll nennt, normalerweise mindestens jeden zweiten Tag. Dann sitzen sie meist zusammen in der kleinen Stube, in der Frau Stowasser ihr verlorenes Augenlicht durch Erinnerungen kompensieren kann.

Doch mit den regelmäßigen Besuchen war aufgrund von Corona im März vom einen auf den anderen Tag Schluss. „Man durfte ja plötzlich nicht mehr hin“, erinnert sich Melanie traurig. Für die 37-Jährige eine entsetzlich schwierige Zeit voller Ungewissheit und Sorge. Melanie hatte Angst, dass der Zustand ihrer Oma plötzlich schlechter werden könnte. Dass sie dann nicht mehr hätte zu ihr gehen dürfen, sich nicht mehr verabschieden.

„Das ist das Schlimmste an Corona“, sagt die Enkelin. „Nicht zu wissen, ob man sie noch einmal lebend sieht.“ Trotzdem kann sie die Vorsichtsmaßnahmen verstehen. Es sei richtig, dass die Bewohner im Heim und auch das Pflegepersonal geschützt werden müssen. Sie ist froh, dass ihre Oma – ihr „Lieblingsmensch“ – in Lohra „in guten Händen“ ist.

Während des Lockdowns Kontakt übers Telefon

„Das Heim hat sich wirklich bei allem große Mühe gegeben“, betont sie. Man habe versucht, ihrer Oma die Gründe zu erklären, warum sie niemand mehr besuchen konnte. Melanie hat den Eindruck, dass ihr Ömchen es auch verstanden hat. Dass es einfach zu gefährlich gewesen wäre, sie zu besuchen. Sie versuchte während des Lockdowns übers Telefon Kontakt zu ihrer Oma zu halten. Was aufgrund des schlechten Gehörs der 107-Jährigen schwierig war.

Als die Coronaregeln dann etwas gelockert wurden, konnte Melanie ihre Oma wieder besuchen, aber unter strengen Hygieneregeln: in Schutzanzug, mit Mundschutz und in einer Art Durchgangszimmer sitzend getrennt durch zwei Plexiglasscheiben. Für eine fast blinde, schwerhörige Greisin nur schwer zu verstehen.

„Kind, ich vermiss dich so“

„Kind, ich vermiss dich so. „Warum kannst du denn nicht mit mir hochkommen?“ Diese Fragen ihrer Oma schmerzen Melanie und beschäftigen sie auch nachts. „Dann lieg’ ich wach und mach mir Gedanken über meine Oma. Schrecklich ist das“, sagt Melanie.

Kürzlich nun wurden die Besuchsregeln weiter gelockert, und Melanie durfte erstmals mit ihrer Oma nach draußen. Im Rollstuhl schob Melanie ihre Großmutter ein bisschen umher. Auf Abstand und mit Mundschutz konnten sie sich draußen auch besser unterhalten als drinnen hinter Plexiglasscheiben.

Umarmungen fehlen der Oma

Doch die neue Realität ist nur ein schwacher Trost. Denn was Melanie wirklich fehlt, sind die Umarmungen. Die körperliche Nähe. Die fehlt ihrer Oma sicher auch. Aber zugeben würde sie das wohl nie. „Oma hat sich noch nie beschwert“, betont Melanie und verrät die Standardantwort ihrer Oma auf die Frage: „Wie geht‘s dir denn?“ Sie lautet: „Wenn man das Schlechte weglässt, geht‘s gut!“

Karoline Stowasser hat viel erlebt in ihrem außergewöhnlich langen Leben. Als sie geboren wurde, regierte noch der Kaiser. Sie überlebte zwei Weltkriege. Bis zu ihrem Umzug ins Altersheim vor wenigen Jahren lebte sie allein im kleinen Gießener Örtchen Fellingshausen. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen arbeitete sie jahrzehntelang in der Zigarrenfabrik in ihrem Heimatdorf.

Erst 1967 heiratete Karoline Helene Waldschmidt den aus Böhmen geflohenen Josef Stowasser. „Ja, ja, ich war ein Spätzünder“, hatte sie diese Tatsache vor zwei Jahren verschmitzt lächelnd kommentiert, als die OP zu einem Interview bei der Greisin zu Besuch war.

Körperliche Arbeit, maßvolles Essen, Glaube

Um die zwei Kinder des Witwers kümmerte sich Karoline Stowasser, als seien es ihre eigenen. Ihr Sohn Werner verstarb leider vor fünf Jahren. Geblieben sind ihr vor allem die drei Enkel und fünf Urenkel, die sie so oft besuchen wie möglich.

Bereits vor zwei Jahren hat sich die Jubilarin gewundert, dass sie so außergewöhnlich alt wird. „Damit hätte ich nie gerechnet“, sagte sie damals. Aber die körperliche Arbeit, maßvolles Essen und der Glaube an Gott könnten vielleicht damit zu tun haben, sagte sie augenzwinkernd.

Bis heute freut sich die nun 107-Jährige, wenn ihr die Enkelin ein Licher-Bier mitbringt. Und Krümelkuchen. Den mag sie besonders gern. Beides wird ihr Melanie natürlich auch zu ihrem Geburtstag servieren. Eine Stunde werden die beiden aufgrund der Corona-Auflagen am Geburtstag zusammen haben. Eine kostbare Stunde.

Das Jahr 1913

Genau 364 Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges berichtet die Oberhessische Zeitung am 29. Juli 1913 in Frakturschrift auf ihrer ersten von vier Seiten:

„Die Lage auf dem Balkan. Wie offiziös verlautet, ist die Meldung, wonach die Botschafter der Großmächte in Konstantinopel bereits Weisungen für ein gemeinsames diplomatisches Vorgehen enthalten haben sollen, als verfrüht anzusehen.“

„Koloniales. Nach einer offiziösen Meldung sind die Arbeiten der französischen und der deutschen Kommission für die Festlegung der Grenzen zwischen Neu-Kamerun und Französisch-Kongo trotz der zahlreichen Schwierigkeiten nahezu beendet.“

Was im Jahr 1913 noch geschah:

11. Juni: Norwegen führt als erster souveräner Staat Europas das Frauenwahlrecht ein.

13. August: Harry Brearley erfindet durch Hinzufügen von Chrom den rostfreien Stahl.

18. Oktober: Zum 100-jährigen Jubiläum der Schlacht wird das Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig eingeweiht.

19. Oktober: In Leipzig wird als Konsequenz aus einem schweren Unglückauf Rügen die DLRG gegründet.

Von Nadine Weigel

25.07.2020
25.07.2020