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Südkreis Das Kükenschreddern hat ein Ende
Landkreis Südkreis Das Kükenschreddern hat ein Ende
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10:00 10.06.2021
Margit Jung mit ihren Camping-Hühnern am mobilen Stall. Für jede ihrer Legehennen wird ein "Bruderhahn" aufgezogen.
Margit Jung mit ihren Camping-Hühnern am mobilen Stall. Für jede ihrer Legehennen wird ein "Bruderhahn" aufgezogen. Quelle: Ina Tannert
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Bellnhausen

Hähne haben in der Legehennen-Produktion keine Funktion, sie setzen kein Fleisch an, legen keine Eier. Das ist der Grund, warum männliche Küken nach dem Schlüpfen in der Brüterei aussortiert, getötet und auch geschreddert werden. Doch damit soll Anfang nächsten Jahres Schluss sein. Der Bundestag hat ein Gesetz verabschiedet, welches das massenhafte Töten der männlichen Küken ab 2022 verbieten soll. Laut dpa werden jährlich rund 40 Millionen Eintagsküken getötet.

Stattdessen sollen verschiedene Verfahren zum Einsatz kommen und ermöglichen, das Geschlecht des Huhns schon im Ei festzustellen, so dass die Küken vor dem Schlüpfen sortiert werden können. Die Techniken gibt es bereits, werden jedoch erst kurz vor dem Schlupf angewandt und stellen laut Gesetz nur eine Übergangslösung dar. Ab 2024 soll die Geschlechterbestimmung so frühzeitig erfolgen, dass der Embryo keine Schmerzen empfindet.

Agrarministerin Julia Klöckner äußerte sich gegenüber der dpa: „Damit sind wir weltweit Vorreiter.“ Als problematisch könnte sich jedoch der Import von Eiern oder Legehennen herausstellen, da das Gesetz nur deutschlandweit und nicht europaweit gilt.

Die Camping-Hühner am Mobilstall der Familie Jung aus Bellnhausen, die für jede ihrer Hennen einen "Bruderhahn" aufziehen lässt. Quelle: Ina Tannert

Eine Alternative zum Töten männlicher Küken ist unter anderem die Initiative Bruderhahn, die 2012 in Deutschland gegründet wurde. Den Junghähnen wird damit die Chance gegeben, aufzuwachsen. Sie werden für die Vermarktung genutzt, zu Masthähnen herangezogen und dann beispielsweise als Suppenhuhn angeboten.

Laut dem Bundesinformationszentrum Landwirtschaft ist die Haltung von Masthähnen allerdings doppelt so teuer wie die der Masthennen. Auch der Futteraufwand soll weitaus höher sein. Zudem soll die Mast viermal so lange dauern, bis das gewünschte Gewicht der Hähne erreicht ist.

Die Tierschutzorganisation PETA steht Bruderhahn-Initiativen kritisch gegenüber und spricht von „Verbrauchertäuschung“. Begründung sei ein verlängerter Leidensweg der Hähne.

Hühnerhalter setzen auf Bruderhahnaufzucht

Das sieht Margit Jung aus Bellnhausen anders, der Betrieb von ihr und Ehemann Günter Jung hat sich vor zwei Jahren der Initiative „Mein Bruderhahn“ angeschlossen: Die Familie hält rund 5000 „Camping-Hühner“ in mehreren mobilen Ställen in Freilandhaltung, hauptsächlich Legehennen mit einigen Hähnen pro Gruppe. Für jede Henne wird über die Initiative praktisch „als Gegengewicht“ ein Hahn im Betrieb Norbert Südbrock in Rheda-Wiedenbrück aufgezogen, erzählt Margit Jung. Auch die Hähne leben dort in Freilandhaltung in mobilen Ställen, werden mit etwa 18 Wochen geschlachtet und danach im Betrieb von Familie weiter verarbeitet und vermarktet.

Selber Küken züchten sei auf dem eigenen Hof nicht möglich, dafür fehlt der Platz und ein geeigneter, warmer Stall. Die Zahl der Brütereien im Land geht seit Jahren zurück, die verbleibenden konventionellen Unternehmen wurden immer größer. Ob diese sich mit der Gesetzesänderung so verhalten, wie es sich die Politik vorstellt, glaube sie jedoch nicht, sagt Margit Jung. Sie begrüßt das neue Gesetz gegen das Kükentöten ausdrücklich, „das war längst überfällig, ethisch ist es nicht vertretbar, ein Tier zu töten, weil es nichts wert ist“.

Die Landwirtin ist bei der Umsetzung jedoch wenig optimistisch. Einerseits könnten nicht plötzlich Millionen Hähne, deren Fleisch sich bisher auch nicht vermarkten ließ, einfach aufgezogen werden. Andererseits sei die Technik zur Früherkennung im Ei vielerorts nicht vorhanden, zudem noch nicht ausgereift, da der Embryo zum Zeitpunkt, wenn er in der Regel aussortiert wird, bereits schmerzempfindlich ist. Beide Wege – Aufzucht wie Ei-Geschlechtererkennung in Massen – hält sie zum jetzigen Zeitpunkt für „unrealistisch“, fürchtet zumindest weitgreifende Konsequenzen.

Sie schätzt, dass große Unternehmen künftig wohl verstärkt Eier billiger aus dem Ausland einkaufen, wo das Kükentöten erlaubt bleibt, „große Brütereien haben sicher schon längst in den Nachbarländern gebaut“. Auch Tiergärten oder Greifvogelstation dürften Eintagsküken als Futtermittel wohl vermehrt außerhalb suchen.

Und weniger geschlüpfte Hähne könnten sich auch auf das Bruderhahn-Konzept auswirken, zumindest im konventionellen Bereich. Sie würde mit ihrem Partner-Betrieb dann auf Bio-Aufzucht umstellen, vermutet, dass sich kleine Bio-Betriebe eher mit dem neuen Gesetz arrangieren und auf Regionalität setzen werden.

Neue Forschung: Hähne leuchten anders

Dabei würde sie sich wünschen, dass lokale Erzeuger im Land bleiben und gestärkt, die Voraussetzungen verbessert werden. Hoffnung setzt sie auf ein neues Forschungsprojekt von der technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, mit dem die Geschlechterbestimmung im Ei schon ab dem dritten Bruttag möglich sein soll: Durch ein winziges Loch in der Schale wird der Hühner-Embryo mit einem Laser beleuchtet. Anhand der Intensität des Lichtes soll sich das Geschlecht bestimmen lassen, früher als bei bisherigen, vergleichbaren Techniken.

Das Gesetz sei ein maßgeblicher Anfang, reiche aber nicht aus: Jung fordert mehr, etwa Haltungskennzeichnung für Eier in verarbeiteten Produkten. Es liege dann am Verbraucher, wie sich der Markt entwickelt: Jeder könne darauf achten, welche Eier sie oder er kauft oder woher das Hühnerfleisch auf dem Teller stammt, ob von der Henne oder dem Hahn.

Von Ina Tannert und Larissa Pitzen

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