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Südkreis Kommt autarke Wasserversorgung?
Landkreis Südkreis Kommt autarke Wasserversorgung?
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08:00 03.08.2020
Geologe Folke Diederich von der „Gfm GmbH“ prüft die Wasserressourcen für die Gemeinde Ebsdorfergrund. Quelle: Ina Tannert
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Ebsdorfergrund

Wasser wird mancherorts zum knappen Gut, in nicht allzu ferner Zukunft könnte der „Kampf ums Wasser“ schärfere Züge annehmen – davon geht zumindest Bürgermeister Andreas Schulz aus und plant, die gesamte Trinkwasserversorgung in Gemeindehand zu legen.

Insgesamt verbrauchen die Bewohner aus Ebsdorfergrund rund 420.000 Kubikmeter Wasser, nur knapp die Hälfte stammt dabei aus eigener Gewinnung. Denn bislang ist die Wasserstruktur geteilt: Die Gemeinde selbst versorgt etwa die Hälfte der Bürger über das eigene Wassernetz, über eine oberflächennahe Quelle und drei Brunnen.

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Einige Orte der Gemeinde werden über den Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) mit Trinkwasser versorgt. Das ist noch ein Erbe aus Zeiten vor der Gebietsreform, als die damals noch selbstständigen Dörfer Hachborn und Wittelsberg ihre Wasserversorgung an den Verband verkauften. Die neun anderen Ortsteile beziehen Wasser aus dem Gemeinde-Netz. Die Dörfer Ebsdorf, Beltershausen-Frauenberg und Heskem-Mölln werden darüber ebenfalls vom ZMW versorgt.

Ziel: 2028 eigenen Wasserversorgung

Das Netz solle in Zukunft ausgebaut werden, um die gesamte Gemeinde – und vielleicht auch noch die Nachbarn aus Marburg und Amöneburg – mit Wasser aus dem Ebsdorfergrund zu versorgen, so Schulz. Ziel sei, bis 2028 eine eigene Wasserversorgung von 100 Prozent zu haben. So zumindest der Plan, entschieden ist noch nichts.

Er wolle aber vorsorgen; angesichts der Mengen an Wasser, die der Verband etwa aus dem nordöstlichen Kreisgebiet ins Frankfurter Ballungszentrum transportiere, müsse sich die Gemeinde „neu aufstellen“. Die Wasserversorgung wird überregional nach Bedarfen verteilt, die über die Vergabe von Wasserrechten geregelt werden.

Diese hat auch der ZMW für das Rhein-Main-Gebiet. Kritiker bemängeln, dass dabei zu viel Wasser, etwa aus dem Burgwald, abgeschöpft wird und die Geber-Gebiete von Austrocknung bedroht seien, zugunsten der Nehmer-Gebiete wie Frankfurt. „Es gibt einen steigenden Bedarf, aber die Region hat genug Trinkwasser“, sagt Schulz. Gerade in Ebsdorfergrund lägen „reiche Wasservorkommen“, die man nun mehr als zuvor nutzen wolle.

Geografische Lage ist von Vorteil

Beraten lässt sich die Kommune zu dem Vorhaben von dem Geologen Folke Diederich von der GFM Envign GmbH, Teil der GFM Holding mit Sitz in Marburg. Geschäftsführer Diederich entwickelt das Projekt mit und hat nun die geologischen Grundlagen geprüft: Er sieht viel Potenzial in der Gemeinde und Wasserreserven unter den sogenannten „Teichwiesen“ als geeignet für die zusätzliche Trinkwassergewinnung.

Das rund 15 Hektar große Gebiet der „Teichwiesen bei Heskem“ ist laut Regierungspräsidium seit 1987 als Schutzgebiet ausgewiesen und liegt in einer Feuchtsenke des Amöneburger Beckens umringt von intensiv genutzter Agrarlandschaft.

Auch dort, wo heute der Bauhof steht, gab es einmal eine Seen- und Sumpflandschaft, dort sei noch immer ein wahrer „Schatz“ an Wasserreserven vorhanden, sagt Diederich. Möglich sei das durch die vorteilhafte Lage der ganzen Region Ebsdorfergrund und des Amöneburger Beckens zwischen den Ausläufern des Vogelsbergs und den Lahnbergen.

Tiefliegende Quellen nutzen

Die Teichwiesen liegen mitten in der großen hessischen Senke – grob gesagt konnten dort durch die tektonisch günstige Lage über Millionen Jahre hinweg große Gräben entstehen, in denen sich Sedimente festsetzten. Aus diesen entstanden mit der Zeit feste „Deckschichten“, etwa aus Ton, die wiederum das Wasser darunter schützen.

An das könnte man durch einen weiteren Tiefenbrunnen gelangen, müsste durch die verschiedenen Schichten auf etwa 200 bis 250 Meter. Also fast so tief wie der Brunnen in Rauischholzhausen, der 265 Meter tief ist, allerdings höher liegt; bei Heskem müsste man nicht ganz so weit hinein in die Erde, sagt Diederich. Generell sei es von Vorteil, tief liegende Reserven anzuzapfen statt oberflächennahe Quellen, die stärker von Verunreinigungen betroffen sein können, etwa durch die Landwirtschaft, ergänzt Schulz.

Ob das Vorhaben überhaupt umgesetzt werden kann, müsste erst untersucht werden. Dazu braucht es eine Genehmigung beim Regierungspräsidium Gießen, der sich ein umfangreiches Prüfverfahren anschließen dürfte, darunter etwa eine Probebohrung.

Plan: Neues Werk am Bauhof bei Heskem

Ein umfangreiches Monitoring sei auch dafür nötig, zu sehen, wie stark sich die Entnahme einer doppelt so großen Menge Wasser als bisher auf den Grundwasserspiegel auswirken könne. Auch werde sich erst dann zeigen, ob ein neues Wasserwerk ausreicht oder ob es mehrere braucht, je nach festgestellter Ergiebigkeit. Schulz könnte sich etwa ein neues Werk am Bauhof bei Heskem vorstellen. Von dort aus müssten dann neue Leitungen verlegt werden.

Sollte das Projekt genehmigt werden, stünden wohl mehrere Millionen Euro an Ausgaben auf dem Programm. Auf der anderen Seite könnte sich die Gemeinde die rund 200.000 Kubikmeter Wasser vom ZMW sparen. Sollte die eigene Wasserversorgung gesichert sein, würde die Gemeinde aus dem Verband austreten. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, im Herbst sollen erste Gespräche mit dem Präsidium und dem Verband geführt werden.

Von Ina Tannert