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Südkreis Ärzte fühlen sich ausgebremst
Landkreis Südkreis Ärzte fühlen sich ausgebremst
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08:00 22.04.2021
Die Ebsdorfer Ärzte Dr. Ulrich Freitag und Raed Alakhras zeigen die übersichtliche Impfstofflieferung für diese Woche.
Die Ebsdorfer Ärzte Dr. Ulrich Freitag und Raed Alakhras zeigen die übersichtliche Impfstofflieferung für diese Woche. Quelle: Ina Tannert
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Ebsdorf

Zwei Fläschchen sorgen bei dem erfahrenen Sport- und Allgemeinmediziner Dr. Ulrich Freitag gerade für Kopfschütteln, frustriert schaut er auf den übersichtlichen Inhalt der kleinen blauen Kühltasche. In der finden sich jede Woche die frisch gelieferten Vakzine für die Corona-Schutzimpfungen seiner Patienten und wandern dann in den Kühlschrank der Ebsdorfer Praxis.

Am Montag kam die Lieferung für diese Woche aus der Apotheke an, ein Fläschchen Impfstoff von Biontech/Pfizer und eins von Astrazeneca. „Mehr gab es dieses Mal nicht, das sind insgesamt 16 Impf-Dosen“, erklärt Freitag genervt. Aus einer Biontech-Ampulle können sechs Dosen gewonnen werden, aus der Astrazeneca-Flasche zehn. Viel zu wenig für eine ganze Woche, findet Freitag, der sich ärgert, dass selbst im Vergleich zu den ersten beiden Impfwochen, seit die Hausärzte Teil der Impfkampagne sind, die nun gelieferte Mengen weiter reduziert wurden.

Vergangene Woche waren es noch mehr: Insgesamt 18 Dosen Biontech und 30 Spritzen mit Astrazeneca konnten verimpft werden. „Ich war schockiert, als ich dann die neue Lieferung sah, eigentlich sollte es doch jetzt richtig losgehen mit den Impfungen“, sagt auch Kollege Raed Alakhras, Arzt in Weiterbildung in der Praxis.

Die Mediziner fühlen sich ausgebremst, sie halten sich an die bundesweite Impf-Priorisierung, wollen gerne so viel impfen wie möglich, können aber nicht und die Warteliste werde immer länger. Alleine in der kleinen Praxis in Ebsdorf seien schon ohne Überstunden locker 100 Impfungen die Woche möglich, doch dafür reichen die Lieferungen nicht. „Dabei müssten wir den Impfstoff eigentlich viel schneller unter die Leute bekommen, nur so können wir die dritte Welle brechen“, betont Freitag.

Die Apotheke könne auch nichts dafür, dass die aktuelle Bestellung – die Praxen werden einmal pro Woche mit Impfstoff und Zubehör beliefert – deutlich geringer ausfällt. Die ist auf den Großhändler angewiesen, dieser wiederum darauf, wie viel Impfstoff für alle zur Verfügung steht und von der Bundesregierung in den Ländern möglichst gerecht verteilt wird.

Das nicht planbare Auf und Ab, häufig wechselnde Vorgaben und Liefermengen, das bürokratische Prozedere sowieso, zerren an den Nerven vieler Ärzte, die wie Freitag lange Wartelisten und ständige Nachfragen von Patienten abarbeiten. Vielen können sie dabei keine festen Versprechen machen, wann wie viel des weiterhin knappen Impfstoffs bei ihnen ankommt.

Astrazeneca-Lieferung entfällt für Praxen

Auch für die kommende Woche gab es erneut Mengen-Anpassungen: Vorgesehen war laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KV) eigentlich, dass bundesweit in der Woche 1,5 Millionen Impfstoffdosen für die Praxen zur Verfügung stehen, davon etwa drei Viertel Biontech und ein Viertel Astrazeneca.

Nun hat das Bundesgesundheitsministerium für die Woche (26. April bis 2. Mai) den Astrazeneca-Anteil komplett gestrichen. Warum, das sagt der Bund nicht. Es sollen aber ausschließlich Biontech-Dosen verteilt werden, zudem mehr als ursprünglich geplant. Das bestätigt auf OP-Nachfrage auch die KV Hessen und teilt mit: „Nunmehr erhalten die Arztpraxen ausschließlich Impfstoff von Biontech/Pfizer“, dafür insgesamt zwei Millionen Dosen, das sei „deutlich mehr als bisher avisiert waren“.

Für die kommende Woche hatte Mediziner Freitag eigentlich auf etwa 80 Dosen gehofft, nun seien es immerhin bis zu 48, dennoch wenig, „es ist eine leichte Verbesserung, aber auch ein Ärgernis“, findet er. Zumal vor dem Hintergrund, dass demnächst wohl die Priorisierungsgruppe drei an die Reihe kommen dürfte, zusätzlich stehen dann noch die Zweitimpfungen der jetzigen Impflinge an. Zusammengenommen „sehr viele Menschen, die dann auch geimpft werden wollen“.

Hessenweit impfen laut KV mittlerweile knapp 2 000 Arztpraxen gegen das Coronavirus, wie viele Praxen im Landkreis Marburg-Biedenkopf beteiligt sind, kann die Vereinigung indes nicht sagen, da bisher keine regionalen Zahlen vorliegen. Dasselbe gilt auch für die Anzahl der verimpften Dosen in den heimischen Praxen. Auch der Landkreis kennt nur die Zahlen aus dem Impfzentrum, nicht die aus den Arztpraxen und kann diese daher auch nicht im täglichen Bericht dokumentieren, teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit.

Von Ina Tannert