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Südkreis In Ebsdorf klappern wieder Störche
Landkreis Südkreis In Ebsdorf klappern wieder Störche
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00:20 04.04.2019
Nach rund 55 Jahren ohne Störche nisten sie nun wieder in Ebsdorf. Das gefiederte Paar thront seit Mitte März auf dem Scheunendach von Klustermanns Hof. Quelle: Ina Tannert
Ebsdorf

Wer dieser Tage einmal im alten Ortskern rund um die Ebsdorfer Kirche unterwegs ist und den Blick hebt, dem dürfte das stattliche Storchen-Duo schnell ins Auge fallen, das dort über den Dächern thront. Mitte März sind Storch und Störchin in den Horst auf dem historischen „Klustermanns Hof“ in der Kirchgasse gezogen. Seitdem sind sie ein echter „Eyecatcher“ im Ort und ziehen scharenweise begeisterte Bewohner an. Viele Ebsdorfer statten dem Paar täglich einen Besuch ab, stehen auf der Straße und beobachten die eleganten Tiere in ihrem Nest.

Ein wenig mehr Nistmaterial könnte er zwar noch vertragen der künstliche Horst, den die Familie Bender – Hofbesitzer und quasi Storch-Vermieter – auf dem Dach zur Verfügung stellt. Doch im Prinzip ist das Nest fertig für die nächste Storchengeneration.

Und die sollte sich eigentlich bald ankündigen, schätzt Storchen-Experte Manfred Lehr aus Ebsdorf. Der Ornithologe vom Nabu hat den Horst täglich im Blick, dokumentiert jeden Flug und das gesamte Verhalten des Paares. Und das lässt auf baldigen Nist-Erfolg schließen: Die weiß-schwarz gefiederten Besucher scheinen sich äußerst wohl zu fühlen im neuen Heim, wo auch schon lautstark Hochzeit gefeiert wurde, wie es im Storchen-Jargon so heißt.

Ebsdorf musste Jahrzehntelang ohne Störche auskommen

Beide machen dem Ruf des Klapperstorchs alle Ehre, zur Begeisterung vieler Ebsdorfer. Die erfreuen sich an dem lauten Klappern, das die verliebten Störche mit ihren Schnäbeln erzeugen, und werden sogleich an ihre Kindheit erinnert. Denn das Besondere an diesem Storchen-Paar: Es ist das erste seit gut 55 Jahren, das sich Ebsdorf als Sommerquartier ausgesucht hat.

Jahrzehntelang musste der Ort ohne Störche, ohne Geklapper, geschweige denn Storchennachwuchs auskommen. Zuletzt nistete ein Paar etwa im Jahr 1965 auf demselben Scheunendach, erläutert Lehr. Das bestätigen auch andere Dorfchronisten: Hans Steitz und Peter Kornmann erinnern sich noch gut an die Kinderzeit, als die eleganten, großen Vögel noch fest zum Ortsbild gehörten, bevor ihre Zahl immer weiter zurückging.

„Früher waren die Störche immer da, wir haben als Kinder das Nest besucht und Dorflehrer Heinrich Lölkes hat uns vieles über sie beigebracht“, erinnert sich Kornmann. Im Jahr 1960, wenige Jahre bevor die Störche verschwanden, entstand auch ein altes Foto, auf dem die Dorfkinder einem verletzten Jungstorch helfen. Mit dabei ist Heinrich Bender vom „Klustermann Hof“ und eben dem sind die Störche nun wieder „aufs Dach gestiegen“.

Auch der Hofbesitzer freut sich über das „Happy End“ auf seinem Scheunendach. Der dortige Horst wurde über die Jahre immer wieder von Storchen-Fans aus dem Ort renoviert und befestigt, um Paare anzulocken, quasi „um die Hochzeit vorzubereiten“. Doch immer ohne Erfolg, bis jetzt. Nun ist die Storch-Euphorie im Ort wieder erwacht. Wohl auch deshalb, da Störchen seit jeher nur gute Eigenschaften nachgesagt werden. Vom Frühlings-Boten oder Klapperstorch, der die Babys bringt, bis zur Partner- und Ortstreue.

Störchin "Libi" brütete zuletzt in Hachborn

„Die Menschen freuen sich über Störche, die sind einfach sehr positiv besetzt und sie erinnern die Leute an früher. Sobald ein Storch kommt, erzählen alle von ihrer Kindheit“, freut sich Steitz. Denn damals vor mehr als 50 Jahren und lange vorher waren die Weißstörche allerorts verbreitet.

Zunehmend verlieren die Tiere laut Nabu jedoch Lebensraum, Feuchtgebiete werden trocken gelegt, zudem lauern auf ihren Reisen gen Süden diverse Gefahren.
Nachdem es in den letzten Jahrzehnten zeitweise nur noch eine Handvoll Storchenpaare in Hessen gab, nehme die Population wieder zu. „Und Ebsdorf wird durch die Störche nun noch ein Stück lebenswerter“, freut sich Lehr.

Und eine weitere gute Nachricht hat der Ornithologe: Die Störchin von Ebsdorf ist „Libi“, eine „alte Bekannte“, die seit 2017 in Hachborn brütete. Den Nachweis dazu liefert moderne Technik auf dem Storchenrücken: Die vier Jahre alte Senderstörchin trägt einen kleinen Sender, durch den ihre Flugrouten per GPS und App exakt nachvollziehbar sind. Sie trägt die Sendernummer „AW 844“. Den Winter verbrachte die Störchin demnach südöstlich von Madrid, bevor sie sich wieder in ihre alte Heimat aufmachte. „Sie kam in Etappen innerhalb von 13 Tagen zurück, da war das Nest in Hachborn aber schon besetzt“, erzählt Lehr.

Anfang Mai könnte es Nachwuchs geben

Der Grund: „Libi“ hatte Glück im Unglück. Die junge Störchin hatte bislang einen anderen Partner, „Coco“ aus Hachborn. Doch der ließ sie in diesem Jahr sitzen und eroberte stattdessen die Störchin „Angela“, die bisher in Rauischholzhausen ansässig war. Auch das ist durch die elektronischen Sender samt Ringen nachvollziehbar.
Und der Herzensbrecher nahm seine neue Flamme mit nach Hachborn. So ist das in der Storchenwelt, von wegen ein Leben lang treu.

Doch Schwamm drüber, auch „Libi“ hat sich nicht lumpen lassen und einen neuen Partner gesucht. Vielleicht war ja das überhaupt erst der Auslöser, dass beide nun nach 55 Storch-freien Jahren wieder die Bevölkerung verzücken können.

Und die erhält wohl bald noch mehr Storchennachwuchs. Lehr rechnet in den kommenden Tagen mit etwa vier Eiern. Störche brüten gut 32 Tage lang.
Also könnte Anfang Mai die nächste frohe Botschaft für die Ebsdorfer folgen, die sich dann wohl über etliche Jungvögel im Ort freuen können. Endlich wieder, nach mehr als fünf Jahrzehnten.

von Ina Tannert