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Südkreis Begegnung von Zeit und Klang
Landkreis Südkreis Begegnung von Zeit und Klang
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13:00 02.08.2019
Holz und Stein verwandelte Olaf Pyras im „Rössenhaus“ in Instrumente. Quelle: Heike Döhn
Argenstein

Zum ersten Mal fand damit ein Konzert in dem im Entstehen befindlichen Freilichtmuseum statt, das neben dem nachempfundenen Langhaus auch weitere modellhafte­ Gebäude bietet, die auf fünf Zeitstationen durch 11.000 ­Jahre Landschafts- und Kulturgeschichte führen sollen – eröffnet werden soll das aktuell nur zu besonderen Terminen zugängliche Freilichtmuseum 2022. Veranstalter des Konzerts war der Verein Karuszel.

Musik und Malerei hat auch die Menschen vor Tausenden von Jahren fasziniert, uralte Musikinstrumente wie beispielsweise Flöten und Höhlenmalerei zeugen davon. „Was die Menschen früher zur Klangerzeugung verwendet haben, das können wir heute nur ahnen“, sagte Olaf Pyras eingangs. „Wie könnte es früher geklungen haben, wenn Menschen Musik machten? Wir wissen es nicht.“

Doch welch erstaunliche Klangvielfalt scheinbar einfache Materialien bieten, davon konnten sich die Besucher im Langhaus einen Eindruck verschaffen. Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Schlagwerker nahm sich zunächst Holzstämme und Basaltstelen vor, denen er ganz erstaunliche ­Töne entlockte, virtuos und mit vielen Rhythmen, die vergessen ließen, dass es keine Instrumente im klassischen Sinn waren, die er mit Schlegel und Händen bearbeitete.

So war es kaum zu glauben, dass an Glocken oder Klavier erinnernde Töne von ­einem Stein stammten – mit ­geschlossenen Augen hätte man auf Metall gewettet. Und das Publikum war auch aufgefordert, selbst eine Art „Steinzeit-Orchester“ zu bilden:­ Mit je zwei Steinen, die die ­Besucher nach Anleitung Pyras‘ auf immer neue Arten aneinander rieben oder gegeneinander schlugen, erklang ein Rattern und Klackern, ein Schnattern und Rauschen, das wirklich­ ­etwas Orchestrales hatte und besonders dann faszinierte, wenn man dem Klang mit geschlossenen Augen lauschte.

Schlagwerker ließ das ganze Gebäude miterklingen

Wieder war es kaum zu fassen, welche Klangvielfalt mit ­allereinfachsten Mitteln erzeugt werden konnte. Dabei wurde­ der Mund als Resonanzboden genutzt, die Hände wurden zu Klappern. „Mit den beiden Steinen haben sie zwei Musikinstrumente, die mehrere Millionen Jahre alt sind“, sagte Pyras – „und wer weiß, ob nicht in all dieser Zeit schon einmal ­jemand mit ihnen Klang erzeugt hat.“

Es ging dabei nicht nur um das Erzeugen von Klang, sondern auch ums genaue Hören.­ Wie die von dünnen Stöcken durchpeitschte Luft klingt, zum Beispiel, oder der Lehmboden, wenn man mit den Händen über ihn reibt. Der Schlagwerker ließ so das ganze Gebäude miterklingen.

Nach der Pause gab es einen Zeitensprung ins Jahr 1969. Der dänische Komponist habe­ mit seiner Minimal-Music-­Komposition spätere Entwicklungen bereits vorweggenommen, erläuterte Pyras. „Waves“ habe auch die Zeit zum Thema. Auf Congas, Gongs und ­Becken spielte Pyras diese Komposition, und da war es wieder, das Spiel mit Laut und Leise, das Gleiten und Fließen, das An- und Abschwellen wie beim vorhergehenden Spiel mit Holz und Stein.

Eine faszinierende Welle aus Klang, die der Musiker am Ende auf Türen und Wände des Gebäudes ausdehnte und so ­eine Verbindung schuf zwischen Klang und Zeit. Das Publikum war begeistert und Dr. Andreas Tiedmann, Vorstandsmitglied der Zeiteninsel-Genossenschaft, war sich sicher, dass dies nicht das letzte Konzert in diesem Ambiente bleiben soll.

von Heike Döhn