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Südkreis Im selbstfahrenden Bus zur Zeiteninsel?
Landkreis Südkreis Im selbstfahrenden Bus zur Zeiteninsel?
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07:58 11.02.2020
Im November 2017 war ein autonom fahrender Bus im Industriepark Behringwerke unterwegs – nun ist ein weiterer Fahrversuch von Niederweimar zur Zeiteninsel geplant. Quelle: Thorsten Richter
Weimar

Im November 2017 war erstmals ein autonomes Fahrzeug im Landkreis unterwegs: Damals pendelte ein Kleinbus auf dem Werksgelände des Industrieparks Behringwerke auf einer festgelegten Strecke. Nicht nur die Mitarbeiter der Standortfirmen konnten erleben, wie autonomes Fahren funktioniert – auch OP-Leser saßen in der ersten Reihe, weil die Redaktion Plätze verlost hatte.

Nun soll das Thema auf eine­ neue Stufe gehoben werden, wie Julia Wagner, Referentin Energie und Umwelt bei der IHK Kassel-Marburg, im Gespräch mit der OP erläutert: „Marburg kann das bieten, was viele große Städte nicht haben: Die Anbindung an den ländlichen Raum, die ganz wichtig ist.“ Und dazu hat die IHK als treibende Kraft hinter dem Projekt Ende Januar mit einem Techniker eine Streckenbegehung vorgenommen.

„Es ist denkbar, dass ein oder zwei autonome Busse während der Sommerferien vom Bahnhof Niederweimar bis zur Zeiteninsel nach Argenstein pendeln.“ Streckenführung soll dabei auf dem Radweg sein. „Das ist nun in der Prüfung – wir müssen nun abwarten, ob die Techniker sagen, dass die Strecke funktioniert.“ Denn: Es müssten Referenzpunkte geschaffen werden, anhand derer sich das autonome Fahrzeug mit seinen Sensoren orientiert. „Notfalls müssen wir entlang der Strecke eben einige Pflöcke einschlagen“, sagt Julia Wagner schmunzelnd.

Warum der Weg zur Zeiteninsel? „Das ist ja quasi eine Zeitreise mit einem autonomen Shuttle hin zu den urzeitlichen Gebäuden. Vor allem in den Sommerferien für Familien ist das eine tolle Idee“, findet Wagner.

„Friedliche Koexistenz“ 
mit den Radfahrern

Und diese Idee stelle auch die autonomen Fahrzeuge auf einen echten Härtetest ein, „denn anders als beim Behring-Standort, wo die Fahrgäste mal eine Aktentasche dabei hatten, ist das natürlich bei Fahrten mit Kind und Kegel eine andere Herausforderung.“

Gibt es nicht die Befürchtung, dass man sich mit dem Test auf dem Radweg den Zorn von vor allem Radfahrern zuzieht? „Wir hoffen auf eine friedliche Koexistenz. Mit dem Auto klappt das ja auch“, sagt die Referentin. Schließlich bewege sich das Fahrzeug ja nicht als Dauerlösung auf der Strecke, sondern nur in einem begrenzten Zeitraum.

Noch ist jedoch nichts fix, „die Gespräche zur Genehmigung laufen bereits. Wenn es in diesen Sommerferien nicht klappen sollte, dann spätestens im kommenden Sommer“, verdeutlicht Wagner. Man sei auf jeden Fall im Kontakt.
Auf OP-Nachfrage kann Weimars Bürgermeister Peter Eidam noch keine konkreten Pläne oder Entscheidungen nennen: Bislang gebe es zu dem Thema zwar Anfragen und „ein paar Gedankengänge“, entschieden sei aber noch nichts.

Erst recht nicht, was die mögliche Route für einen autonom fahrenden Bus angehe. Denn der würde durchaus in Konkurrenz treten zu anderen Nutzern des gut frequentierten Radwegs, gerade im Sommer. „Das Thema halte ich auf dieser Strecke für sehr sensibel“, sagt Eidam.

  • Am Dienstag findet ab 17 Uhr eine­ Vortragsveranstaltung rund um den Themenkomplex auto­nomes Fahren im Marburger Technologie- und Tagungszentrum statt. Über „Autonomes Fahren im Kontext der Stadt von morgen [AFKOS]“ referiert Claudius Schaufler, Teamleiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Professor Klaus David, Leiter des Lehrstuhls Kommunikationstechnik an der Universität Kassel, spricht über „Fußgänger und Fahrrad: Unfallschutz im Straßenverkehr durch maschinelles Lernen“. Abschließend stellt Thorsten Möginger vom Rhein-Main-Verkehrsverbund das Projekt EASY vor, bei dem es um autonomes Fahren im ÖPNV geht.

von Andreas Schmidt
 und Ina Tannert