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Südkreis Der Geist des Klosters lebt weiter
Landkreis Südkreis Der Geist des Klosters lebt weiter
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12:00 28.06.2021
An vielen Ecken in Hachborn und auf dem Grundstück von Helmut G. Müller finden sich geschichtsträchtige Überreste des alten Klosters.
An vielen Ecken in Hachborn und auf dem Grundstück von Helmut G. Müller finden sich geschichtsträchtige Überreste des alten Klosters. Quelle: Ina Tannert
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Hachborn

Deutliche Spuren der Vergangenheit durchziehen die alten Basalt- und Sandsteine , sichtbar oberhalb, versteckt und fast vergessen unter der Erde. Vieles erinnert noch an die Anfänge des kleinen Örtchens, so einige Häuser entstanden überhaupt erst aus dem Vermächtnis des Klosters von Hachborn heraus. Hier stehen noch Mauerreste, dort lugen alte Pfade aus der Erde, über die schon vor Jahrhunderten unzählige Füße geschritten sind. Einst bestand das junge Hachborn aus einem weitläufigen Klostergelände, von dem heute nicht mehr viel zu sehen ist.

Doch das, was sich noch finden lässt, soll erhalten werden, an die Historie und einen besonderen Kult erinnern. Dieser Aufgabe angenommen hat sich Helmut G. Müller, Pfarrer im Ruhestand, der sich auf die Spuren der letzten Überbleibsel des Klosters begibt. Und das nicht nur aus beruflichem Interesse – seine Suche hat gewissermaßen auch familiäre Gründe. Denn vor genau 200 Jahren hat einer seiner Vorfahren die Reste des alten Klosters erworben. Eine Verantwortung bringt das nach all der Zeit zwar nicht mit sich, doch der 66-Jährige will dem Vermächtnis seines Wohnorts ein Stück weit wieder ein Gesicht geben.

Dabei war der gebürtige Hachborner lange Zeit nicht in seiner alten Heimat, lebte und arbeitete in Maintal und kehrte erst 2017 zurück. Da begann er mit seinem Herzensprojekt. Und darüber, was vor Jahrhunderten über und unter der Erde vor sich ging, weiß er mittlerweile einiges.

Die Geschichte des erstmals um 1130 als „Habechenbrunnun“ erwähnten Dorfes reicht wie die Entstehung des Klosters weit zurück: Der Prämonstratenserstift Hachborn wurde 1186 nach einer Schenkung der Herren von Merenberg gegründet, gestiftet unter der Voraussetzung, dass der Ort zum Kult gemäß den Vorschriften der Prämonstratenser (eine kirchliche Ordensgemeinschaft) eingerichtet werde.

Hachborn war einst ein Doppelstift

Hachborn war der Überlieferung nach zunächst ein Doppelstift, in dem Chorherren und Chorfrauen lebten. Diese offene Lebensgemeinschaft für beide Geschlechter war eine Besonderheit zu jener Zeit und in einer damals „erstarrten und etwas verknöcherten Kirche“, sagt Müller, der diese Reform-Bewegung erforscht hat. Erst Mitte des 13. Jahrhunderts wurde das Kloster wohl zum reinen Frauenstift.

Der verfügte einst über weit verstreuten Besitz in Gießen, Marburg bis Frankenberg. Grundbesitz, Immobilien und Höfe für die eigene Versorgung, ebenso Mühlen, Fischteiche oder Gewässer. Mit Ausbruch der großen Pestwellen geriet der Stift ab dem 14. Jahrhundert zunehmend in wirtschaftliche Not, von einst über 20 Chorfrauen bleiben im 16. Jahrhundert nur noch neun übrig. 1527 wurde das Kloster Hachborn im Zuge der Reformation vom hessischen Landgrafen aufgelöst. Gebäude und Grund wurden verstaatlicht, als Lehen vergeben und zum Landschloss umgewandelt.

Der einst klösterliche Bau wurde ein herrschaftlicher, dann schließlich im Jahr 1789 abgerissen, nachdem 34 Hachborner Genossen das Anwesen erworben hatten. Das Gelände wurde praktisch als Steinbruch genutzt, die Gebäude wiederverwertet, die als Baumaterial für neue Häuser im Ort dienten, „davon ist manches Haus im Dorf Hachborn entstanden“, berichtet Müller.

Dann kaufte 1821 der Spielmann Johann Adam Lemmer aus Sichertshausen das Gelände – sein Vorfahr. Auf dem Grundstück errichtete dieser ein Anwesen, das nach ihm und seiner Arbeit als Kirmesmusikant „Spillams“ („Spiel-Adam“) genannt wurde.

Er gründete einen landwirtschaftlichen Betrieb und legte den Grundstein für die Gastwirtschaft „Zum Klosterhof“, welche sein Sohn Conrad Lemmer – Müllers Ur-ur-ur-Opa – weiter ausbaute. „Um die Jahrhundertwende war die Gaststätte beliebtes Ausflugsziel bei Marburger Studenten und Professoren.“ Der Betrieb wurde in den 1990er Jahren aufgegeben, aus Scheunen, Stallungen und Getreidespeicher entstanden Wohnungen. Auch Müller machte es dem Vorfahr nach und baute auf dem Klostergelände sein Wohnhaus. So kann sich Geschichte wiederholen.

Er lebt praktisch im ehemaligen Innenhof des Klosters, „es ist spannend, über so einem geschichtsträchtigen Ort zu wohnen, ich will ein Stück von diesem alten Klostergeist, von diesem Kult erhalten“. Dort fanden Archäologen bereits weitere Mauer-Überreste des früheren Stifts. Bis heute oberhalb erhalten geblieben sind lediglich ein Teil des Gewölbekellers, Mauerreste und die Stiftskirche St. Johannes.

Alter Keller soll Gemeinschaftsraum werden

Den alten Keller möchte Müller zu einem kleinen Gemeinschaftsraum umgestalten, ein Treffpunkt fürs Dorf, zugleich eine Erinnerung an die alte Gastwirtschaft. An verschiedenen Ecken bringt er auch die alten Steine wieder zur Geltung, das Projekt ist sein „Alterswerk“, erzählt er lachend.

Am Rande des alten Klostergeländes neben der Kirche steht heute das Bürgerzentrum und das evangelische Gemeindehaus mit Kindergarten. Und wo einst das Klosterleben stattfand, wird heute im Winter der Kunst-, Kultur- und Weihnachtsmarkt der Gemeinde gefeiert. Der obere Klosterteich (Wäschborn) ist im Sommer Treffpunkt für das „Wutzdog Festival“.

Was Helmut Müller über die Geschichte von Kloster und Dorf erforscht, schreibt er auf seiner Webseite nieder: Zu finden unter www.kloster-hachborn.de.

Von Ina Tannert

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