Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis Mini-Gärtner verbuddeln den Corona-Frust
Landkreis Südkreis Mini-Gärtner verbuddeln den Corona-Frust
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:58 12.07.2020
Kinder des Kindergartens „Krümelkiste" in Fronhausen haben während Corona-Zeiten, in denen nur ein Bruchteil der Jungen und Mädchen im Haus betreut werden durfte, als „Rucksackgruppe" die Natur rund um den Ort entdeckt - im Wald Abenteuer erlebt und vor allem im Garten von Elisabeth und Edmund Bleeker mitgeholfen. Dank der Außen-Gruppe konnten in Fronhausen viel mehr Kinder betreut werden, als das drinnen erlaubt gewesen wäre. Quelle: foto: Björn Wisker
Anzeige
Fronhausen

Baltasar buddelt. Mit seinen Händen wühlt er vorsichtig in der Erde, gräbt ein Loch und füllt mit der Gießkanne etwas Wasser hinein. Binnen Sekunden versickert das Wasser an diesem warmen Sommertag, aber schnell greift sich der Sechsjährige einen Kohlrabi-Setzling und tunkt ihn in die kleine Pfütze. Seine Freunde Kasimir, Marlon, Philip, Mia, Letizia und Madita tun es ihm gleich, bedecken zum Schluss die Pflänzchen wieder mit Erde und widmen sich dem nächsten Beet. „Erntezeit!“, ruft Elisabeth Bleeker und deutet mit ihrem Zeigefinger auf einige pralle Zucchini in ihrem Garten. Sekunden später pflücken die Jungen und Mädchen, was die Natur hat entstehen lassen.

Kohlrabi, Zucchini und mehr: Natur und Nahrung können die Kinder in Fronhausen erleben – und erschnuppern. Quelle: Björn Wisker

Die Natur, die Umwelt als Erlebnis- und Abenteuerspielplatz – genau auf dieses pädagogische Betreuungskonzept haben Annette Ficht und ihre Erzieherin-Kollegin Petra Langenheim während der Corona-Pandemie gesetzt. „Es ist für Kinder heutzutage schwer geworden, Natur und vor allem Nahrung zu erfahren“, sagt Ficht. Im Supermarkt gebe es zu jeder Jahreszeit alles und jedes Obst und Gemüse sehe aus wie aus dem Katalog. Dass es aber Arbeit und Geduld brauche, bis etwa eine Kartoffel – die Basis der so beliebten Pommes Frites - reif für den Verzehr sei, sie auch dann lecker ist, wenn sie nicht astrein aussehe, seien „unterbewusste Aha-Erlebnisse“.

Anzeige

Rucksackgruppen-Kniff umgeht die Systemrelevanz-Beschränkung

Erzieherin Annette Ficht bei der Gurken-Ernte. Quelle: Björn Wisker

Corona hat auch bei Ficht, Langenheim und Co. ein Umdenken ausgelöst, sie erfinderisch gemacht: Damit trotz Pandemie-Einschränkungen schon vor fast zwei Monaten so viele Kinder wie möglich in die „Krümelkiste“ kommen konnten, hat man in Fronhausen einigen Sechsjährigen flux Rucksäcke aufgesetzt und sie - dem andauernden Warmwetter sei Dank – jeden Tag raus in die Natur, den Wald, zum Imker, in den Ort oder in einen Garten geschickt. Statt nur ein paar vereinzelter Systemrelevanter konnten so schon seit langem, weit vor den Öffnungs-Zeitplänen des Landes Hessen zumindest 50 der normalerweise 75 Kinder betreut werden. „Dass die meisten Kinder unabsehbar lange zuhause bleiben müssen, ist kein guter Zustand. Wir wollten einen Weg finden, wie möglichst viele ihre Freunde sehen können“, sagt Ficht.

Also schauten sich die Krümelkisten-Mitarbeiter pädagogische und hygienische Konzepte der Waldkindergärten, von denen es alleine in Marburg drei gibt, ab. Es war eine Überlegung, die es im Frühjahr auch im Jugendamt der Universitätsstadt gab: Außengruppen gründen, um mehr Kindern Betreuungsangebote machen, berufstätigen Eltern Entlastung geben zu können.

Abenteuer im Wald: die Krümelkisten-Kinder auf ihrem Floß. Quelle: Privat

Die verlängerte Wald-Freizeit, das Lager-Bauen und Herumtoben, das Essen unter Bäumen – „das macht super viel Spaß“, sagt Kasimir und erzählt etwa von einem Floß, das im Wald gebaut wurde. Immer dabei: Wasser und Seife.

Bleeker: „Sie sehen so die kleinen Wunder der Natur vor ihrer eigenen Haustür“

Doch vor allem die Zeit im Garten genießen die Kinder. Seit fünf Jahren, immer von April bis Oktober einmal pro Woche für rund zwei Stunden kommen Drei- bis Sechsjährige aus der „Krümelkiste“ in den Garten gegenüber des Bürgerhauses. In diesem Jahr ist es eben wegen Corona nur die Fronhäuser Rucksackgruppe, die dafür aber umso regelmäßiger bei Elisabeth und Edmund Bleeker reinschaut, buddelt, gräbt, wässert, säht und erntet.

„Legt alles mal da rein“, ruft Bleeker. Mia flitzt zum Bollerwagen, die Kinder ziehen ihn vor und legen die Ernte des Tages hinein. Sie füllen ihn mit Gurken, Tomaten und allem anderen, um ihre im Kindergarten gebliebenen Freunde mit Essen zu versorgen.

Denn das ist der Clou: Die Corona-Rucksackgruppe versorgt die Kindergartenküche seit fast einem Vierteljahr mit frischen Zutaten. Am jeweils nächsten Tag gibt es dann für alle das, was die Ernte hergab: von Zucchini-Suppe bis zum Erdbeer-Nachtisch.

Elisabeth Bleeker (68). Quelle: Björn Wisker

Für das Ehepaar Bleeker ist die Zeit mit den wuseligen Kindern „eine echte Erfüllung. Denen macht es hier im Garten sichtbar Spaß und sie sind so interessiert und dankbar“, sagt die Rentnerin. Wenn etwa Kartoffeln gesät werden und im Erdboden dann in den folgenden Wochen aus einer Frucht mehrere werden, sei das in vielerlei Hinsicht lehrreich. „Sie sehen so die kleinen Wunder der Natur vor ihrer eigenen Haustür“, sagt die 68-Jährige. „Mit Gartenarbeit erhole ich mich, kann ich runterfahren“, sagt sie, die lange am Uni-Klinikum auf den Lahnbergen arbeitete. Mit Ehemann Edmund hat sie sich vor vielen Jahren ein Stück Grün gegenüber des Bürgerhauses, direkt am Bolzplatz, gesichert. Was einst ein kleiner, privater Schrebergarten für die beiden war, ist nicht zuletzt wegen des Kindergarten-Projekts immer weiter gewachsen. Mittlerweile reiht sich Parzelle an Parzelle, stehen Gewächs- neben Gerätehäuschen, werden kiloweise Obst und Gemüse angebaut.

Von Björn Wisker