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Südkreis Erinnerungslücken im Raub-Prozess
Landkreis Südkreis Erinnerungslücken im Raub-Prozess
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21:08 03.02.2021
Der Strafverteidiger Stefan Adler spricht mit seinem Mandanten durch eine Plexiglasscheibe, die das Corona-Ansteckungsrisiko minimieren soll.
Der Strafverteidiger Stefan Adler spricht mit seinem Mandanten durch eine Plexiglasscheibe, die das Corona-Ansteckungsrisiko minimieren soll. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Es liest sich wie ein filmreifer Krimi: Vier Jugendliche und junge Erwachsene haben sich am 2. Dezember 2016 in einem Jugendclub eines Dorfes im Südkreis verabredet. Es ist früher Freitagabend. Sie sind befreundet, wollen ein bisschen was trinken, einen schönen Abend zusammen verbringen. Daraus wird nichts.

Plötzlich wird die Tür eingetreten oder aufgerissen – so genau kann das gestern vor Gericht keiner mehr sagen – und zwei Männer stürmen herein, einer mit Baseballkappe, der andere mit einer Wollmütze. Einer der beiden Angreifer schreit: „Welcher von euch Pissern hat meinem kleinen Bruder Gras (Marihuana, Anm. d. Red.) verkauft?“

Auch an diese Aussage kann sich nach vier Jahren keiner der Zeugen so genau erinnern – die 1. Strafkammer des Marburger Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Dr. Heike Schneider greift dazu auch auf Polizeiprotokolle zurück, die zum Teil kurz nach dem Überfall angefertigt wurden und das Geschehene wohl präziser wiedergeben.

Angeklagt ist ein heute 30-jähriger Mann, frisch verheiratet, türkischer Staatsbürger. Zur Tatzeit war er 26 Jahre alt. Der Staatsanwalt Frederik Buß wirft ihm schweren Raub vor. Ein schwerwiegender Vorwurf, der eine Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren vorsieht, wenn der Täter oder ein anderer Beteiligter am Raub eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug bei sich führt, sonst ein Werkzeug oder Mittel bei sich führt, um den Widerstand einer anderen Person durch Gewalt oder Drohung mit Gewalt zu verhindern oder zu überwinden oder eine andere Person durch die Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.

Nicht unter fünf Jahren gäbe es, wenn der Täter oder ein anderer Beteiligter am Raub etwa bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug verwendet oder eine andere Person bei der Tat körperlich schwer misshandelt. In weniger schweren Fällen reicht das Strafmaß von einem Jahr bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe.

Der zweite Angreifer wurde nach Angaben von Staatsanwalt Buß bereits 2018 wegen dieses und anderer Vergehen verurteilt. Das damals verhängte Strafmaß konnte Buß gestern aber nicht nennen.

Im Jugendclub fliegen im kurzen Gerangel die Fäuste

Doch zurück zu dem verhängnisvollen Dezemberabend: Im Jugendclub gibt es ein kurzes Gerangel, Fäuste fliegen. Die beiden Angreifer drohen, draußen in einem Auto säße noch (mindestens) ein Psychopath, der zur Not eingreifen könne. Die Aussagen der vier jungen Zeugen aus dem Jugendclub sind auch hier nicht ganz klar. Immer wieder heißt es: Ich kann mich nicht genau daran erinnern.

Sicher scheint: Die Jugendlichen sind eingeschüchtert, „hatten richtig Schiss“, wie gestern ein Zeuge sagte, und fügen sich in ihr Schicksal – „wir haben gemerkt, dass wir keine Chance haben“, sagte ein weiterer, heute 22-jähriger Zeuge.

Sie werden aufgefordert, ihre Handys abzugeben, damit sie niemanden anrufen können, Geldbeutel und Schlüssel auf einen Tisch zu legen. Alles wird eingesammelt. Und sie werden gezwungen, den Bekannten anzurufen, der vermutlich das Gras verkauft haben soll und mit ihm ein Treffen zu vereinbaren.

Etwa zwei Stunden verbringen sie mit den beiden Angreifern im Jugendclub, dann fahren sie los – in zwei Autos. Auch hier wird es ein wenig diffus. Zwei bleiben auf einem Feldweg zurück, zwei weitere fahren mit den Angreifern zu einem Parkplatz, dessen Ausfahrt mit dem Auto abgesperrt wird. Dort stehen bereits zwei Autos.

Einer der Angreifer holt den Aussagen zufolge einen Radmutternschlüssel aus dem Auto, rennt zu einem der Fahrzeuge, in dem er den Mann vermutet, der das Gras verkauft haben soll. Er schlägt eine Scheibe ein. Einer der Insassen flieht zu Fuß. Der Fahrer startet das Auto, versucht ebenfalls zu fliehen und landet im Graben. Den Aussagen zufolge wird er gezwungen, sich auf den Boden zu setzen und (vermutlich) angebrüllt.

Die Aussagen sind nach vier Jahren nicht sehr präzise

Es gibt Aussagen, wonach ein Insasse des zweiten Fahrzeugs zusammengeschlagen worden sein soll. Aber auch dies ist alles sehr unklar, die Aussagen sind nach vier Jahren nicht sehr präzise. Sicher scheint nur: Die Jugendlichen haben fast alle Dinge, die ihnen weggenommen wurden, wiederbekommen.

Für Staatsanwalt Frederik Buß stellt sich der Fall so dar: Vier junge Menschen wurden gemeinschaftlich eingesperrt und genötigt, Wertsachen wurden ihnen weggenommen. Es wurde gemeinschaftlich Gewalt angewendet, ein gefährliches Werkzeug eingesetzt, eine Person körperlich misshandelt. Aus einem Geldbeutel hätten 50 Euro gefehlt, in einem der Fahrzeuge seien 200 Euro gestohlen worden und 200 Gramm Marihuana seien verschwunden. Aus seiner Sicht ist klar: schwerer Raub.

Den Angeklagten kann keiner der Zeugen wirklich identifizieren. „Es ist ewig her. Er hatte eine Mütze auf, hatte einen Bart“, sagte ein Zeuge. Und sie alle hatten Panik.

Verteidiger Stefan Adler hakte, wie das Gericht und die Staatsanwaltschaft, immer wieder nach. Es geht um Details, um die Frage des schweren Raubes oder „nur“ um Raub. Das Strafmaß unterscheidet sich erheblich. Oder wollten die Täter den keinen Bruder eines der beiden nur vor Drogen schützen? Das sind die Fragen, die das Gericht klären muss.

Anberaumt sind vier weitere Verhandlungstage. Gehört werden sollen insgesamt 14 Zeugen. Das Urteil wird vermutlich am 1. März gesprochen.

Von Uwe Badouin

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