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Südkreis Mit der Peitsche zum Bundespräsidenten
Landkreis Südkreis Mit der Peitsche zum Bundespräsidenten
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20:00 27.12.2019
Die Abordnung der Trachtengruppe Wollmar stellte bei der Veranstaltung das Peitschenknallen dar: Bernd Zimmer (von links), David Becker, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Mario Hausrath, Juliane Damm und Heiko Muth. Quelle: Privatfoto
Wollmar

Große Ehre für die Trachtengruppe Wollmar: Fünf Mitglieder durften an einem Empfang bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue in Berlin teilnehmen. Anlass war der 90. Geburtstag des Deutschen Trachtenverbandes. Jeder Trachten-Landesverband aus Deutschland war mit Abordnungen bei dem Empfang vertreten, aus Hessen waren es 13 Trachtenträger, fünf davon aus Wollmar. „Es war schön, das mal miterleben zu dürfen“, freute sich Mario Hausrath von der Trachtengruppe Wollmar nach der Veranstaltung.

Seine Abordnung stellte während des Besuchs den Brauch des „Platzens“ dar: Immer am 27. Dezember werden in Wollmar, wie in manchen anderen Orten, die ledigen Mädchen von den Burschen des Dorfes „ausgeplatzt“. Das heißt, die jungen Männer lassen die Peitschen in der Luft knallen. Die Tradition geht zurück auf die Zeit, in der die Mägde zum Jahresende die Höfe wechselten.

Das Peitschenknallen begleitete sie durch den Ort und sollte böse Geister vertreiben. In Wollmar führt die Kameradschaft, also die Dorfjugend, diesen Brauch heute fort. Die Trachtengruppe Wollmar zeigt das „Platzen“ ab und zu bei ihren Auftritten – wie nun auch in Berlin vor dem Schloss Bellevue. „Nachdem wir durch die Sicherheitskontrolle gegangen sind, wurden wir mit einer Limousine vor das Schloss gefahren“, berichtete Hausrath.

Trachtenfans in Wollmar

Gegründet wurde die Trachtengruppe Wollmar im Dezember 1964. Auslöser war das Grenzgangfest. Bei dem nahm Heinrich Rees eine Dia-Serie vom historischen Festzug auf und zeigte diese im Rahmen eines Dorfabends. Im Anschluss gründete sich die Jugendgruppe, aus der sich die heutige Trachtengruppe mit damals noch 19 Mitgliedern entwickelte.

Parallel wurde eine Kindergruppe aufgestellt, die sich 1968 wieder auflöste. Die Jugendgruppe wurde dagegen zunehmend selbstständiger, arbeitete dennoch eng mit der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege und dem Bund kultureller Jugend zusammen. Die Trachtengruppe Wollmar besteht inzwischen aus mehr als 250 Mitgliedern, davon ist die Hälfte an Vereinsangehörigen in verschiedenen Gruppen aktiv.

Im Schloss war Gelegenheit für die Landesverbände, sich mit dem Bundespräsidenten fotografieren zu lassen. Und dieser nahm sich außerdem Zeit für persönliche Gespräche mit den Gästen, sei „ein sehr sympathischer Mensch“, findet 
Hausrath.

Mehr als hundert Trachtenträger aus ganz Deutschland nahmen an der Veranstaltung teil. „Damit machen Sie aus dem Schloss Bellevue ein Schaufenster für die lebendige kulturelle Vielfalt der deutschen Länder und Regionen“, lobte Bundespräsident Steinmeier in seiner Begrüßungsrede. Das Trachtenwesen stehe für Heimatverbundenheit und für Lebensfreude. Er dankte allen für ihr ehrenamtliches Engagement in Vereinen und Verbänden.

Knut Kreuch, Präsident des Deutschen Trachtenverbandes, hielt seine Rede in Reimform: „Wir tragen, wenn man uns richtig beschaut, unsere Heimat direkt auf der Haut. Wir tragen, egal wo wir wohnen, auf dem Körper Verantwortung von Generationen und wissen, dass nur derjenige liegt im Zukunftstrend, der um seine Herkunft weiß und seine Geschichte kennt.“ Schon bevor 1929 der Deutsche Trachtenverband gegründet wurde, gab es Trachtenvereine in Deutschland, berichtete Kreuch. Der erste Volkstrachtenverein habe sich 1883 in Bayrischzell im Miesbacher Land gebildet.     

von Jörg Paulus