Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis Die Bahn kommt – aber erst in 25 Jahren
Landkreis Südkreis Die Bahn kommt – aber erst in 25 Jahren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 28.09.2019
Ein Blick über die alten Schienen auf das Neubaugebiet in Niederwalgern. Quelle: Thorsten Richter
Gladenbach

Der Info-Hammer gleich mal zu Beginn: Wer dachte, die ganze Aar-Salzbödebahn sei entwidmet, der irrt. Tatsächlich ist die Teilstrecke von Niederwalgern-Bahnhof bis nach Lohra nur „stillgelegt“. Das wiederum bedeutet, niemand hätte sich darauf verlassen können, dass dort nie wieder ein Zug fährt.

Und doch, bis dort wieder ein Zug fährt, kann es gut ein Vierteljahrhundert dauern. Bis dahin könnten skeptische Menschen aufgrund diverser Veränderungen im Klima wohl dann sehr froh sein, einen umweltfreundlichen Bahn-Anschluss zu bekommen.

Nun muss aber Lohras Bürgermeister Georg Gaul doch mal was sagen. Denn auch wenn die Strecke von Niederwalgern aus relativ leicht zu reaktivieren wäre, würde es spätestens in der Ortslage von Lohra knirschen und knacken, denn die alte Bahntrasse ist dort weitläufig überbaut worden. Aber vielleicht gibt es ja bis zur Umsetzung des Projekts auch kombinierte Waggons, die sich auf der Schiene am Boden und einer Schiene in der Luft fortbewegen können?

Hintergrund

Absehbare Konflikpunkte

Niederwalgern: Neubaugebiet sehr nahe an der Strecke. Bahnübergang L 3061. Damm: Zufahrt Firma Lather und verkaufter Abschnitt Lohra: praktisch in der gesamten Ortslage überbaut. Mornshausen: Bahnübergang Subachstraße. Gladenbach: Erschließung des Bahnhofs; Eisenbahnunterführung B 255. Erdhausen: ein verkaufter Abschnitt in der Ortslage. Weidenhausen: Erschließung des Bahnhofs; Eisenbahnüberführung Mühlstraße. Wommelshausen: Viadukt. Bad Endbach: Viadukt; Bahnübergang zum Steinbruch, Kaufinteresse eines Teilstücks von einem Gewerbetreibenden. Hartenrod: Fremdnutzung des Bahnhofs­areals.

Egal. Lohra stellt schon mal ein echtes Problem dar. Dagegen sind die Bürgermeister von Gladenbach, Peter Kremer, und Bad Endbach, Julian Schweitzer, eigentlich schon sehr positiv und optimistisch eingestellt, sehen für ihre Kommunen enorme Vorteile durch die reaktivierte Bahn. 

Nun, dem Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow sind die vielen Schwierigkeiten bei der Streckenfindung durchaus bewusst, doch jetzt und hier, bei der Vorstellung einer belastbaren Vorstudie im Haus des Gastes in Gladenbach, ist auch er optimistisch gestimmt, dass aus der „Schnapsidee“ durchaus etwas werden könnte, wenn man es nur wolle. Warum? Weil die Faktoren rund um die Nutzung der Bahn mehr als positiv ausfallen.

Angelehnt an die Buslinie 383, bereinigt um die Fahrgäste, die die Linie nur in Marburg benutzen und im Abschnitt Niederweimar – Lohra, ist davon auszugehen, dass sich ein Reisenpotential für die Bahnstrecke Niederwalgern – Hartenrod von rund 2.200 Fahrgästen pro Werktag ergibt. Das wären mehr Fahrgäste als auf bereits reaktivierten Strecken, etwa zwischen Frankenberg und Korbach (440 pro Werktag).

Standpunkt

Schnapsideen sind oft die Besten

Hinterher ist man immer schlauer. In Zeiten wie diesen wird einem mehr denn je bewusst, wie – sagen wir es deutlich – bescheuert es war, die kleinen Bahnnebenstrecken einzustellen. Kein Vorwurf an die Entscheider von damals. Sie konnten ja gar nicht anders, die Wirtschaftlichkeit war einfach nicht mehr gegeben. Und doch, sehr schade, dass es damals an Visionen fehlte. Jetzt gibt es sie und sie machen nun, da die Vorstudie zur Reaktivierung der Salzbödebahn, vorliegt, Appetit auf mehr.

Von mir aus könnte es gleich morgen losgehen. Aber langsam mit den Gäulen, in Deutschland geht ja leider gar nichts schnell. Und so werden wir auf unsere Geburtsurkunde schauen und mal leise nachrechnen, ob wir überhaupt noch Nutzer der Bahn sein werden. Also, alle über knapp 50 müssen sich gut halten, um als Rentner vielleicht noch ein paar Ausflüge mit der Bahn zu unternehmen. Die Kinder und Jugendlichen von heute und deren Kinder könnten sich später sehr freuen, dass es im Jahr 2019 Menschen gab, die Visionen hatten, die weit in die Zukunft schauten und planten.

Klar, niemand weiß, wie in 25 Jahren die Mobilität in diesem Land organisiert sein wird, aber deshalb die Hände in den Schoß zu legen, kann es ja auch nicht sein. Und den nahen Anrainern im Niederwalgerner Neubaugebiet sei gesagt, die Züge werden moderner und leiser denn je sein. Eine eigene Haltestelle quasi im Hintergarten werden die Hauspreise eher steigen als sinken lassen. So, nun ist es an weiteren Menschen, das Projekt weiterzubringen. Dazu muss zunächst auch der politische Wille vorhanden sein. Hoffentlich wird es nicht da schon zerredet. Vielleicht stellt schon mal jemand einen Schnaps auf Halde, um damit in 15, 20, 25 oder 30 Jahren gebührend auf die Umsetzung der Schnapsidee aus 2019 anstoßen zu können.     

von Götz Schaub

„Das Potential ist da“, sagt Zachow. Um eine möglichst hohe Akzeptanz bei den Bürgern, insbesondere den Anrainern, zu erhalten, sagt er auch, dass die Streckenführung sich an der bisherigen orientiert, aber absolut noch nichts in Stein gemeißelt ist. Selbst bei Niederwalgern nicht. Dort gibt es noch die Trasse mit Schienen, doch liegt sie recht nah an Häusern.

Es könnte sein, dass die Trasse parallel um einige Meter verschoben wird, vielleicht stört sie aber auch in 25 Jahren niemanden dort, wo sie jetzt ist. Weimars Bürgermeister Peter Eidam ist es deshalb wichtig, klarzustellen, dass weder jetzt, noch in den nächsten Jahren Entscheidungen fallen, niemand Angst haben muss, nicht beteiligt zu werden.

Der nächste Schritt ist nämlich erst einmal ein politischer. Die Gremien in den Kommunen, aber auch der Kreistag sollen sich überlegen, ob sie die Vorstudie in eine Machbarkeitsstudie münden lassen wollen. Sollte dies der Fall sein, wird es dann am RMV als dem Rhein-Main-Verkehrsverbund sein, sich federführend damit auseinanderzusetzen. Dabei geht es dann auch um Fördermittel, so Zachow, wobei man sich dort dann schon hinten anstellen müsse, denn derzeit sind ja schon einige Projekte in Planung wie etwa die Lumdatalbahn zwischen Lollar und Londorf.

von Götz Schaub