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Südkreis Baby erhält Überdosis Antibiotikum
Landkreis Südkreis Baby erhält Überdosis Antibiotikum
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19:57 05.01.2020
Vater Dennis Schimmer und Mutter Selina sind froh, dass ihr kleiner Sohn Emil nach der lebensbedrohlichen Antibiotika-Überdosierung wieder fit ist. Doch die Sorge um mögliche Spätfolgen bleibt. Quelle: Ina Tannert
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Fronhausen

Glucksend greift das gut zwei Monate alte Baby­ nach dem bunten Holzspielzeug, das über ihm baumelt. Der kleine Emil liegt auf einer weichen Decke, immer wieder schweift sein Blick umher, sucht seine Eltern, die lächelnd auf dem Boden neben ihrem Sohn sitzen.

Ein harmonisches Bild einer fröhlichen kleinen Familie, zu dem es fast nicht gekommen wäre, glauben Vater Dennis Schimmer und Mutter Selina. Es war der größte Glücksmoment im Leben der jungen Eltern aus Fronhausen, als Sohn Emil am 16. Oktober das Licht der Welt erblickte.

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Es ist das erste Kind des Paares, umso größer war die Aufregung über den strammen Jungen, der gesund und agil auf der Geburtsstation des UKGM in Gießen auf die Welt kam. Doch das änderte sich schon am zweiten Tag.

Gespürt, dass etwas nicht stimmt

So unerfahren der junge Vater auch war, intuitiv spürte er wohl, dass sein Sohn – gerade­ einmal einen Tag alt – krank war. „Ich habe gemerkt, dass irgendwas nicht stimmte, ich hab das einfach gespürt – Emil hat total schnell geatmet, die Ärzte sagten, das sei normal“, erzählt der 26-Jährige im Gespräch mit der OP.

Er erinnert sich noch mit Schrecken an diese Woche im Klinikum. Während Mutter Selina nach der Geburt noch ans Bett gefesselt war, ließ er nicht locker, redete so lange auf die Ärzte ein, bis diese das Blut seines Sohnes untersuchten.

Rechtslage

Die „Einsichtnahme in die ­Patientenakte“ ist in Paragraf 630g des Bürgerlichen Gesetzbuches geregelt. Jeder Patient­ kann Einsicht einfordern, ­ohne seine Gründe dafür näher erläutern zu müssen. Bei minderjährigen Kindern sind zudem sorgeberechtigte Eltern­teile einsichtsberechtigt. 
Die Klinik muss dem sogenannten Einsichtnahmerecht per Gesetz „unverzüglich“ nachkommen. Laut Ärzteblatt kann die Dauer je nach Einzelfall unterschiedlich ausfallen, generell dürfte jedoch „eine Bearbeitungszeit von maximal zwei Wochen ausreichend sein“.     

Und tatsächlich – bei Emil wurde eine Neugeboreneninfektion festgestellt. Diese Sepsis komme gar nicht so selten vor, ist dabei sehr gefährlich für einen Säugling, mit Antibiotika aber gut zu behandeln, erzählt der Vater.

Wie die Ärzte ihm berichteten, gibt es gegen diese Art der Infektion verschiedene Antibiotika. Emil wurde mit einem davon, mit Vancomycin, behandelt – und zeigte fast sofort heftige Reaktionen.

„Er hat geschrien, wurde unruhig und dann am ganzen Körper kirschrot“, erzählt Mutter Selina.­ Die spontane Rötung an verschiedenen Körperteilen nach der ­Medikamentengabe, auch „Flush-Symptomatik“ genannt, rettete dem Jungen aber wahrscheinlich das Leben, „man hat es sofort gesehen und reagiert, wäre das nicht passiert, wäre Emil wohl nicht mehr da“.

Arztbrief dokumentiert Fehler

Die Diagnose: Die Menge des Antibiotikums, das dem Säugling verabreicht wurde, war zu hoch. Auch im Arztbrief, welcher der OP vorliegt, ist von ­einer Überdosierung die Rede.­ Dort wird eine „akzidentielle (zufällige, Anm. d. Red.) Gabe von Vancomycin anstelle Ampicillin“ benannt. Denn eigentlich sollte das ­Baby das andere Mittel und das in einer geringeren Dosis bekommen, „er hat aber die 25-fache Dosierung bekommen, es war eine Verwechslung, ein Behandlungsfehler“, sagt Dennis Schimmer.

Emil wurde umgehend auf der Intensivstation behandelt und gerettet, „es war schlimm, mein Sohn wäre fast gestorben“, erinnert sich Mutter Selina. Dann erreichte sie die nächste Hiobsbotschaft: Durch die Überdosis bestehe für Emil das Risiko von Spätfolgen. Der Junge könne in seinem ersten Lebensjahr schwer erkranken, einen Nierenschaden erleiden oder den gesamten Gehörsinn verlieren.

Sorge vor Spätfolgen

Das seien in diesem Fall bekannte Nebenwirkungen des Medikaments – das Risiko besteht so lange, bis sich das Mittel vollständig im Körper abgebaut hat. „Das dauert Monate, für uns heißt es, ein ganzes Jahr noch bangen“, fasst Dennis Schimmer zusammen.

Seitdem leben die Eltern in Sorge davor, sie sind hin- und hergerissen zwischen unendlicher Erleichterung, dass ihr Sohn Infektion und Überdosierung überlebt hat, und ihrem Ärger über das nachträgliche Verhalten des Klinikums, wie sie erzählen. Denn schon Ende Oktober forderten sie Einsicht in die Patientenakte ihres Sohnes, wollten eine Kopie der gesamten Behandlungsunterlagen, über den üblichen Arztbrief hinaus, um ihren eigenen Kinderarzt bestmöglich über den Vorfall und die möglichen Folgen informieren.

Dokumente liegen Eltern nun vor

„Wir haben mehrfach angefragt, aber ewig ist nichts ­passiert, das wirkt schon seltsam, als wollte jemand die ­Sache nicht zugeben“, wundert sich Dennis Schimmer. Am ­Ende drohten die Eltern mit ­Klage, „auch das hat lange nicht geholfen, es hieß immer, dass vor Mitte Januar nichts zu machen wäre – das wären dann fast drei Monate und viel zu lange“, ärgert sich der Vater.

Auf Nachfrage der OP versichert das Klinikum, dass man dem Anspruch der Eltern „selbstverständlich entsprechen“ werde, die Unterlagen sollten der Familie „schnellstmöglich“ zukommen. Und sie kamen, vor gut einer Woche erhielten die Eltern die Dokumente. Zu der nachweislichen Überdosierung des Babys nimmt das Klinikum indes keine Stellung, „da es sich hierbei um ein laufendes Verfahren handelt“, teilt das UKGM mit.

Vorwurf: Pfleger sind überlastet

Die fehlerhafte Behandlung ihres Babys hat die ganze Familie, schwer mitgenommen. ­
Ihnen gehe es dennoch nicht darum, jetzt mit dem Finger auf Ärzte oder Pfleger zu zeigen, bei denen sie sich „wirklich sehr gut“ aufgehoben fühlten. Ihnen geht es um Prävention, um ­Sicherheit für den Fall, dass doch noch Spätfolgen bei ihrem Sohn auftreten.

Vorwürfe machen sie auch nicht der Pflegekraft, die das Antibiotikum in der falschen Dosierung verabreicht hat, vielmehr sehen sie den Auslöser in einer „Überlastung des Personals, so kam es uns zumindest vor“, erklärt Dennis Schimmer. „Schuld haben nicht die Pfleger, sondern das Krankenhaus, wo Stationen unterbesetzt sind – der Fehler wäre vermeidbar gewesen“, ist sich der Vater sicher.

von Ina Tannert

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