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Südkreis Nach Stammzellspende geht es bergauf
Landkreis Südkreis Nach Stammzellspende geht es bergauf
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09:00 05.03.2020
Der siebenjährige Finn (links) ist an Knochenmarksversagen erkrankt. Seine Schwester Lina rettete ihm durch eine Stammzellenspende das Leben. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Dreihausen

Raus aus dem Haus, ab auf den Roller und los geht es. Der achtjährige Finn ist nicht mehr zu bremsen. Mit Schwester Lina und seinen Kumpels flitzt er um die Häuser. Das war vor wenigen Wochen noch ganz anders. Hinter Finn und seiner Familie liegen Monate der Sorge. Bei dem Siebenjährigen wurde im September Knochenmarksversagen diagnostiziert – eine lebensgefährliche Bluterkrankung. Das lebenswichtige Knochenmark drohte zu versagen.

„Es war furchtbar, einfach nur emotional“, erzählt Mutter Melanie Hedderich. Finn wurde immer blasser, immer schwächer, sein Immunsystem drohte zu versagen. Seine einzige Chance: Eine Stammzelltransplantation seiner Schwester Lina (8), die überraschenderweise als ideale Spenderin infrage kam (die OP berichtete).

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Ein echter Glücksfall, doch die Angst vor der Transplantation blieb. Am 17. Dezember – nach tagelanger Chemotherapie und Vorbereitung – erhielt Finn von seiner großen Schwester am Uniklinikum Gießen die dringend benötigten Stammzellen. Danach musste er für fünfeinhalb Wochen in der Klinik leben.

Heute kann seine Mutter überglücklich berichten: „Alle Blutwerte sind im Normbereich.“ Dieser ausschlaggebende Satz geht ihr nahe, so ganz fassen, dass es mit Finn immer weiter bergauf geht, kann sie noch immer nicht. Noch zu frisch sind die Bilder von der Kinderonkologie, vom keimfreien Transplantationsraum, in dem ihr Sohn quasi wie in Quarantäne und mit vielen Einschränkungen leben musste. Was hat er dort eigentlich gemacht? „Ganz viel gechillt und Youtube auf dem Tablet geguckt“, verrät der gewitzte Achtjährige mit einem breiten Grinsen.

Mutter Melanie, Vater Jens, Lina und Finn lachen viel dieser Tage. „Das tut so gut“, sagt die Mutter aus tiefstem Herzen. Finn ist seit einigen Wochen wieder Zuhause, wo er jeden Tag ein bisschen mehr in einen normalen Alltag zurückfindet. „Ich kann jetzt zwei Mal im Jahr Geburtstag feiern – am Dienstag bin ich 77 Tage alt“, erzählt Finn fröhlich. Jeder Tag nach der Transplantation ist ein neuer Schritt in Richtung Gesundheit, er wird immer kräftiger, die Haare wachsen wieder, er bekommt mehr Freiheiten. Ganz geschafft hat er es noch nicht, muss erst wieder ein normales Immunsystem aufbauen.

Erhöhtes Infektionsrisiko

Nach Draußen gehen darf er aber schon wieder, zur Schule noch nicht, erst nach den Sommerferien. Zu hoch ist das Risiko einer Infektion, 32 Tabletten schluckt Finn am Tag, im Haus herrschen strenge Hygienevorschriften, Finn darf auch noch nicht alles essen, zu groß das Risiko von Keimen. Dabei platzt er fast vor Energie, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, hält er nicht lange durch. Dann lieber raus auf den Roller und mit Lina und den Kumpels um die Häuser flitzen. „Am meisten freue ich mich darauf im Frühling mit meinen Freunden herumzuziehen und dass ich dann wieder Hackbrötchen essen darf“, sagt Finn voller Vorfreude.

Auch Schwester Lina freut sich, dass es ihrem kleinen Bruder jeden Tag ein Stück besser geht. Sie hat ihre Stammzellspende gut verkraftet, war vier Tage danach schon wieder in der Schule, „das war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien, da wollte ich unbedingt noch hin“, erzählt sie.

Laut der DKMS (Deutsche Knochenmarksspenderdatei), welche die Familie bei der Stammzellsuche unterstützt hatte, bildet der Körper die Stammzellen innerhalb von etwa zwei Wochen nach. Das Verfahren sei mit einer Blutspende vergleichbar und führe nicht zu einem dauerhaften Verlust der Stammzellen.

Mitschüler sammeln Spenden für Familie

Das Schicksal der Familie hatte im vergangenen Jahr eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst, unter anderem initiierten zahlreiche Bewohner und Unterstützer für die DKMS eine große Typisierungsaktion für neue Stammzellspender. Die Grundschule Dreihausen, die auch Finn und Lina besuchen, startete zudem eine besondere Spendenaktion: Um der Familie zu helfen, verlegte die Schule kurzerhand ihren alljährlichen Sponsorenlauf, der eigentlich in der wärmeren Jahreszeit stattfindet, auf den 15. November. „Wir haben alle so mitgelitten, als wir von Finns Krankheit hörten und wollten der Familie helfen, aber auch ein Zeichen setzen, auf die vielen Kranken aufmerksam machen“, erzählt Schulleiterin Hanna Homberger. Und die Schüler legten sich noch mehr ins Zeug als sonst. Für Finn. „Unsere Kinder haben sehr Anteil genommen an der Erkrankung des Mitschülers und unglaublich viele Sponsoren gefunden, rund 300, das ist sehr viel“, berichtet Homberger begeistert.

Insgesamt nahmen 91 Kinder von Klasse eins bis vier teil. Auch Lina lief mit, die ihren Bruder einmal mehr mit vollem Körpereinsatz unterstützte. Beim Lauf feuerten sich alle Kinder noch gegenseitig an: „Wir laufen für Finn!“. „Eine Runde geht noch!“ Denn nach den Regeln des Sponsorenlaufs gilt: Je mehr Runden ein Kind schafft, desto mehr spendet der Sponsor. Es wurde ein großer Erfolg: Insgesamt kamen 5 424 Euro zusammen, „das ist unglaublich, ein neuer Rekord für uns“, freut sich die Schulleiterin. Die Einnahmen gehen je zur Hälfte an die DKMS und an den Förderverein für die Ausstattung der Schule, so dass die Schüler nicht nur ein gutes Werk getan, sondern auch noch selber etwas davon haben.

Achtjähriger ist nach Stammzellentransplantation wieder zu Hause.

Von Ina Tannert

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