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Südkreis Vom „Abee“ bis zum „Zwecker“
Landkreis Südkreis Vom „Abee“ bis zum „Zwecker“
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11:58 25.07.2020
Ein Teil der Erzählcafé-Teilnehmer kam zur Vorstellung des neuen Buches „Mer schwätze platt“. Quelle: Gemeinde Ebsdorfergrund
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Wittelsberg

Wer schimpft heute noch wie ein „Knotterbock“? Wer hält im Stall einen „Mock“? Oder wer stopft sich noch die „Rotzfohne“ in den „Drewwer“? So manchem Hessen dürften diese Begriffe aus dem regionalen Platt kaum noch etwas sagen.

Anderen sind sie wohlbekannt und die haben sie alle zusammengetragen. „Mer schwätze platt“ heißt das das neue Buch, das im gleichnamigen Erzählcafé im Grundtreff entstanden ist und das die Vielfalt des Dialekts dokumentiert – vom „Abee“, der Toilette, bis zum „Zwecker“, der bügellosen Brille.

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Frisch aus der „Druckerpresse“ wurde das Buch am Freitag auf der Terrasse des Grundtreffs der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dabei knapp zwanzig Mitwirkende und damit Besucher des Angebots Erzählcafé, das seit Eröffnung regelmäßig stattfindet.

Fast vier Dutzend Frauen und Männer haben in wechselnder Teilnahme unter der Regie des Wittelsbergers Hans-Werner Sauer seit März 2016 bis Ende 2019 fast vergessene Wörter aus dem heimischen Dialekt gesammelt. Sauer hat diese nach Themen unterteilt, die im Buch wiederum in alphabetischer Abfolge erscheinen.

56 Kategorien, die 60 Seiten füllen

So kann man etwa nach Begriffen zum Thema Essen, Landwirtschaft oder Tracht blättern, auch ganze Redensarten sind dokumentiert. Insgesamt 56 Kategorien, die 60 Seiten füllen. Die Wörter wurden zudem ins Hochdeutsche übersetzt und entsprechend ihrer Funktion oder Gemeinsamkeit geordnet.

Alles, um dem Dialekt die Ehre zu geben, ihn zu bewahren. Denn dieser stirbt vielerorts aus, soll gewürdigt werden und sei „ein Schatz, der verewigt wurde“, sagt Bürgermeister Andreas Schulz. Er gab zu, dass er seinerzeit als frisch gewählter Bürgermeister noch kein Wort auf Platt verstanden habe, „heute verstehe ich alles, was ich verstehen will, aber das Sprechen ist mir einfach nicht möglich.“ Platt könne eben nur richtig gesprochen werden, wenn man es von Kindesbeinen an gelernt hat.

Sein Wissen auffrischen kann man nun durch die abwechslungsreiche Sammlung. Die erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll auch nicht als klassisches Lexikon verstanden werden, „vielmehr soll durch diese neue Form der Zusammenstellung zum Lesen animiert werden“, erklärt Sauer. In der Hauptsache basiert das Buch im DIN A5-Format auf dem Teil des Dialekts, der fast vergessen ist, wobei der Übergang zu dem noch gesprochenen Platt fließend sei. Da die Aussprache in den einzelnen Ortsteilen und Nachbargemeinden zum Teil Unterschiede aufweist, wurde im Zweifelsfall die Wittelsberger Ausdrucksweise gewählt.

Gestaltung des Buches bewusst schlicht gewählt

Herausgeber des Buches ist der Gemeindevorstand Ebsdorfergrund, 5.000 Euro nahm die Gemeinde in die Hand, damit das Vorhaben realisiert werden konnte und auch das Erzählcafé half bei der Finanzierung mit. In der ersten Auflage sind 500 Stück erschienen, gestaltet vom Büro Wortbild aus Hachborn.

Die Gestaltung des in weiß und gedeckten Farben gehaltenen Buches sei bewusst schlicht gewählt, berichtet Agenturinhaberin Martina Becker. Die Bebilderung mit historischen Fotos in der Farbgebung Sepia aus vergangener Zeit von Menschen aus dem Ebsdorfer Grund solle dabei das Thema des Buches besonders unterstreichen. Sie dankte insbesondere dem Heimatverein Hachborn für die zahlreich zur Verfügung gestellten Fotos.

Das Buch „Mer schwätze platt“ ist in der Gemeindeverwaltung, in jedem Bürgerbüro und im Grundtreff für zehn Euro erhältlich.

Von Ina Tannert