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Südkreis „Rabenvater“ entlässt seinen Schützling
Landkreis Südkreis „Rabenvater“ entlässt seinen Schützling
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20:00 20.06.2020
Thomas Nahrgang vor seiner Voliere im Garten. Diesen Sonntag will er seine „Christel“ wieder freilassen. Quelle: Götz Schaub
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Rauischholzhausen

Am Sonntag, 21. Juni, ist es soweit. Dann zieht „Christel“ wieder aus und genießt hoffentlich die dann für sie bereitstehende große Freiheit. „Christel“ ist ein weiblicher Kolkrabe. Der Jung-Vogel wurde von einer Frau im Rauischholzhäuser Park vor etwa vier Wochen gefunden. Das Tier lag auf dem Boden, konnte einen Flügel nicht bewegen.

Die Frau brachte den Kolkraben in die ortsansässige Tierarztpraxis von Dr. Kathrin Zech. „Sie stellte fest, dass ein Bein angebrochen sei und fragte mich, ob ich mich des Vogels annehme“, sagt Thomas Nahrgang, Vermieter des Hauses, in dem die Tierarztpraxis eingerichtet ist. „Sie weiß, dass ich ein großes Herz für Raben habe“, ergänzt er.

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Dass er sich die letzten Wochen um einen richtigen Kolkraben kümmern durfte, hat ihn schon sehr bewegt und auch stolz gemacht. Das Tier sitzt in einer Voliere im Haus und hat sich an Nahrgang gewöhnt. Nun, sagen wir mal, der Vogel weiß, dass von ihm keine Gefahr droht.

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust

Auf andere Menschen reagiert der Vogel aufgeregt, schaltet schnell in den Fluchtmodus. Jetzt nach vier Wochen erscheint „Christel“, getauft nach dem Vornamen der Finderin, stark genug, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nahmen.

Aufgepäppelt wurde sie mit Rinderhack, einem speziellen Mineralfuttermittel, das ihm die Tierärztin empfohlen hat, und allerlei Leckerlis wie Weintrauben, Käse und Melone. Nahrgang hat diesen Moment zum einen herbeigesehnt, zum anderen auch gefürchtet. „Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Gerne würde ich noch mehr Zeit mit dem Tier verbringen, aber ich weiß auch, dass es sich um ein Wildtier handelt, das sich nach dem Leben da draußen sehnt.“

Aus der schützenden Voliere heraus kann der Vogel die vorbeifliegenden Vögel draußen sehen. Also wurde der Termin abgemacht. Am Sonntag um 14 Uhr wird der Vogel dort wieder freigelassen, wo er gefunden wurde, im Schlosspark. Zur „Auswilderung“ sind die Finderin, die Tierärztin und Freunde geladen. „Ich mache da aber kein großes Ereignis draus, sie sollen Zeuge sein, wie der Vogel in Freiheit kommt und das war’s.“

Anfangs noch ein Baby

Insgeheim ist Nahrgang aber doch gespannt, ob „Christel“ einen Blick zurückwirft, vielleicht noch einmal eine Ehrenrunde über den Köpfen ihrer Retter dreht. Ab dann muss sie sich selbst Nahrung suchen, vielleicht wird sie aber auch von ihren Eltern entdeckt. So war das mal mit einem anderen Raben.

„Das war noch ein richtiges Baby, als es mir Nachbarn brachten. Nur wenige Stunden zuvor hatte ich schon einen kleinen Raben bekommen. Die sind wohl beide aus demselben Nest gefallen. Vielleicht war es zu trocken und hat sich durch das Gewicht der Vögel nach unten geöffnet“, mutmaßt er.

Der kräftigere Vogel ist tatsächlich ein paar Tage später gestorben, das Baby hingegen entwickelte sich, blieb aber den nächsten Winter noch bei Nahrgang. Als das Tier dann im Frühjahr in der Voliere auf dem Grundstück war, seien tatsächlich die Eltern des Vogels gekommen und hätten versucht ihn zu füttern.

Ein Leben ohne Vögel...

„Man kann tatsächlich mit den Tieren richtig schmusen“, sagt Nahrgang. Obgleich sie sich richtig angefreundet hatten, sich vertrauten, war der Vogel dann beim Entlassen in die Freiheit sofort weg und kam auch nie wieder. „Das ist tatsächlich so, das haben Experten auch so erlebt“, sagt der Rauischholzhäuser.

Er bildet sich in Sachen Raben auch immer weiter, schaut viele Filme auf der Internetplattform Youtube über Menschen, die sich auch mit Raben beschäftigen. Das mag ihn jetzt über die nächste vogellose Zeit hinwegtrösten. „Ich bin halt ein echter Rabenvater und vermisse meine Vögel“, sagt er lachend. Er wünscht „Christel“ ein langes Leben.

Kolkrabe

Der Kolkrabe ist der größte Vertreter der Rabenvögel und zugleich der größte Singvogel der Welt. Ein gutes Erkennungszeichen ist der lange, dicke Schnabel. Kolkraben zählen mit zu den intelligentesten Vögeln. Sie kopieren und lernen schnell. Unter anderem nehmen sie sich Greifvögel als Fluglehrer. Ein ausgewachsener Kolkrabe erreicht eine Flügelspannweite von 1,20 Metern und eine Körperlänge von 65 Zentimetern.

Der Vogel gehört zu den Allesfressern, frisst Aas wie auch kleine Reptilien und Amphibien, Eier, aber auch Getreide und Obst. Nachdem der Bestand bis 1940 arg dezimiert worden war, ist der Kolkrabe jetzt wieder weit verbreitet.

Von Götz Schaub

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