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Südkreis Auf Trauer folgt der Ärger
Landkreis Südkreis Auf Trauer folgt der Ärger
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17:58 03.12.2020
Kater Tom sitzt mit Nicole Schulz (von links) und ihren Söhnen Anton, Marlon und Hannes zusammen. Katze Ena starb im Juli, davon erfahren hat Familie Schulz erst zwei Monate später. Quelle: Ina Tannert
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Niederwalgern

Sie werden „Ena“ wohl immer in guter Erinnerung behalten, nicht aber die letzten Tage und Wochen, bevor ihre Katze starb. Mutter Nicole Schulz aus Niederwalgern und ihre Söhne hatten einmal zwei Katzen, Kater Tom ist noch bei ihnen. Die etwa 14 Jahre alte Katze Ena wurde im Juli vom Tierarzt eingeschläfert, nachdem sie krank und geschwächt von Findern ins Tierheim gebracht wurde. Davon erfahren hat Nicole Schulz erst im September – durch ein Bußgeldverfahren wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.

Der Schock darüber sitzt auch Monate danach noch tief, „die ganze Geschichte hat mich so aufgeregt, meinen Frieden konnte ich immer noch nicht damit machen“, erzählt Nicole Schulz, die von den letzten Monaten berichtet. Ena war seit Ende 2019 gesundheitlich angeschlagen, hatte eine Schilddrüsenüberfunktion, bekam Medikamente, „das hat geholfen, sie war wieder fit“, erinnert sich die Halterin.

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Katze wird ohne Schulz’ Wissen eingeschläfert

Die Behandlung zog sich bis in den April, dann fing das Tier an zu humpeln. Der Tierarzt stellte Arthrose fest, vermutete zudem am linken Hinterbein einen Bänderriss. Auf eine Operation wurde wegen der Schilddrüsenerkrankung verzichtet, die Katze erhielt Schmerzmittel.

Am 7. Juli verschwand Ena dann, „plötzlich war sie weg, ich dachte noch, vielleicht hat sie sich zum Sterben zurückgezogen“. Sie wurde jedoch einen Tag später von Findern ins Tierheim gebracht. Ein Nachbar machte die Halterin auf die Online-Fundmeldung aufmerksam. Sie holte die Katze wieder ab, hinterließ ihre Nummer und aktualisierte die da noch veralteten Besitzerdaten, die über das Chip-Implantat des Tieres zugeordnet werden.

Das Tierheim hatte sie über die alte Nummer nicht erreichen können. Am 14. Juli, eine Woche später, wurde sie erneut ins Tierheim gebracht. Zu dem Zeitpunkt sei die Familie im Urlaub gewesen, ihr ältester Sohn hatte sich um Ena gekümmert und vergeblich nach ihr gesucht, erzählt die Mutter.

Im Schreiben des Landkreises von September heißt es, dass die Katze beim zweiten Auffinden „mittlerweile hochgradig abgemagert (Gewicht: 1,4 Kilogramm) und stark ausgetrocknet“ gewesen sei. Die Katze kam zum Tierarzt, zwei Tage später wurde sie eingeschläfert. Eine Sektion zeigte, dass sich am linken Hinterbein ein Tumor gebildet hatte. Das überraschte Nicole Schulz erst recht, ihr Tierarzt hatte damals eine andere Diagnose gestellt. Mehr noch nehme sie mit, dass sie damals nichts vom Verbleib ihrer Katze erfuhr, „wie kann man mein Tier einschläfern, ohne mir Bescheid zu sagen, wir hätten uns von Ena verabschieden können“, ärgert sie sich noch heute.

Im Ordnungswidrigkeitsverfahren wird ihr vorgeworfen, sie habe versäumt, die Katze, „trotz hochgradigen Krankheitssymptomen keinem Tierarzt zur Behandlung oder Euthanasie vorgestellt“ zu haben. Sie habe dem Tier „ohne vernünftigen Grund erhebliches Leid zugefügt“. Der Vorwurf der Vernachlässigung mache ihr sehr zu schaffen, sie sieht diesen als unbegründet an, habe alles getan, um Ena ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen. Sie schaltete einen Anwalt ein, nahm Stellung zu dem Vorwurf. Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt, das angedrohte Bußgeld musste sie nicht zahlen. Sie will dennoch öffentlich über den Fall sprechen, möchte das „nicht so einfach stehenlassen“. Ihr gehe es nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen, „ich will nicht verurteilen, sondern hinterfragen“.

Entscheidung „im Sinne des Tieres“

Ob ein Tier eingeschläfert wird, bestimmen grundsätzlich die Betreuungstierärzte des Tierheims, in Ausnahmen kann das auch der Amtstierarzt, teilt der Landkreis auf Nachfrage mit.

Wie auch das Tierheim der OP berichtet, war Ena, als sie am 15. Juli erneut abgegeben wurde, in schlechter Verfassung, „sie hatte stark abgebaut, war stark dehydriert, weiter abgemagert und geschwächt“. Sie sei sofort stationär beim Tierarzt aufgenommen worden. Das Tierheim habe versuchte, die Halterin zu informieren, „wir haben sie nicht erreicht“, teilt Geschäftsführerin Maresi Wagner mit. Auch von Seiten der Familie sei nicht nach dem Verbleib von Ena gefragt worden.

Nachdem sich der Gesundheitszustand der Katze weiter verschlechtert habe, sei nach Absprache mit dem Veterinäramt „im Sinne des Tieres“ entschieden worden, „um ihr Leiden zu verkürzen“, erklärt Wagner. Das weitere Verfahren lief dann über die Behörde. „Es tut uns immer leid, wenn Tiere bei uns im Tierheim ihren letzten Weg antreten müssen“, betont die Tierheimleiterin. Das komme nicht häufig vor, immer wieder würden jedoch Tiere „in einem dermaßen erschreckenden Verwahrlosungs- und Erkrankungszustand gefunden werden“, dass manche am Ende nicht mehr gerettet werden könnten.

Von Ina Tannert

Tierschutzgesetz

In Paragraf 18, Absatz 1, Nummer 1, des Deutschen Tierschutzgesetzes heißt es: „Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig einem Wirbeltier, das er hält, betreut oder zu betreuen hat,  ohne vernünftigen Grund erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt ...“ Bei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz kann die Ordnungsbehörde ein Bußgeld verhängen. In Marburg-Biedenkopf lagen die Bußgelder laut Kreis-Pressestelle in den vergangenen Jahren zwischen 100 und 1000 Euro. Im Jahr 2018 wurden 16 Bußgeldverfahren aufgrund von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz durchgeführt, zwei Fälle wurden an die Staatsanwaltschaft weitergegeben. Im Jahr 2019 waren es zehn Bußgeldverfahren und drei Abgaben an die Staatsanwaltschaft.  tan