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Südkreis Haft nach Überfall im Jugendclub
Landkreis Südkreis Haft nach Überfall im Jugendclub
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19:58 17.02.2021
Der Angeklagte mit seinem Anwalt Stefan Adler beim Prozessauftakt.
Der Angeklagte mit seinem Anwalt Stefan Adler beim Prozessauftakt. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Wegen Nötigung in vier Fällen, Raub und gefährlicher Körperverletzung verurteilte die 1. Strafkammer des Marburger Landgerichts unter dem Vorsitz von Richterin Dr. Heike Schneider gestern nach mehreren Verhandlungstagen einen 30-Jährigen zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Der Angeklagte selbst hatte während des gesamten Verfahrens geschwiegen. Ihm war zur Last gelegt worden, im Dezember 2016 gemeinsam mit einem weiteren Täter in einem Jugendclub in einer Südkreisgemeinde aufgetaucht zu sein und dort mehrere junge Erwachsene und Jugendliche bedroht, beraubt und festgehalten zu haben. Daran hatte sich eine Auseinandersetzung auf einem Parkplatz angeschlossen, in deren Verlauf es zu weiteren gewalttätigen Handlungen gekommen war. Hintergrund soll die Verärgerung des 30-Jährigen darüber gewesen sein, dass ein an diesem Abend zunächst nicht im Jugendclub, aber später auf dem Parkplatz anwesender Mann aus dem Bekanntenkreis der Überfallenen dem jüngeren Bruder des Beschuldigten Marihuana verkauft haben soll.

Staatsanwalt Frederik Buß hatte gestern vor der Urteilsverkündung in seinem Plädoyer von „nicht optimalen, aber glaubhaften“ Zeugenaussagen gesprochen.

Allein der jüngere Bruder des Angeklagten, der behauptet hatte, nicht einmal zu wissen, was dem älteren überhaupt zur Last gelegt werde, sei unglaubhaft. „Er wollte ihm wohl helfen“, mutmaßte Buß, der dem Angeklagten Freiheitsberaubung in vier Fällen, schweren Raub sowie gefährliche Körperverletzung zur Last legte.

Mit einem bereits rechtskräftig verurteilten zweiten Täter habe der Angeklagte gemeinsam gehandelt und einen gemeinsamen Tatplan umgesetzt, so der Staatsanwalt, der aus diesem Grund bei der Bemessung des Strafmaßes „Vergleichbarkeit“ herstellen wollte. Buß forderte im aktuellen Fall eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten.

Verteidiger spricht von „dünnem Eis“

Verteidiger Stefan Adler hatte sich zu Beginn seines Schlussvortrags erschrocken darüber gezeigt, „auf welch dünnes Eis sich die Staatsanwaltschaft begibt“. Die Argumentation der Anklage berge die Gefahr eines Fehlurteils. Adler zog in Zweifel, dass sein Mandant im Verlauf der Beweisaufnahme eindeutig identifiziert worden sei. „Der einzige, der es wissen muss, sagt uns: Den kenne ich nicht“, bewertete der Anwalt die Aussage des schon verurteilten Mittäters. Die Aussagen der weiteren Zeugen, die nach Adlers Meinung zum Teil gelogen und erst aufgrund von Suggestivfragen des Staatsanwalts in dem Mann auf der Anklagebank den Mittäter wiedererkannt hätten, seien von „geringem Beweiswert“. Mehrfach zitierte der Verteidiger in seinem 40-minütigem Plädoyer den Kriminologen Ulrich Eisenberg, der unter anderem zur Frage geforscht hatte, inwieweit es bei Zeugen, die einen Täter identifizieren sollen, zu sogenannten Zusammenhangsverschiebungen kommen könne.

„Machen Sie es nach den Regeln der Kunst!“

Gemeint ist damit: Ein Zeuge erinnert sich an die Person des Beschuldigten aus einem beliebigen Zusammenhang heraus, der gar nichts mit der Tat zu tun hat und ordnet ihn gedanklich trotzdem als Täter ein. „Wenn wir das ignorieren, stellen wir uns gegen wissenschaftliche Erkenntnisse“, sagte Adler, plädierte auf Freispruch und forderte die Kammer auf: „Machen Sie es nach den Regeln der Kunst!“

Auch die Vorsitzende Richterin räumte in der Begründung des Urteils ein, die Kammer habe in diesem Fall „Puzzleteile“ zusammensetzen müssen. Allerdings, so Dr. Heike Schneider, sei durch die Beweisaufnahme für die Kammer sicher, dass es sich bei dem Angeklagten um den zweiten Täter gehandelt haben muss. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von Carsten Beckmann

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