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Südkreis Wird die Corona-Rettung in Marburg produziert?
Landkreis Südkreis Wird die Corona-Rettung in Marburg produziert?
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19:58 04.04.2020
Blick auf eine Konstruktionszeichnung des Beatmungsgeräts. Quelle: Andreas Schmidt
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Fronhausen

Es gibt die Idee, es gibt die Einzelteile, es gibt den Prototypen und es gibt sogar einen Praxistest am Uni-Klinikum auf den Lahnbergen, dort an einer lebensechten Puppe: Das alternative Beatmungsgerät, das vor wenigen Tagen von einem Physiker-Team der Philipps-Universität Marburg erfunden worden ist, wird zum Erfolg. Und weil der Unternehmer Gunter Schneider diese Erfindung umgehend aufgegriffen hat, steht er mit seinem Fronhäuser Unternehmen Optik Schneider in den Startlöchern, diese Behelfs-Beatmungsgeräte zu produzieren – in Serie, Hunderte, Tausende, so viele wie eben nötig. In Deutschland, Europa, auf der ganzen Welt. „Das Virus lässt uns alle in einem Boot sitzen, die Gefahr betrifft alle Menschen in allen Ländern. Mit diesem Gerät können wir verhindern, dass Menschen sterben, wir können helfen“, sagt Schneider im OP-Gespräch. Was es noch nicht gibt: eine Genehmigung, die Geräte, die experimentellen Apparate, für medizinische Zwecke einsetzen zu dürfen, also eine Entscheidung der Politik. „Das ist die einzige Hürde, die wir effektiv nehmen müssen, nur daran hängt es“, sagt der Geschäftsmann.

Denn Medizinprodukte dürfen eigentlich nur dann in Verkehr gebracht oder in Betrieb genommen werden, wenn sie mit der CE-Kennzeichnung versehen sind. Diese Kennzeichnung gibt es, wenn Produkte grundlegende Anforderungen erfüllen, ein sogenanntes Konformitätsbewertungs-Verfahren durchgeführt wurde. Rechtlich möglich ist zwar – wenn es schnell gehen muss – eine Sonderzulassung, die dann zeitlich befristet wird. Problem: Es muss vom Hersteller nachgewiesen werden, dass keine medizinisch annähernd gleichwertigen Alternativprodukte oder -verfahren verfügbar sind. Das könnte angesichts prinzipiell auf dem Markt vorhandener Beatmungsgeräte schwierig werden.

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100 Geräte plant Schneider aber unabhängig von diesen für die offizielle Zulassung üblichen Tests und Bewertungen in seiner Produktionsanlage in Fronhausen bauen zu lassen. Die rund 150 nötigen Einzelteile pro Beatmungsgerät hat er, für die Massenproduktion bekäme er die benötigten Rohstoffe und Teile von Partnerunternehmen weltweit im Handumdrehen zugeschickt. Die derzeit unterbrochenen Waren- und Lieferketten seien bereits gesichert. „Auf Knopfdruck können wir starten.“ Wieso der Verzicht auf den behördlichen Weg? Es dauert Schneider, den 500 Mitarbeitern in Fronhausen, dauert auch dem Ursprungs-Erfinder-Team um Physik-Professor Martin Koch zu lange. „Mit vielem ist, Stichwort Schutzkleidung, zu lange gewartet worden. Es ist längst Zeit zu handeln. Wir können mit dem Gerät einen Beitrag leisten, wir wollen das nicht nur, das Gerät kann es und wird zur Rettung von Menschenleben beitragen“, sagt Koch. Sowohl der Naturwissenschaftler als auch Schneider hoffen aber wohl insgeheim darauf, dass die Behörden – von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bis zum Kanzleramt – die Corona-Not als zu groß einschätzen, um an starren Zulassungs-Regeln festzuhalten.

Klinik-Einsatz als „letztes Hilfsmittel gegen Corona“

Die Argumentation sowohl der Entwickler als auch von Professor Harald Renz, dem ärztlichen Geschäftsführer des Uni-Klinikums Gießen-Marburg: Die Marburger Beatmungs-Maschine könne in deutschen Krankenhäusern sofort als „last line of defense“, als letztes Mittel zur Virus-Bekämpfung am Patienten angesehen, eingestuft, eingesetzt werden. Bedeutet: Bevor ein Infizierter von Ärzten und Krankenpflegern faktisch zum Sterben verurteilt werden muss, wie das in Italien und Spanien geschehen ist, soll das Gerät eingesetzt werden. Indien, afrikanische Staaten, selbst im maroden US-Gesundheitssystem: Außerhalb Deutschlands könne Renz zufolge die Maschine, die von Schneiders Ingenieuren bereits auch in Bezug auf Leistungsfähigkeit weiterentwickelt wurde und wird, sogar im Akutfall eingesetzt werden. Denn wie Ingenieur Helwig Buchenauer erklärt, liefert die Erfindung in erster Linie erst mal nur weniger Werte und Daten, kann bei Leistungsstärke nicht voll mit Hightech mithalten – aber beatmet eben die Patienten und ist zudem um ein Vielfaches günstiger und leichter in der Herstellung. Die plötzliche Produktionsumstellung falle der Fronhäuser Firma leicht, weil sie hinsichtlich Anlagen, Maschinen und auch Materialien „immer vielschichtig unterwegs“ und nicht auf die Produktion nur einer Produktpalette ausgelegt sei, erklärt Buchenauer.

Schneider, seit Jahrzehnten erfolgreicher Geschäftsmann und vielen in Mittelhessen vor allem als Lokschuppen-Investor bekannt geworden, habe es noch nie erlebt, dass so viele Unternehmer – und das, ohne über Kosten und Preise zu reden – auf eine Idee anspringen und sie sofort ohne große Nachfragen und freiwillig, ohne Gewinnabsichten unterstützen. Genau das geschehe aber gerade. „Hier geht es jedem um Hilfe, keinem um Profit.“ Das betonen auch Buchenauer und Ingenieur-Kollege Klaus Hofmann: „Es ist eine ernste Angelegenheit, jeder spürt, dass das wichtig ist. Aber genau deshalb arbeitet jeder mit Ehrgeiz und Spaß daran mit.“ Über das vergangene Wochenende haben zehn Schneider-Ingenieure den Prototypen bis auf die letzte Feder auseinandergenommen, modifiziert, bereits Lieferketten gecheckt – das Produkt skalierbar, also fit für die Massenherstellung gemacht.

Der Grundgedanke: Die Zahl der Intensivbetten und verfügbarer Beatmungsgeräte ist begrenzt. Je nach Pandemie-Verlauf wird es mehr Patienten, mehr Bedarf als benötigte Technik geben. Der Lösungsansatz von Koch und seinem Team: Es müsste gelingen, Patienten schneller von der limitierten Zahl der Beatmungsgeräte weg zu bekommen, damit neue Akutfälle an die Krankenhaus-Technik angeschlossen werden können. Der Lösungsansatz: Man müsste eine abgespeckte Version des Hightech entwickeln, das genauso funktioniert, in der Leistung eingeschränkt ist – aber Menschen nach der Akutphase am Leben hält, sie genesen lässt. „Es ist wie bei Autos: Eine S-Klasse kann zwar schneller fahren als ein VW Käfer, aber wenn sie beide nur 120 km/h fahren müssen, sind sie gleich“, erklärt Koch. Heißt: In dem Moment, wo es für einen Corona-Patienten ausreicht, mit einer geringeren als der Maximalleistung der Krankenhaus-Geräte beatmet werden zu müssen, könnte er an die Marburg-Maschine angeschlossen werden – und prompt stünde Hightech dem nächsten Erkrankten zur Verfügung. „Wenn mit der Beatmungstechnik auch nur ein Mensch gerettet werden kann, hat sich jede Mühe gelohnt“, sagen Schneider und Koch.

Von Björn Wisker

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