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Südkreis Patchwork: Süchtig nach dem Stoff
Landkreis Südkreis Patchwork: Süchtig nach dem Stoff
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17:56 26.07.2019
Bunte Decken kann man nie genug haben: Caroline Pitzer an ihrer Nähmaschine. Quelle: Dominic Heitz
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Überall liegen bunte Decken rum – pardon: Quilts. Dazu noch Stoffe, Vliesrollen­ und im Zentrum des bunten Kosmos eine Nähmaschine. „Meinen Porsche“ nennt Caroline Pitzer das Gerät. Seit sie sich in der Volkshochschule zum ersten Mal mit Patchwork beschäftigte, steht die Maschine kaum noch still. Auf die Frage, wie viele Quilts man denn so braucht, sagt Pitzer: „Alle“.

Pitzer hatte damals nach einem neuen Hobby gesucht; am besten eines, bei dem sie das Haus nicht verlassen musste,­ denn sie hat zwei Töchter, die noch immer bei ihr leben. Handarbeit sei in ihrer Familie immer ein Thema gewesen, sagt sie, weil sie und ihre Verwandten kurze Beine hätten und ihre Hosen umnähen müssten, um nicht zu stolpern.

Patchwork-Begeisterte sind traditionell in Gilden organisiert. „Die Mädels treffen sich, sind Mitglieder und haben geheime Zeichen, Anstecker und sowas“, sagt Pitzer. Das kam für sie aber nicht infrage. Sie wollte sich nicht starren Regeln unterwerfen, lieber mal etwas improvisieren. „Freestylen“, sagt sie.

Austausch mit Quilt-Begeisterten im Internet

Für den Austausch mit anderen Quilt-Begeisterten gibt es ja jetzt auch das Internet. In den sozialen Netzwerken und auf Internetseiten offenbart sich, dass Patchwork noch immer von vielen betrieben und geliebt wird. Es gibt unzählige Tutorien für das Hobby, in Foren tauschen die Patchworker ihre Ideen aus und es gibt sogar Stars in der Szene.

Die Australierin Sarah Fielke­ zum Beispiel ist Caroline­ ­Pitzers „Superheldin“. Fielke­ schreibt Bücher und versorgt ­ihre ­Anhängerschaft mit Ideen.­ Zum Beispiel über das soziale­ Netzwerk Twitter, wo sie seit 2009 über 32.000 Beiträge veröffentlicht hat, die meisten ­davon zum Thema Quilten und Patchwork.

Die US-Amerikanerin Tula­ Pink, eine weitere Berühmtheit in Patchwork-Kreisen, ist so erfolgreich, dass sie Sponsorenverträge mit Nähmaschinenherstellern abschließt. Auch Pink ist in der Szene bekannt für ihre Videos, in denen sie das Handwerk erklärt oder kreative Ideen vermittelt.

Jenny Doan: Die Oprah Winfrey der Quilt-Szene

Und dann gibt es da noch Jenny Doan aus Hamilton, einem kleinen Ort mit knapp 1.800 Einwohnern im US-Bundesstaat Missouri. Doan hat das Dorf mit ihrer „Missouri Star Quilt Company“ berühmt und aus ihrem Hobby ein millionenschweres Geschäft gemacht. Jenny Doan sei so etwas wie die Oprah Winfrey der Quilt-Szene, sagt Caroline Pitzer. Talkshow-Moderatorin Winfrey galt vor einigen Jahren als eine der erfolgreichsten Frauen im US-amerikanischen Fernsehen und ist weit über die Landesgrenzen hinweg ­bekannt.

Jenny Doan hingegen hat ihr Glück nicht mit Fernsehgesprächen gemacht, sondern mit ­Tutorien, die sie auf dem Videoportal „Youtube“ im Netz veröffentlichte. 167 Millionen Mal wurden ihre Videos schon angeschaut. Das sind Zahlen, von denen viele Fernsehsender nur träumen können.

Um diese Patchwork-Stars tummelt sich die digitale Szene. Caroline Pitzer arbeitet zum Beispiel mit vielen anderen derzeit am „Block of the Month“, dem Block des Monats. Sarah Fielke veröffentlicht etwa einmal alle vier Wochen ein Design für einen einzelnen Block, den ihre Anhängerinnen dann nachnähen. Aus den einzelnen Blöcken entsteht dann irgendwann einmal ein kompletter Quilt.

Textile Umarmung

Auch kommt es vor, dass alle gemeinsam an einem Quilt arbeiten. So sei eine Frau gestürzt und verletzt ins Krankenhaus gekommen, erzählt Pitzer. Sofort verabredeten sich andere Patchworkerinnen, um gemeinsam ein Quilt mit Genesungswünschen zu nähen. Immer in dem Glauben, dass ein Quilt dem Menschen gut tut, der ihn sich umlegt. „Ein Quilt ist eine immerwährende Umarmung, sagt Caroline Pitzer.

Die 43-Jährige spielt mittlerweile mit dem Gedanken, selbst auch im Internet zu veröffentlichen. Pitzer ist Fremdsprachenkorrespondentin und spricht fließend Englisch, könnte also durchaus in englischer Sprache vor der Kamera sprechen. Das würde die Zielgruppe wesentlich vergrößern, sagt sie.

In dem sozialen Netzwerk „Instagram“ ist die Wetteranerin schon mit ihrem Kanal „white­timbercottage“ vertreten und auch einen eigenen Blog veröffentlicht sie schon. Sie ­bekomme viel Lob aus der ­internationalen Szene für ihre Arbeit, sagt sie.

Anfang 2020 geht es aber erstmal raus aus der digitalen ­Kuschelzone. Die Australierin Sarah Fielke besucht die Niederlande. Das werden sicherlich viele Patchwork-Begeisterte nutzen, um ihren Internet-Star persönlich kennenzulernen. Caroline Pitzer jedenfalls will gemeinsam mit einer Freundin hinfahren.

von Dominic Heitz