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Südkreis Kreuzträger und Netzwerker
Landkreis Südkreis Kreuzträger und Netzwerker
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10:57 13.10.2019
Gespräch auf Augenhöhe: Bundesminister Hubertus Heil (links) tauscht sich mit Bernd Gökeler aus. Quelle: Thomas Rafalzyk
Hachborn

Die Merkel-Raute ist die typische Handhaltung der Bundeskanzlerin, das Äquivalent des Hachborners Bernd Gökeler sind die ineinandergeschobenen Finger – sein Zeichen für das Netzwerken.
„Ich habe versucht, mir all ihre Ehrenämter und Funktionen zu merken. Doch ich bin kläglich gescheitert. Sie sind einfach viel zu aktiv“, sagte Sozialminister Hubertus Heil, kurz bevor er dem Hachborner Bernd Gökeler den Verdienstorden für soziales Engagement ansteckte.

Der 50-Jährige ist unter anderem der Sprecher der Kreisgruppe des Wohlfahrtsverbandes „Der Paritätische Hessen“, einer von vier Autoren des regionalen Armutsberichts „Unfassbar – Armut unter uns“, Mitbegründer des Aktionstages für Gleichstellung in Marburg (5. Mai) und Delegierter des Landesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft.

„Man fühlt sich hilflos“

Im Mittelpunkt seiner Auszeichnung stand jedoch sein Engagement als Leiter der Multiple-Sklerose-Selbsthilfegruppe Marburg-Biedenkopf und Vorsitzender des Netzwerkes für Teilhabe und Beratung.

Mitte der 1990er-Jahre hatte Gökeler die Diagnose MS (Multiple Sklerose) bekommen. Ein Schock: „Man bekommt die ­Diagnose an den Kopf und fühlt sich hilflos“, erinnert er sich. Die Behindertenhilfe sei ihrem Namen nicht gerecht geworden, es habe ihm Orientierung gefehlt und er sei drei Jahre lang zwischen Erkrankungen, Diagnose­findungen und Medikamentierungen hin- und hergedriftet.

Kritik an schlechter Infrastruktur

„Ich war in der Problematik an sich verloren, habe mich von der Krankheit führen lassen – dabei bin ich eigentlich ein kopfgesteuerter Mensch.“ Stück für Stück sei sein Körper „bankrott“ gegangen. Dann aber beschloss Gökeler, wieder die Kontrolle zu übernehmen – und dafür zu sorgen, dass andere Menschen im richtigen Moment die passende Hilfe an die Hand bekommen.

Er entschloss sich zum Engagement in der MS-Selbsthilfegruppe und übernahm recht bald die Aufgabe, Fahrten und Urlaube für Menschen mit Behinderung zu organisieren. Eine Mammutaufgabe, wie sich auch heute noch zeigt. Nur zwei Beispiele, auf was für Schwierigkeiten er stößt: An der Ostsee gibt es lediglich ein barrierefreies Hotel, in ganz Deutschland nur 50 barrierefreie Busse. Bei neun Millionen Menschen mit Behinderung. Von der Finanzierung der kostspieligen Fahrten ganz zu schweigen.

Erkrankung hat die Augen geöffnet 

Doch Gökeler ließ sich nicht entmutigen: Als Not am Mann war, übernahm er sogar den Vorsitz der Selbsthilfegruppe – und später auch des Netzwerkes für Teilhabe und Beratung beziehungsweise der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung Marburg-Biedenkopf“.

Ein Projekt, das ihm besonders am Herzen liegt, weil es eine unabhängige Beratungsstelle ist, die kostenfrei allen Menschen mit egal welcher Behinderung zu allen­ Themen der Teilhabe offen steht. Eine für alle, damit selbstbestimmtes Leben auch mit Handicap ein Stück mehr möglich werden kann.“

Dabei fügt er hinzu: „So makaber es ist, aber MS ist dabei als sogenannte Erkrankung der tausend Gesichter ein Vorteil für mich: Man hat andere Behinderungen im Blick“ – und kann sich somit auch auf andere Menschen mit Behinderung einstellen und ihre Bedürfnisse nachvollziehen.

Das Gespräch mit Minister ist ihm wichtig

Gökeler will, dass andere Menschen nicht die Orientierungslosigkeit erfahren müssen, in die er zunächst hineinschlitterte. Er hilft und unterstützt mit viel Erfahrung und Qualität, denn er kennt sich hervorragend auf den unterschiedlichsten Gebieten aus.

Und vor allem: Er schweigt nicht, sondern meldet sich zu Wort. Da wundert es nicht, dass er sagt: „Der Orden – meine erste Auszeichnung übrigens – ist mir weniger wichtig als die Tatsache, dass ich gegenüber dem Bundesminister verschiedene Themen ansprechen konnte. Sein Appell an die Politiker des Landes: „Behinderung ist nicht heilbar, das Behindern schon.“

von Florian Lerchbacher