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Südkreis Rettung auf vier Pfoten
Landkreis Südkreis Rettung auf vier Pfoten
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10:58 28.06.2020
Ein großer Tag für die Fellnasen: Im See in Niederweimar trainierten sie die Rettung von Menschen, die zu ertrinken drohen. Quelle: Fotos: Tobias Hirsch
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Niederweimar

Platsch! Mit einem lauten Klatschen landet Murphy im See in Niederweimar. Die Sonne brennt an diesem Sonntagvormittag, glitzernde Lichtpunkte auf dem kühlen Nass werden durcheinandergewirbelt. Hoch spritzt das Wasser, von dem der riesige schwarze Neufundländer so einiges verdrängt. Er ist ein perfekter Schwimmer und jetzt voll in seinem Element. Schließlich wurde die intelligente Rasse als Fischer- und Rettungshund gezüchtet.

Die „Rettungsmission“ beginnt, es gilt, eine „verunglückte“ Frau aus dem Wasser zu bekommen. Murphy schwimmt bedächtig los, peilt aufmerksam die Lage und schnappt sich den orange leuchtenden Rettungsring, der auf dem See treibt. „Zur Person!“, ruft Herrchen Dennis Schumacher vom Ufer aus. Sein Hund reagiert vorbildlich, mit dem Reifen im Maul paddelt er langsam aber beständig hinaus auf den See, spart seine Kraft, ganz nach Art des ausdauernden Neufundländers. So nähert er sich langsam der vor sich hin treibenden Frau. Die greift nach dem Ring und Murphy sich die Rettungsleine. „Zu mir!“, schallt es über das Wasser. Der vierbeinige Retter dreht bei und schleppt Reifen samt Schwimmerin zurück ans Ufer, auf festen Grund, in Sicherheit.

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Auslastung steht im Fokus

Die Rettung ist gelungen, zum Glück ist es „nur“ eine Übung, aber eine sehr wichtige, für echte Hundeprofis. Der Rüde absolviert gerade eine Trainingseinheit aus dem sogenannten D-Diplom der Wasserarbeit. Diese und viele weitere übt seit vergangenem Jahr die Wasserarbeitsgruppe des Hundesportvereins Ederbergland am See in Niederweimar. Nach langer Corona-Pause hat die Gruppe den Trainingsbetrieb nun wieder aufgenommen, findet sich fast jeden Sonntag am ruhigen Nordufer ein. Ein knappes Dutzend Menschen und Hunde sind versammelt, jede Menge Ausrüstung und Utensilien für den Rettungshundesport im Gepäck.

Murphy springt begeistert ans Ufer, schüttelt sich das Wasser aus dem Fell, dass es nur so spritzt, und wird ausgiebig gelobt, er hat seinen Job perfekt gemeistert: „Das war sehr gut, ganz hohe Schule – das D-Diplom ist die höchste Trainingsstufe“, berichtet Trainerin Sabrina Meißner. In die tatsächliche Rettungsarbeit gehen die Hund-Mensch-Teams dabei nicht, der Sport dient der Auslastung der arbeitsfreudigen Hunde, darunter viele große, schwere Rassen, die zu eben diesem Zweck gezüchtet wurden, „Wasser in den Genen“ haben, wie dem Neufundländer nachgesagt wird. „Wir sind eine reine Sportgruppe, die Bewegung, die Arbeit und der Spaß stehen im Vordergrund“, sagt Meißner.

Viele Hunde können es gar nicht erwarten, loszulegen. Quietschend und kläffend steht gerade Bubbles am Ufer, der schlanke schwarze Labrador-Mix ist kaum noch zu bändigen, er will jetzt arbeiten. Gut so, denn „Hildegard“ braucht Hilfe. Die menschengroße Puppe treibt herrenlos auf dem See, doch Rettung naht. Bubbles bellt, als würde er rufen: Wasser, Wasser, Wasser! Das kennen sicher viele Labrador-Halter, schließlich sind die Wasser-affinen Hunde darauf ausgelegt, werden auch in der Jagd eingesetzt, apportieren dort etwa erlegte Enten aus Teichen. Bubbles zischt los, landet mit einem Riesensatz im Wasser und schwimmt mit Höchstgeschwindigkeit hinaus auf den See.

„Nimm Arm“, ruft Halterin Justine Köhler. Das lässt dich der vierjährige Rüde nicht zweimal sagen und greift sich den Arm der übergroßen Puppe. Das Größenverhältnis ist ein ganz anderes als etwa beim Leonberger, doch auch der drahtige Mix schleppt Hildegard mühelos ans sichere Ufer. Die kleineren Hunde sind die schnellen, die Sprinter, kommen aber eher aus der Puste; „große Rassen wie der Neufundländer absolvieren eher einen Marathon, sparen ihre Kräfte und nutzen Strömungen, sie haben mehr Ausdauer“, erklärt Meißner.

Training macht den Meister

Mit Begeisterung saust nun der lockige Chesapeake „Sam“ ins Wasser, wird vom Boot aus gelockt mit einem Spielzeug. Das will der einjährige Rüde haben, schwimmt los und holt sich die Beute. Die soll er zurück zu Halterin Steffi Bonacker bringen. Sam paddelt fröhlich durch das Wasser, wird abgelenkt und verliert sein Spielzeug. Frauchen hilft aus, steigt im Neoprenanzug selbst ins kühle Nass und motiviert ihren Vierbeiner aus der Nähe. Während der offiziellen Prüfung dürfte sie das nicht, müsste eigentlich am Ufer beim Richter stehen, aber darum gibt es ja die Trainingseinheiten. Die Hunde haben sichtlich Spaß am Bewältigen ihrer Aufgaben, springen einer nach dem anderen motiviert in den See, in die Boote des Vereins und wieder hinaus, bergen ein verlorenes Paddel oder gleich ein abgetriebenes Boot. Eine besondere Herausforderung ist die „Rettungsmission“ unter Ablenkung, dafür steigen alle Mitglieder ins Wasser, bilden einen Kreis und machen richtig Stimmung: Lautes Rufen, Spielzeug fliegt umher, in den See kommt Bewegung. Wasserarbeit ist Teamsport. Ein Profi-Retter lässt sich auch von der Wasserparty nicht ablenken. Auftritt Nick: Der massige Rottweilerrüde ist erfahren, bleibt cool und schwimmt Seite an Seite mit Halter Wolfgang Meier kreuz und quer durch den Trubel.

Auch wenn es am See um Spaß und Abwechslung für Mensch und Hund geht, beim Training wird dennoch darauf geachtet, dass die Übungen auch korrekt und realitätsnah durchgeführt werden. „Der Hund muss sich konzentrieren, darf bei Menschen oder auch Dummies nicht zu stark zupacken“, erklärt die Trainerin. Auch für kleinere Hunde sei die Rettungsarbeit geeignet, vor allem aber für die großen Brocken, die Spaß am Wasser haben. Die Gesundheit spielt bei diesen eine wichtige Rolle, ist die Bewegung im Wasser doch besonders gut für die massigen Körper, „es gibt nichts besseres als Schwimmen für die Gelenke, das wird ja nicht umsonst auch in der Therapie eingesetzt.“

Ein idealer Nebeneffekt des Hobbys, für das die Vereinsmitglieder viele Wochenenden und sogar Urlaubszeit opfern, immer wieder zu Trainigscamps in ganz Europa reisen. „Mit dem Hund im Wasser zu sein ist einfach ein ganz besonderes Gefühl, wer einmal mit dem Virus Wasserarbeit infiziert ist, der bleibt dabei – wir sind froh, dass wir hier einen tollen Platz gefunden haben und bleiben dürfen“, schwärmt Trainerin Antje Neef.

Weitere Informationen zum Verein und der Wasserarbeit unter www.hundesportverein-ederbergland.de.

Von Ina Tannert

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